Brasilien

Die Schätze der Trockenzone

Im Sertao, einer kargen Gegend im Nordosten Brasiliens, lernen die Menschen, mit wenig Wasser viel zu bewirken. Doch die Trockenzone genießt inzwischen mehr Aufmerksamkeit, als ihr guttut. Investoren und Regierung interessieren sich für die hier lagernden Rohstoffe.

Martina Doering
9 Min
Noch gibt es Wasser in den Staubecken, in denen der selten fallende Regen aufgefangen wird. Das Wasser wird für die Viehzucht genutzt, auch für Rinder, die mehr als 50 Liter am Tag trinken und eigentlich nicht in die Gegend passen.

Noch gibt es Wasser in den Staubecken, in denen der selten fallende Regen aufgefangen wird. Das Wasser wird für die Viehzucht genutzt, auch für Rinder, die mehr als 50 Liter am Tag trinken und eigentlich nicht in die Gegend passen.

© BLZ/Martina Doering Lizenz

Doch der kleine, drahtige José Edmilson steckt in blauer, abgetragener Arbeitskleidung und trägt geflickte Sandalen. Er windet sich vor Verlegenheit und schaut meist zu Boden oder zu einem fernen Punkt am Horizont. Er habe 2002 einen Wassersucher-Kurs besucht, der von der deutschen Hilfsorganisation Caritas international mitfinanziert wurde. 40 Männer und Frauen hätten teilgenommen, erzählt er, aber nur drei davon die Gabe gehabt – und einer sei er gewesen. Seither habe er etwa 600 Wasserstellen aufgespürt. Die letzte von ihm gefundene Quelle befinde sich auf diesem Grundstück, nur wenige Meter entfernt. Dort türmen sich Sandberge um ein tiefes Loch, Schaufeln lehnen an einem Baum, doch kein Arbeiter ist zu sehen. In vier Metern Tiefe seien die Arbeiter auf einen Granitfelsen gestoßen, und jetzt stocke der Bau, erklärt José Edmilson.

Flucht in die Stadt

Um Land und Leute des Sertão hat sich lange niemand groß geschert, die Gegend gilt als das Armenhaus Brasiliens, woran auch die rasante Wirtschaftsentwicklung in den letzten Jahren und alle Sozialprogramme der Regierung nichts geändert haben. Der globale Wohlstandsindikator der Uno, bei dem Lebenserwartung, Bildung und Lebensstandard gemessen werden, liegt für diese Gegend auf dem Niveau notorischer Hunger-Staaten in Westafrika. Die meisten der Sertão-Bewohner sind Kleinbauern. Denn es mag hier zwar trocken sein, aber Leben und Landwirtschaft sind dennoch möglich. In einigen Gebieten ist der Boden überaus fruchtbar, sobald er bewässert wird oder Regen fällt. Weil es aber in Intervallen schon seit Jahrhunderten immer wieder langanhaltende Dürren gibt, die seit Ende der Siebzigerjahre sogar in immer kürzeren Abständen auftreten, wanderten Bauern und Landarbeiter aus der Region zu Tausenden in die Städte ab.

Im Sertão ist es immer noch trocken, und wegen Klimaveränderung, Abholzung und Brandrodung fällt sogar weniger Regen denn je. Doch die Trockenzone genießt inzwischen große Aufmerksamkeit und manchmal mehr, als ihr guttut. Investoren und Regierung interessieren sich für die hier lagernden Rohstoffe, unter anderem Kupfer, Gold, Mangan, Zinn. Mit den Export-Erlösen oder Gebühren für die Abbaulizenzen sollen, so die Regierung, unter anderem die Sozialprogramme bezahlt werden. Zudem melden die Nachfahren von Großgrundbesitzern, die zur Kolonialzeit einst hier Land geschenkt bekamen, es später nicht mehr bewirtschafteten und zurückgaben, alte Ansprüche an. Und eine Armada brasilianischer Hilfsorganisationen steht den Bewohnern ob der neuen Bedrohungen zur Seite.

José Edmilson muss nicht lange überlegen, was sich für ihn und die Seinen in den letzten Jahren verändert hat, ob zum Positiven wie Negativen. Ohne das große Engagement lokaler wie auch internationaler Hilfsorganisationen im Sertão hätte er nie seine Wassersucher-Gabe entdecken und nutzen können. Aber in einer Kommune sei das Gemeindeland von der Regierung an einen brasilianischen Bergbaukonzern verpachtet worden. Ähnliche Pläne soll es für andere Flächen und auch die seiner Gemeinde geben. Auf dem Gemeindeland aber suchen Ziegen und Schafe der Dorfgemeinschaft ihr Futter, der Verlust dieses Landes würde sich drastisch aufs Familienbudget auswirken, auch wenn seine Frau inzwischen hinzuverdient. Sie ist Mitglied in einer Kooperative, die die Früchte des nur in Brasilien beheimateten Umbu-Baums verarbeitet und ihre Produkte mittlerweile weltweit erfolgreich vermarktet.

