Carlo Strenger

Wer nicht kritisiert, kann auch nicht verteidigen

Der israelische Philosoph Carlo Strenger bietet mit „Zivilisierte Verachtung“ eine kluge „Anleitung zur Verteidigung unserer Freiheit“, eine Aufforderung zum aufrechten Gang. Und wenn man die 94 Seiten gelesen hat, klappt man den Band zu und denkt: Genau so musste das gesagt werden.

Thomas Geisen
3 Min
Carlo Strenger hat etwas gegen politisch korrekte Samthandschuhe.

Carlo Strenger hat etwas gegen politisch korrekte Samthandschuhe.

© CC BY-SA 3.0/Ofer Chen Lizenz

Diese Leidenschaft begeistert, dieser Kampf gegen die Trägheit des Selbstverständlichen, gegen die Verzagtheit der politisch Korrekten. Der israelische Philosoph Carlo Strenger bietet mit „Zivilisierte Verachtung“ eine kluge „Anleitung zur Verteidigung unserer Freiheit“, eine Aufforderung zum aufrechten Gang. Und wenn man die 94 Seiten gelesen hat, klappt man den Band zu und denkt: Genau so musste das gesagt werden.

Im Grunde rüttelt Strenger die westlichen Wohlstandsbürger wach, deren größte Herausforderung der Autor im Training für den Marathon zu erkennen glaubt. Ja, Strenger erlaubt sich einen Hauch Provokation, führt die Provozierten aber nicht vor. Er warnt: „Garantierte Freiheit wird selbstverständlich, und das Selbstverständliche stiftet keinen Sinn und generiert keine Leidenschaft“.

Ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall müssen wir erkennen, dass das „Ende der Geschichte“, wie von Francis Fukuyama vorausgesagt, weiterhin auf sich warten lässt. Fukuyama glaubte, dass sich nach dem Zusammenbruch der UdSSR und der sozialistischen Staaten bald die Prinzipien des Liberalismus in Form von Demokratie und Marktwirtschaft endgültig und überall durchsetzen würden. Welch ein Irrtum, sagt auch Strenger. Das Gemetzel ist weltweit weitergegangen: ob in Jugoslawien, Ruanda, Nahost oder momentan mit der Monstergeburt des Islamischen Staates. Strenger verweist auf den Anfang einer Geschichte: 26 Jahre nach der Fatwa gegen Salman Rushdie stellt uns der Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo einmal mehr vor die Frage, wie der Westen selbstbewusst für seine Werte eintreten kann – ob nun gegen Fundamentalisten, Populisten oder die antiwestliche Rhetorik eines Wladimir Putin. „Die Religionen erleben ihre Rückkehr auf die Bühne der Weltgeschichte“.

Strengers Essay weist darauf hin, dass viele Linke und Liberale durch die Logik der politischen Korrektheit gleichsam gelähmt wurden, während sich Fremdenhasser, Islamophobe und Untergangspropheten zu Verteidigern des Abendlandes aufschwingen. „Es ist erstaunlich, wie schwer sich viele Vertreter der freien Welt (vor allem auf der linken Seite des politischen Spektrums) damit tun, ihre Lebensform zu verteidigen“, so Strenger.

Er fordert das Ende der Selbstkasteiung jener Leisetreter, die ihre „Sünden“ an jeder Misere abarbeiten. Strenger plädiert für eine „zivilisierte Verachtung“, mit der das aufklärerische Toleranzprinzip wieder vom Kopf auf die Füße gestellt wird. Anstatt jede Glaubens- und Lebensform mit Samthandschuhen anzufassen, sollen wir uns daran erinnern, dass sich alles und jeder mit begründeter Kritik auseinanderzusetzen hat: „Wenn andere Kulturen nicht kritisiert werden dürfen, kann man die eigene nicht verteidigen.“ Das ist jedoch kein Freibrief für westliche Protagonisten wie George W. Bush, der seine Werte unhinterfragt und wider besseres Wissen implantieren will. Nicht der Stärkere, sondern der Klügere und Mutigere soll sein Recht bekommt.

Zivilisierte Verachtung versteht der Autor als Erbe der Aufklärung, aber mit der klaren Vorgabe, nicht „zu hassen oder zu dehumanisieren“. Sein Buch sollte man tunlichst nicht als Roadmap für eine friedvolle Welt überinterpretieren. Vielleicht ist es nur die sehr persönliche, individuelle Aufforderung zur intellektuellen Selbstdisziplin, die dazu verpflichtet, Informationen zu sammeln und abzuwägen. Chancengleichheit bedeutet nicht die Nivellierung aller Hierarchien und Unterschiede. Man muss auch Neid und Unterlegenheit aushalten. Vielleicht könnten diese Fähigkeiten dann auch im Großen helfen.

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