Casablanca ist vor allem durch den Film berühmt. Nun soll die Region um die weiße Stadt am Meer auch für Reisende ein Begriff werden

Ein Film ist nur ein Film

Susanne Balthasar
7 Min

Spiel's noch einmal, Issam", sagen sie manchmal. Ein Witz natürlich, sagt Issam, der marokkanische Pianist, und lächelt ein bisschen gequält. So ist eben die Stimmung in diesem besonderen Interieur. Über dem Klavier schwingen maurische Rundbögen, zwischen ihnen stehen Goldpalmen an der Bar wie Oberkellner Spalier. Es gibt schwarze Rattanstühle, Vierzigerjahre-Büfetts und schwere marokkanische Laternen. Wenn dazu die jazzigen Songs aus Zeiten, in denen Filme noch schwarzweiß waren, durch die Abendluft tanzen, dann fühlen die Gäste, dass sie schon mal hier waren. Dieser Abend ist wie eine Zeitschleife, die im Kino beginnt und in der Wirklichkeit endet: Willkommen in Casablanca!Casablanca. Wie eine Perle in ihrer Muschel liegt die weiße Stadt in den Buchten des Atlantiks. Nachfahrin der Berbersiedlung Anfa, die 1575 von den Portugiesen erobert und in Casa Branca umgetauft wurde, "das weiße Haus". Tatsächlich sind alle Häuser weiß gekalkt, dazu geben Himmel und Meer ihr Blau und die Palmen ihr Grün. Mitte des 19.Jahrhunderts wurde Casa Branca von spanischen Händlern in Casablanca umbenannt und erlebte im 20.Jahrhundert unter dem französischen Protektorat wirtschaftliche Blüte und Wachstum. Eine junge Stadt also, die ihren Gästen nicht mit historischer Marokko-Folklore dient, was ihr nicht wenige übel nehmen und sie einen Moloch schimpfen.Casa, wie die Einheimischen sagen, kümmert's wenig. Die Wirtschaftsmetropole hat eigenes Geld, drei Millionen Einwohner und gilt als eine der westlichsten Städte des Orients. Hier sieht man Prothesen neben Pumps, Burka neben Bikini. Es gibt einen Strand, Ain Diab, und die dazu gehörige Corniche, eine müllreiche Promenade voller Bars und Restaurants. Sie heißen "Tahiti Beach Club", "Tropicana", "Venezia Ice", "Mac Donald's" und erzählen von den süßen Mythen des Westens. Und weil der Westen sich auch nach dieser Stadt sehnt, gibt es endlich "Rick's Café".Kathy Kriger streckt zur Begrüßung die Hände aus. Die ehemalige US-Diplomatin, eine elegante Frau mit gelber Tunika, schwarzen Blumenohrringen und grau gesträhnten, dunklen Haaren, hat der Stadt "Rick's Café" geschenkt: "Ich wollte Casablanca etwas geben, was es niemals hatte." Die berüchtigte Bar wurde mit den anderen Kulissen am Ende der Dreharbeiten in den Burbank-Studios in Hollywood abgebaut. Nachempfunden war sie übrigens dem "Hotel El Minzah" in Tanger. Das alles kann man zwar überall nachlesen, aber weil Touristen sind, wie sie sind, wollten sie in Casablanca Rick's Café besuchen. Also gingen sie jahrelang in die Casablanca-Bar im Hyatt-Hotel am Place des Nations Unies. Außer einem schwarzen Pianisten und Filmplakaten erinnerte dort aber nichts an den Film. Ein Phantomschmerz wird wohl zu spüren gewesen sein. Kathy Kriger ließ die Bar nun filmgetreu nachbauen und gab dem Mythos ein Zuhause. Trotz des Erfolges wünscht sie sich mehr für Casa: "Ich hatte gehofft, dass Rick's Café die Menschen hier inspirieren würde, aber bisher ist nur wenig passiert."Und weil auch kein Flaschengeist die Stadt in eine Touristenmetropole verwandelt, besticht diese eher durch markanten Charme à la Bogart als durch bergmannschen Liebreiz. Jetzt ist die Zeit reif, ihn auszuspielen: Der Plan Azur soll die Region Casablanca touristisch erschließen. Sie punktet mit einem für Marokko im Sommer ungewöhnlich gemäßigten Klima unter 30 Grad bei Dauersonne. Herzstück der Offensive ist das Mazagan Beach Resort, eine noble Herberge mit Golfplatz am Atlantik, nur eine Stunde von Casablanca entfernt. Da die meisten Gäste über Casablanca anreisen -was läge da näher, als die Stadt mit dem klingenden Namen zu besuchen? Royal Air Maroc jedenfalls hat die Flugverbindungen aufgestockt und fliegt jetzt drei Mal die Woche Casablanca-Berlin.Es ist ja nicht so, dass nichts passieren würde. Allerorten wachsen Kräne in die Luft. Es riecht nach Baustaub, Salzwasser und kranken Autos. Gleich links neben Rick's Café, einem schmalbrüstigen Altbau am Boulevard Sour Jdid, liegt der Hafen, eingezäunt von Brettern. Riesige Plakate künden vom künftigen Yachthafen und neuen Luxusunterkünften. Statt "As time goes by" lässt die Stadt die schwellenden Gesänge der Muezzins, scheppernde Popwaisen und quietschende Keilriemen hören. Rechter Hand