Negativ zu Buche schlage auch, zählt José Edmilson weiter auf, dass immer mehr Bauern nicht mehr nur Schafe und Ziegen hielten, sondern auch Kühe. Die Tiere seien für sie Statussymbole, ein Synonym für Wohlstand – aber eine Kuh trinke eben rund 50 Liter Wasser am Tag. Und dann siedelten sich immer mehr Menschen im Sertão an, was die knappen Ressourcen noch knapper werden ließe. Diese neuen Bewohner suchten Arbeit auf den Großplantagen oder in den neuen Bergbauminen. Aber auch einstige Sertão-Flüchtlinge kehrten aus den Großstädten zurück.

Wie zum Beispiel José Jacinto Suzano, der hier geboren wurde, aber über drei Jahrzehnte in São Paulo gearbeitet und gelebt hat. Seit einigen Jahren bewirtschaftet der 63-Jährige mit seiner Frau hier wieder einen Hof mit rund 100 Hektar. Zurzeit ist er jedoch weniger Bauer denn Nothelfer für Pflanzen und Getier: Seine zehn Kühe hat er zu einem Bauern in die Küstenregion gebracht, wo sie die Dürre überstehen sollen. Nur die Esel, ein paar Schafe und Ziegen sind geblieben. Weil er auf den Feldern wenig tun kann, werkelt er im Hof herum, der einer Baustelle ähnelt: Auf einem Haufen liegen Ziegel, in der Ecke stapeln sich leere Zementsäcke. José Jacinto Suzano nutzt das „Eine-Million-Zisternen“-Programm, das von Hilfsorganisationen initiiert, umgesetzt und von der Regierung unterstützt wird. José Jacinto Suzano hat sich ein solches Wasser-Reservoir etwa 50 Meter von seinem neuen Ziegelhaus entfernt in den Garten gebaut. Die Zisterne fasst 25.000 Liter und wird durch Regenwasser gefüllt, das über Kanäle in die Betongrube läuft. Er musste 3000 Euro für den Bau beisteuern.

Der Trinkwasser-Vorrat in einer solchen Zisterne reicht für eine fünfköpfige Familie über ein Jahr. Regnet es nicht, kauft José Jacinto Suzano Wasser dazu, das per Tanker herangefahren wird. Für eine Füllung muss er umgerechnet rund 500 Euro ausgeben. Das könne er sich nur leisten, sagt der Neu-Bauer, weil er früher als Fabrikarbeiter und zuletzt als Grillstand-Besitzer etwas sparen konnte. Zudem bekomme er eine kleine Rente. Und alles, was die Familie tagtäglich zum Leben bräuchte, komme aus dem Garten und vom Feld.

Traditionelles Wissen nutzen

Dort wachsen Maniok, Koriander und Wassermelonen, Bohnen und Salat, Getreide und Mais. Seine Beete hat er mit einer luftdurchlässigen Sonnenschutzfolie überdacht, seine Felder sind dank Tröpfchen-Bewässerung eine kleine grüne Insel in einem Meer aus grau-braun-gelbem Sand. „Mit Wasser wächst hier alles“, sagt José Jacinto Suzano.

Damit solche Familien wie die von José Jacinto Suzano oder vom Wassersucher und Bauern José Edmilson Alves dos Santos im Sertão nicht nur überleben, sondern gut leben können – und zwar trotz unregelmäßiger und auch lange ausbleibender Regenfälle, engagieren sich Hunderte lokaler und Dutzende internationaler Hilfsorganisationen in diesem Gebiet. Rund eintausend dieser lokalen Organisationen haben sich im Netzwerk ASA – Articulation Brazilian Semi-Arid – zusammengeschlossen: Die einen streiten für die Rechte enteigneter Bauern, die anderen für eine Landreform, sie fördern Frauen-Kooperativen, bilden Wünschelrutengänger aus, setzen sich für Bildung oder Gesundheitsstationen ein.

Moacir dos Santos ist Mitarbeiter einer lokalen Hilfsorganisation, die ihren Sinn und Zweck schon im – allerdings etwas sperrigen – Namen trägt. Das „Regionale Institut für angepasste Kleinbauernlandwirtschaft und Tierhaltung“, kurz IRPAA, wurde vor 20 Jahren gegründet und tüftelt seither daran, wie man die natürlichen Bedingungen mit den Menschen und ihren Ansprüche verbinden kann. „Das Problem im Sertão ist nicht der Wassermangel, sondern seine Nutzung und Verteilung“, sagt der 43-Jährige. In normalen Regenzeiten – außer in Dürrejahren – falle ja kurzzeitig durchaus sehr viel Wasser. Das müsse aufgefangen, gespeichert und von den Kommunen dann verantwortungsvoll genutzt werden.

