Buchhändlerin Jutta Lück war eine der Ersten im Kiez. Jetzt hat sie gekündigt

Warten auf den Aufschwung

Karin Schmidl
3 Min

Ihre erste Bekanntschaft mit Oberschöneweide machte Jutta Lück vor 15 Jahren in ihrer Geburtsstadt Dortmund. Die Buchhändlerin las den Reportagenband "Die stumpfe Ecke" von Alexander Osang. Die Geschichten aus der verqualmten Traditionskneipe gegenüber dem Kabelwerk Oberspree, in der sich schon früh um sechs die Arbeiter aus den umliegenden Großbetrieben am Tresen drängelten, faszinierten sie.Als sie dann 1998 ihrem Ehemann nach Berlin folgte und einen Standort für einen neuen Buchladen suchte, war schnell klar, wo der sein sollte: "Oberschöneweide war im Umbruch, überall wurde saniert, dort sah ich meine Chance", sagt sie. Dass sie ihren Buchladen schließlich nur etwa 50 Meter entfernt von der "Stumpfen Ecke" eröffnete, amüsierte sie. Die Kneipe war zwar noch immer verqualmt, doch Drängelei am Tresen gab es nicht mehr. Lücks Laden an der Wilhelminenhofstraße, der einstigen Haupteinkaufsstraße für die 25 000 Arbeiter aus den Fabriken im Viertel, war der erste Laden, der nach Monaten im Kiez eröffnet wurde. Nach dem Ende der Betriebe lag der Ortsteil im industriellen Koma, weit mehr als tausend Menschen zogen weg. Da war der Buchladen so etwas wie ein Leuchtturm, ein Symbol für einen neuen Aufschwung.Neun Jahre später hat die Buchhändlerin ihr Geschäft gekündigt. "Ich kann es nicht verantworten, mich noch weiter zu verschulden", sagt sie. Die Miete von monatlich mehr als 800 Euro für den knapp 100 Quadratmeter großen Laden sowie stetig steigende Energiekosten habe sie in all den Jahren nicht erwirtschaften können, sagt sie. Und jetzt, nachdem sie alle Versicherungen verkauft habe, seien auch ihre Rücklagen aufgebraucht: "Ich würde gern bleiben, sehe aber im Moment hier keine Perspektive."Lange hatte Jutta Lück an den Aufschwung von Oberschöneweide geglaubt. Der versprach Dienstleistungen statt Industriebrachen. Mehr als 88 Millionen Euro an EU- und Landesmittel wurden investiert, um im Sanierungsgebiet Häuser zu modernisieren, Straßen zu reparieren, Grünflächen und Spielplätze anzulegen. Von 1999 bis 2007 kümmerten sich zudem Quartiersmanager, vieles wurde begonnen. Zaghaft beginnt Oberschöneweide sein schlechtes Image abzustreifen. Hightech-Betriebe wie Silicon Sensor siedeln sich an, junge Leute und Familien ziehen dorthin. Sie sehen die grünen Höfe, die Spree und die nahe Wuhlheide als Standortvorteil. Die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft FHTW baut im Kiez gerade ihren Campus, in zwei Jahren sollen dort, wo einst das Kabelwerk Oberspree war, 8 000 Studenten lernen. Buchhändlerin Lück hatte sich sehr um den Zuzug passender Händler für diese neue Kundschaft bemüht. Die will Bioläden, Fleischer und andere niveauvolle Fachgeschäfte, wie Umfragen ergaben. Doch statt Zuzügen gab es Schließungen: Fachgeschäfte wie der Käse- und der Kräuterladen gaben auf. Die, die noch aushalten wie der Fahrradhändler oder der Optiker, klagen über mangelnde Kaufkraft und hohe Mieten. Nagelstudios und Fastfood-Imbisse bestimmen das Straßenbild. Günther Jancke von der Bürgerplattform "Organizing Schöneweide", die sich die wirtschaftliche Entwicklung des Ortsteils zum Ziel gesetzt hat, sagt: "Der Aufschwung ist hier noch nicht angekommen." Deshalb sei sein Netzwerk, in dem Kitas, Kirchengemeinden und Unternehmer arbeiten, im ständigen Kontakt mit der Politik. Die müsse die Voraussetzungen für einen lebenswerten Kiez schaffen.Vielleicht kann Jutta Lück ja in ihrem Laden bleiben, trotz ihrer Kündigung zum Herbst. Ihr Vermieter, die Wohnungsbaugesellschaft Köwoge, signalisierte Bereitschaft, mit seiner langjährigen Mieterin darüber zu verhandeln. Die "Stumpfe Ecke" ist seit einigen Wochen zu, ein Nachmieter wird gesucht.------------------------------Foto: Seit neun Jahren hat Jutta Lück ihren Buchladen an der Wilhelminenhofstraße. Ob sie dort bleibt, ist ungewiss.Foto: Die Traditionskneipe "Stumpfe Ecke" ist zu, daneben öffnete ein Imbiss.

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