Buch von Terry Eagleton: Marxismus muss weh tun

Muss die Frage, ob Karl Marx mit seiner nach ihm benannten Lehre nicht doch recht hatte, heute noch irgendwen interessieren? Schließlich ist der real existierende Sozialismus schon seit 20 Jahren mausetot – sehen wir einmal von Kuba und Nordkorea ab. Ansonsten gehört der Marxismus als Theorie ins Ideenarsenal des 19. Jahrhunderts. Von hier aus beförderte ihn ein heilsgeschichtlicher Fortschrittsglaube, den er dem in seiner imperialistischen Blüte stehenden und vor Selbstbewusstsein nur so strotzenden Bürgertum entlieh, über die Diktatur des Proletariats geradewegs in die Gulags des 20..Jahrhunderts. Was sollen wir mit diesem Monstrum ...

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Muss die Frage, ob Karl Marx mit seiner nach ihm benannten Lehre nicht doch recht hatte, heute noch irgendwen interessieren? Schließlich ist der real existierende Sozialismus schon seit 20 Jahren mausetot – sehen wir einmal von Kuba und Nordkorea ab. Ansonsten gehört der Marxismus als Theorie ins Ideenarsenal des 19. Jahrhunderts. Von hier aus beförderte ihn ein heilsgeschichtlicher Fortschrittsglaube, den er dem in seiner imperialistischen Blüte stehenden und vor Selbstbewusstsein nur so strotzenden Bürgertum entlieh, über die Diktatur des Proletariats geradewegs in die Gulags des 20..Jahrhunderts. Was sollen wir mit diesem Monstrum anfangen?

Terry Eagleton gibt sich unverdrossen. In seinem Buch „Warum Marx recht hat“ gesteht er zwar gleich zu Beginn ein, dass Marx sich durchaus auch geirrt habe, möchte ansonsten aber den Beweis erbringen, dass „die meisten Einwände gegen Marx’ Werk ... wenn nicht völlig abwegig, so doch in hohem Maße irreführend sind“. Wohlan, halten wir allerdings fest: Zurzeit ist es radikal chic, mit Marx hausieren zu gehen, gerne auch etwas zu schockieren. Dabei purzeln schon mal die Begriffe durcheinander – ein bisschen Lager hier, ein wenig Schauprozesse dort, Mao, Stalin, Pol Pot und so weiter. Mitunter wird der Anschein erweckt, als gelte es, die kapitalistische Barbarei mit dem ganz großen Gegenverbrechen zu kontern.

Solcher Überwältigungs- und Überbietungsfuror ist Eagleton zum Glück fremd. Während etwa der slowenische Schnelldenker Slavoj Zizek mit viel Klamauk die Giftschränke der Ideengeschichte plündert und sein neues kommunistisches Manifest zusammenköchelt, bevorzugt der Professor für Englische Literatur an der Lancaster University leise Töne. Er will mit Argumenten überzeugen: Immer mehr Menschen lebten in tödlicher Armut, unsere Umwelt werde im globalen Maßstab verwüstet und auch die westlichen Wohlstandszonen stünden vorm Kollaps; das sei eklatantes Marktversagen, so Eagleton, der Kapitalismus halte einfach nicht, was er verspreche.

Revolution nur in reichen Ländern!

Dabei hatte er doch Jahrhunderte lang Zeit! Nur etwas von unserer Geduld gegenüber dem kapitalistischen Irrsinn fordert Eagleton nun für sein Projekt. Und das will keine systematische und schon gar keine ideengeschichtliche Abhandlung sein, sondern mit Plausibilitätsargumenten für die Aktualität des Marxismus werben: Ist es nicht plausibel, angesichts des umfassenden Scheiterns des Kapitalismus nach Alternativen zu suchen? Solchen Alternativen allerdings, macht Eagleton schnell klar, die uns das Beste der bürgerlich-kapitalistischen Moderne bewahren, etwa Demokratie, Rechtsstaat, Wohlstand, Individualismus oder Freiheit.

Was aber soll dann Marxismus heißen? Eagletons Buch durchziehen zwei Argumentationsstränge. Zum einen verfährt er nach der Formel Marx minus Geschichtsphilosophie: Ohne Rückhalt in einem historisch- oder dialektisch-materialistischen Totalisierungsraum erscheint der Marxismus nunmehr als soziologisch informierte Gegenwartsanalyse, die sich allein empirisch und nicht etwa in Hinblick auf ein künftiges Heil zu bewähren hat. Entsprechend hätten wir auch in einer kommunistischen Gesellschaft „das Ende menschlicher Streitigkeiten nicht zu erwarten ... Neid, Aggression, Herrschaft, Besitzgier und Konkurrenz würde es auch weiterhin geben“.

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