Auch auf andere Weise könne man sich auf die Dürren vorbereiten, indem man das traditionelle Wissen nutzt, sensible Technologien einsetzt, Wasser-Vorratshaltung betreibt und die Kleinbauern unterstützt.

Das klingt abstrakt, aber Moacir dos Santos kann auch zeigen, worum es ihm und seiner Organisation dabei geht. Da sind die Zisternen, die mit ihren weiß gekalkten Hauben neben fast jedem der weit über die Landschaft verstreuten Gehöfte stehen und von denen jede eine Nummer trägt. Über 700.000 der geplanten eine Million Zisternen wurden bereits gebaut. Moacir dos Santos zeigt zudem die Brunnen, die Nutzwasser fürs Haus liefern, und die kleinen Staubecken, die die Bauern anlegen und gegen Verdunstung schützen.

Dann stoppt er bei einem der großen Umbu-Bäume: Das Gewächs liefert nicht nur Früchte, die Kooperativen wie die von Eliani Ferreira, der Frau des Wünschelrutengängers, zu Marmelade verarbeiten. Seine Wurzelknollen speichern auch extrem viel Wasser, manches Exemplar bis zu 3000 Liter, erzählt Moacir dos Santos. Wie man Wurzeln und Früchte verarbeite, weiß man hier eigentlich, man müsse das Wissen nur wiederbeleben.

Dass dieser Einsatz und Kampf für traditionelle Anbaumethoden und ein Leben im Einklang mit der Natur letztlich eine mühselige Angelegenheit ist, die nur mit viel Geduld gelingen kann, gibt Moacir dos Santos zu. Der Staat gebe zu wenig Geld für Infrastruktur, Bildung, Gesundheit aus, aber zu viel für die Prestigeprojekte Fußball-WM und Olympia. 90 Prozent der Brasilianer, so schätzt Santos, setzen auf ein anderes Entwicklungsmodell, auf Wachstum durch Rohstoffgewinnung, Landverpachtung an ausländische Investoren, den Bau von Staudämmen.

Der IRPAA-Mann zeigt dann auch die Staudämme und Kanäle, mit deren Hilfe die Großplantagen aus dem São-Francisco-Strom bewässert und mit Strom versorgt werden. Das ist der Gegenentwurf zur Vision vom Kleinbauern-Leben, dem behutsamen Umgang mit der schwierigen Natur.

Mangobäume und Papayas

Kilometer um Kilometer, Stunde um Stunde fährt das Auto an Zuckerrohrpflanzen entlang. Der grün-monotone Wald aus zwei bis drei Meter hohen Büscheln ist wie mit dem Lineal durch schnurgerade Straßen und in den Boden gestanzte Wasserkanäle unterteilt. Das Inventar wechselt, die Kulisse bleibt: Jetzt stehen kilometerlang nur Mangobäume, dann Papayas.

An einer der Stationen, bei denen Wasser heraufgepumpt wird, wettert Moacir dos Santos gegen die Eingriffe in den Lauf des São-Francisco-Stroms. Er fordert eine gerechte Verteilung des Wassers aus den Stauseen, das bisher nur den Großplantagen zugutekommt. Er betont, dass die Monokultur den Boden auslauge, dass mit dem Anbau von Zuckerrohr für Biosprit, von Mangos und Papayas für den Export die Wasserressourcen der Region vergeudet würden. „Italienische Firmen bauen hier Wein an, israelische Unternehmen Mangos. Wir exportieren unser kostbares Wasser über die Früchte ins Ausland“, sagt Moacir dos Santos.

Gerechtigkeit und gerechte Verteilung – diese Worte gehören zu seiner Welt. Als er jedoch gefragt wird, ob er glaube, dass so etwas unter kapitalistischen Bedingungen überhaupt möglich sei, antwortet er mit einem zwar leisen, aber klaren: „Nein. Wir dämpfen die Armut, ausrotten können wir sie unter diesen Verhältnissen nicht.“

Wünschelrutengänger José Edmilson schweigt zu diesen Überlegungen, er hat andere Sorgen. Aktuell macht ihm der Brunnen zu schaffen, an dem die Arbeiten stocken – und den er ausgerechnet für seinen Schwiegervater auf dessen Land erwünschelt hat. Sie bräuchten Dynamit, erklärt er, um die Granitader zu sprengen. „Aber heutzutage kann man ja Dynamit nicht mal anschauen, geschweige denn kaufen, ohne nicht umgehend im Knast zu landen.“ Da lacht der Wünschelrutengänger zum ersten Mal laut und aus ganzem Herzen auf.

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