Zwanzig wollten den Preis, nur eine konnte ihn bekommen. Der Gabriele Münter Preis, der ausdrücklich Künstlerinnen jenseits der Vierzig vorbehalten ist, ist in Europa etwas Singuläres. Noch. Denn Nachahmung ist dringend erwünscht, weil üblicherweise die meisten Kunst-Meriten in Deutschland an alte Männer oder noch sehr junge Künstler beiderlei Geschlechts.
In der Akademie der Künste am Hanseatenweg wird die Weggefährtin Wassily Kandinskys und der legendären Expressionisten-Gruppe „Der Blaue Reiter“ nun gleich zwanzigstimmig belehnt, als Referenz, als Inspiration, als Reibung. Keine der-Bewerberinnen, auch nicht die 71-jährige Münchener Preisträgerin Beate Passow, sind Münter-Epigoninnen. Die Kunst dieser Frauen ist ganz anders und dennoch im Geiste der Namensgeberin zu sehen: wegen der Freiheit der Mittel und Themen und im typisch weiblichen Zugriff auf gesellschaftliche und private Situationen.
Von Gabriele Münter sieht man gleich am Anfang der Schau expressive Landschaften, so um 1910, eine wunderbare lyrische Abstraktion von 1912 und, welch feine Idee der Kuratorin Angela Lammert, frühe Fotos: Mit 19 war sie zu Verwandten in die USA gereist, erlebte die Weite der Landschaft, die sich später in ihren Gemälden wiederfand.
Die Grande Dame der Schau, Beate Passow, hat einen eigenen Ausstellungsteil, umringt von ihren 19 Kolleginnen. Das erfordert Koordinierung, einerseits um sich auf die Arbeiten der Malerin, Fotografin und Konzeptualistin zu konzentrieren, andererseits, um auch Korrespondenzen zu den anderen Frauen zu entdecken. Schließlich geht es bei diesen thematisch unterschiedlichsten Bildern, Fotos, Videos und Installationen vornehmlich ums Frau-Sein, ums Private wie Universelle.
Zuvörderst die Preisträgerin überzeugt durch kühne Perspektivwechsel, ungewohnte Sichten. Und durch ihre konsequente Position. Ein festes Bildprogramm gibt es nicht bei dieser Virtuosin, die das Private wie das Gesellschaftliche, Soziale und Politische derart ästhetisch zu Bildern macht. Sie reiste nach China, porträtierte Frauen im Alltag. Und sie war im Iran, fotografierte Frauen – mit Tuch, Schleier, Burka.
Beate Passow indes zeigt die Verhüllung nicht als islamistisches Zwangs-Accessoire, sondern durchaus als ein Stück Stoff alltäglicher Normalität. Teilverhüllte Frauen rauchen ganz selbstverständlich öffentlich in einer Autobahnraststätte. Burka-Trägerinnen trinken mit Strohhalm im Gartencafé; der Inhalt ihrer Gläser sieht aus, als handele es sich um Bier. Vielleicht hat Beate Passow diese Provokation ja auch inszeniert? Diese scheinbare Gewöhnlichkeit im Leben der Muslimas jedenfalls wird konterkariert von neun Barbiepuppen in farbigen Burkas: Rosa, Rot, Grün, Gelb, Blau. Handelsübliche Spielzeugware aus dem Iran.
Auf ähnlich lakonisch-subtile Weise wird Passows Kunst geschichtlich wie gegenwärtig: Sie hat Plakate aufgehängt: Steckbriefe von Terroristen: RAF, IS, NSU. Zu alledem spannt Beate Passow einen kühnen gedanklichen Bogen: Sie legte Feldpostausgaben der Klassiker auf ein Regal: Goethes „Faust“, Kleists „Marquise von O.“, Hölderlins „Hyperion“. Soldaten hatten nach dem Krieg erzählt, wie ihnen ein einziges Buch Halt gab, Überlebenskraft.
Die Kontexte solch starker Kunst mit den Arbeiten der anderen Bewerberinnen des Münter Preises muss man sich ergucken, mit Neugier, Geduld, auch eigenem gedanklichem wie emotionalem Zutun. Da, wo Zwiesprache lapidar passiert, wo auch Ironie im Spiel ist, wird es sogar vergnüglich, selbst wenn die Themen bitter ernst sind.
Eva von Platten-Hallermund etwa erzählt die sehr komische Geschichte einer Familie in Hasenkostümen auf freiem Feld. Es ist neblig und offensichtlich kalt. Herr und Frau Hase streiten, das Hasenkind dazwischen. Später gibt es Geräusche eines Kettensägen-Massakers. Kahlschlag. Dann, nach der Scheidung, erklingt Frank Sinatras „My Way“.
An der nächsten Wand geht es um verlassene Orte. Kriegsorte? In Corinna Schnitts Video okkupieren diverse Haustiere vom Schwein über die Ziege zu den Hühnern eine menschenleere Wohnung, ruinieren den Perserteppich, die Möbel, fressen die Zimmerpflanzen. Die Bewohner scheinen geflüchtet zu sein, die Tiere blieben sich selbst überlassen zurück. Die so voller Komik beginnende Bildgeschichte triftet in Trauer. Perspektivwechsel.
Ironie ist die Kunstwaffe von Anja Luithle. Sie hat ein Frühwarnsystem gebaut für alle Geschlechtsgenossinnen, die geglaubt haben, es bruchlos nach Oben schaffen zu können, wie die Männer. Sie baute eine kinetische Apparatur mit Kettenzugvorrichtung, auf der sich wechselweise ein Paar knallroter Pumps nach oben hangeln. Titel: Auf der „Karriereleiter“.
Aber kaum oben angelangt, kracht der erste Schuh mit lautem Knall nach unten, fängt sich. Und das ganz beginnt von vorn. Doch ganz vergebens, Sisyphosine!
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