zerbröseln die Stadtmauern der Altstadt, der Medina. Wer durch eines der Tore tritt, landet in einem Gewirr von weißen Häusern, verschachtelt wie ein spielerisch zusammengesetzter Haufen Legosteine.Liebevoll restaurierte Altstadthäuser wie in Marrakesch sucht man hier vergebens. Im 19.Jahrhundert ist die Medina entstanden und damit deutlich jünger als die mittelalterlichen Stadtkerne von Marrakesch und Fès. Gerade wegen solcher Spezialitäten hat sich Kathy Kriger, die sich schon einen Altersruhesitz im pittoresken Marrakesch gekauft hatte, für die Stadt am Atlantik entschieden: "Casablanca hat eine Geschichte, aber eine moderne."Während des französischen Protektorates von 1912 bis 1956 war Casablanca ein Architektenspielplatz. Gebaut wurde, was die Architekturstile hergaben: Klassizistische Stadthäuser, Jugendstil-Paläste, 1930er-Jahre -Villen im Bauhaus-Stil, kreisrunde Wohnhäuser ("Camembert-Villen") und die Betonkathedrale Sacré Coeur, eine Kreuzung aus arabischen Minaretten und Art Deco. Im Quartier des Habous, der neuen Altstadt, kreuzt sich arabische Traditionsbaukunst mit den Idealen der europäischen Moderne der Zwanziger- und Dreißigerjahre. Heute feilschen in den Gassen der Souks perlenkettenschwingende Händler um Billig-T-Shirts und marokkanische Festtagsgewänder, die glitzern wie Alibabas Schatz. Bei den Lampen aus Bronze machen selbst Einheimische den Zitronentest. Wenn die Lampe unter der Zitrone rosa wird, ist sie eine Fälschung aus Messing.Wie eine marmorne Fata MorganaIn Riesenformat schmücken solche Lampen auch die Moschee Hassan II, das Bauwerk, das alle Kolonialbauten klein aussehen lässt. Wie eine marmorne Fata Morgana hebt sie sich vom Blau des Meeres und des Himmels ab. Groß, als hätte Gott selbst sie hier hingesetzt. Tatsächlich war es König Hassan II, der mit finanzieller Hilfe seiner Untertanen 1993 die nach Mekka zweitgrößte Moschee der Welt errichten ließ. Dank ihrem 210 Meter hohen Minarett ist sie Rekordhalter in der Kategorie höchstes religiöses Bauwerk der Welt.Im Inneren kartografiert sie das Königreich kunsthandwerklich: Die grünen Linien auf den Portalen sind typisch für Fès, die Brauntöne für die Sahara, das Orange ist eine Spezialität aus Marrakesch. Dazu Zedernholzbaldachine, Zellij-Mosaike und opulente Stuckornamente, die sich wie Wolkenhimmel in den Gewölben dräuen. Seit Jahrhunderten werden sie aus Eiweiß, Marmorstaub und Gips gemischt. Casablanca hat sich hier eine marokkanische Tradition gebaut -mit hydraulischem Schiebedach und Tiefgarage.Wenn dann am Abend hinter der Moschee die Sonne ins Meer taucht, die Fontäne am quirligen Place Mohammed V im Abendlicht glitzert, die Autos auf den großen Boulevards schöne Menschen zum Vergnügen fahren und die kleinen Händler in den Gassen ihre Teppiche einrollen, strömen die Besucher in Rick's Café. Während ein stummer Plasmafernseher die Filmbilder in Endlosschleife abspult, werden im echten Leben Hochzeiten gefeiert und Heiratsanträge geflüstert. Wo wäre ein besserer Ort dafür? Schließlich hat "Casablanca" der schicksalhaften Entscheidung ein filmisches Denkmal gesetzt. Schau' mir in die Augen, Kleines, und dann geh' für immer. Aber was hat der Film mit der Stadt zu tun? "Nichts", sagt Kathy Kriger und wendet sich endgültig ihren Gästen zu. Ein Film ist nur ein Film.------------------------------SERVICEDirektflug ab Berlin-Tegel nach Casablanca mit Royal Air Maroc. Übernachtung Mazagan Beach Resort: Luxuriöses Strandhotel mit Golfplatz und Kinderbetreuung. Übernachtung im Doppelzimmer ab 157 Euro, Kinder bis 16 Jahre übernachten kostenlos im Elternzimmer. Mazagan Beach Resort, 24 000 El Jadida.www.mazaganbeachresort.comEssenRick's Café: Internationale Küche im filmgetreuen Retro-Ambiente. 248, Boulevard Sour Jdid.www.rickscafe.maLa Mer: Elegantes Restaurant mit Meerblick, französische Küche, Spezialität sind Fisch und Krustentiere.Boulevard de la Corniche, Phare El Hank.InformationenAllgemeine Informationen über Marokko als Reiseland und auch viele konkrete Tipps für einen Trip nach Casablanca gibt es auf der Internetseite des Staatlichen Marokkanischen Fremdenverkehrsamts:www.visitmorocco.com------------------------------Karte: CasablancaFoto: Gibt dem Mythos ein Zuhause: das noch recht junge Rick's Café.Foto: Schiffe mit Schieflage: Nicht überall stellt Casablanca die Sorgen und Nöte einer Metropole so pittoresk zur Schau.

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