Kaum eine Formel ist in den letzten acht Jahrzehnten so oft beschwörend in Erinnerung gerufen worden wie der von der Künstlerin Käthe Kollwitz bereits 1924 auf ein ikonisches Plakat geprägte Satz: „Nie wieder Krieg“. Jeder glaubt, eine Vorstellung davon zu haben, was Krieg ist, aber das konkrete Wissen, was genau im Zweiten Weltkrieg in den verschiedenen von Deutschland angegriffenen und besetzten Ländern geschah, ist erschreckend unscharf. Aus diesem Grund ist in den vergangenen Jahren unter der Federführung des Deutschen Historischen Museums (DHM) ein Konzept für ein „Dokumentationszentrum Zweiter Weltkrieg und deutsche Besatzungsherrschaft in Europa (ZWBE)“ erarbeitet worden, das nun vom Deutschen Bundestag beschlossen worden ist. Der Beschluss sieht vor, unter dem Dach des DHM eine unselbstständige Stiftung öffentlichen Rechts als Träger des künftigen Dokumentationszentrums in der Mitte Berlins einzurichten.
Raphael Gross: „Der Block Sowjetunion löst sich gerade auf“
„Nie wieder“, so der DHM-Präsident Raphael Gross, könne man nur sinnvoll sagen, wenn man überhaupt weiß, was nie wieder geschehen soll. Das künftige Dokumentationszentrum sei ein Signal an die Menschen in den ehemals besetzten Ländern, dass Deutschland bereit ist, genau hinzuschauen. Und für die deutsche Gesellschaft sei es ein Angebot, „in einem stark erweiterten Europa einen neuen und tieferen Blick auf seine Nachbarn zu richten. Das Zentrum wird viele Formen historischer Gewalt darstellen und damit ermöglichen, neu über diese nachzudenken.“
Der Schrecken, der von Deutschland ausging
Um die Bedeutung eines solchen geschichtspolitischen Projektes zu ermessen, muss man sich die Dimensionen der Gewaltherrschaft deutscher Besatzung in der Zeit des Zweiten Weltkriegs vor Augen führen. Tatsächlich waren 230 Millionen Menschen in heute 27 Ländern betroffen. Dabei wird es in dem Dokumentationszentrum nicht ausschließlich um Kriegshandlungen gehen. An einem Beispiel erläuterte Raphael Gross im Interview mit der Berliner Zeitung die Pläne des DHM. Zwar wisse man sehr viel über T4, die Patientenmorde in Deutschland. „Was aber wissen wir über die Patientenmorde in den besetzten Ländern? (…) Zum Konzept des Dokumentationszentrums werden deshalb auch sogenannte Fellowship-Programme gehören, über die sich Forscherinnen und Forscher der verschiedenen Länder zu solchen Themen austauschen können.“
Die Kulturstaatsministerin Claudia Roth begrüßte die Errichtung eines solchen Dokumentationszentrums und erklärte: „Die Erinnerung an die Verbrechen, die im deutschen Namen in ganz Europa begangen worden sind, darf nicht enden. Mit dem Dokumentationszentrum wird in Berlin an zentraler Stelle eine Einrichtung entstehen, die uns die Schrecken des von Deutschland ausgehenden Eroberungs- und Vernichtungskrieges vor Augen führt.“
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