Deutschland im Frühjahr 1974. Am 6. April gewinnt die schwedische Popgruppe ABBA mit „Waterloo“ den Grand Prix de la Chanson. Am 24. April wird Günther Guillaume wegen Verdachts der Spionage für die DDR festgenommen. Vier Tage später tritt an einem Sonntag der Held einer Fernsehserie – ein skurriler Magier namens „Catweazle“ – auf den Plan, und schreibt Geschichte. Vier Jahre zuvor im englischen Fernsehen zum ersten Mal ausgestrahlt, verzauberte Catweazle nun auch deutsche Kinder, und wurde zur Kultserie. Bis heute wird sie immer mal wieder im deutschen Fernsehen wiederholt. Sie verkaufte sich in viele Länder und begeisterte Menschen aller Herkunft, und das – bis auf den Schluss – ohne Spezialeffekte. Und auch der englische „Catweazle“-Fanclub ist immer noch aktiv.
Der Plot ist genial. Catweazle, ein alter und knochiger Mann in einer Mönchskutte, der eine Art Kristallmesser um den Hals trägt, ist ein Außenseiter der Gesellschaft im England des 11. Jahrhunderts. Er lebt in einer Höhle, weil er von der Dorfgemeinschaft als Magier und Zauberer gefürchtet wird. Doch sein Talent als Zauberer ist tagesformabhängig, so kann er nicht, wie gewünscht, davonfliegen, als die normannischen Eroberer ihn mal wieder wie ein Kaninchen durch den Wald hetzen.
Immerhin hat er aber ein gut funktionierendes Inneres Auge, kann erfolgreich hypnotisieren, betreibt mehr schlecht als recht Voodoo, mixt andererseits aber kompetente Zaubertränke, die die Zunge lösen. Von den Normannen in die Enge getrieben springt er in Panik in einen See – und taucht 900 Jahre später wieder in einem englischen Tümpel auf, zusammen mit seiner Vertrauten, einer Kröte namens „Kühlwalda“. Pure Magie!
Auf der Suche nach Essen und einem Dach über dem Kopf begegnet Catweazle dem Landwirtssohn Edward, der sich seiner annimmt und fortan ständig damit beschäftigt ist, den von ihm zunächst belächelten Zauberer vor allem vor seinem Vater und dem Hilfsarbeiter Sam zu verstecken. Und dann vertauschen sich die Rollen, als Catweazle auf moderne Technik trifft. Er wird wieder zum ängstlichen Kind, das lärmende Traktoren, grelle Glühbirnen und Flugzeuge für eine Erfindung des Teufels hält. Und Edward übernimmt wiederum die Erwachsenenrolle und somit auch die Fürsorge für dieses zerzauste Wesen im Körper eines alten Mannes – trotz aller Widrigkeiten und Hindernisse. Da klettert Catweazle schon mal auf den Kirchturm des Dorfes, weil er endlich zurück in seine Zeit fliegen will.
Da ist aber auch die stets schlecht gelaunte Haushälterin mit ihrem missratenen Sohn, die Edward mithilfe eines von Catweazle gebrauten Zaubertrankes, der die Zunge löst, erfolgreich in die Flucht schlagen kann. Und auch der örtliche Pfarrer wird von dem vermeintlichen Penner nicht verschont und zunächst ge- und dann verstört. 13 Folgen lang muntere Missverständnisse, skurrile Charaktere, und immer begleitet von einem flotten Zauberspruch à la „Salmai, Dalmai, Adonai“, was immer das auch heißen mag.
Doch am Ende jeder Folge siegen immer die Gerechtigkeit und die Vernunft, sodass Catweazle sich wieder zurück in den Wald trollen kann. Zurück in die Einsamkeit, in die geschützte Umgebung seines leeren Wasserturms, den er zu seiner sicheren Unterkunft erkoren hat. Und das immer auch beseelt von dem Wunsch, wieder in seine Zeit zurückkehren zu dürfen, in der er selber zwar immer ein Fremdkörper ist, sie ihm aber immer noch vertrauter ist als das England der 1970er-Jahre.
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Von der Idee zur Story
Es war der englische Schauspieler und (Drehbuch-)Autor Richard Carpenter, der sich diese originellen Geschichten ausgedacht hatte, wie er in zahlreichen Fernsehinterviews verriet. Zu Besuch beim Schwager im ländlichen East Sussex hatte er sich eines Tages auf der Rückfahrt verfahren und war in einer schmalen Einbahnstraße gelandet.
Das auffällige Schild mit dem Wort „Catweasel“ auf einem Zaun hatte er sich instinktiv auf einem Zettel notiert, der ihm zwei Wochen später wieder in die Hände fiel. Vielleicht hatte sich auch in der Zwischenzeit das Unterbewusstsein des an Okkultismus interessierten Carpenter die Geschichte zusammengesponnen. Carpenter war sich jedenfalls sicher, dass das ein wunderbarer Name für einen Zauberer sein könnte.
Nach einem Besuch der National Portrait Gallery in London und der Entdeckung eines faszinierenden alten Mannes auf einem Gemälde von Hieronymus Bosch fügte sich das Puzzle schnell zu einem Gesamtbild zusammen. Nach einer kleinen Namensänderung – aus Catweasel wurde Catweazle – war die Idee für eine Kinderserie endgültig geboren und wurde dem britischen Sender LWT (London Weekend Television) unterbreitet.
Dort zeigte man sich begeistert und sagte zu, das Projekt realisieren zu wollen. Die Rekrutierung der Schauspieler war dann für den Erfolg der Serie essenziell. Der erfahrene, 1924 in Leeds geborene Schauspieler Geoffrey Bayldon, den Carpenter persönlich kannte, schien ihm ideal zu sein für die Rolle des Catweazle. Es war vor allem seine hagere Physiognomie mit dem außergewöhnlichen Gesicht, was dann mit entsprechender Maske und Kostüm dafür sorgte, dass Bayldon, der zur Zeit der Dreharbeiten 45 Jahre alt war, tatsächlich als alter Mann durchging.
Der 15-jährige Kinderdarsteller Robin Davies sollte den Edward spielen. Gedreht wurde vor allem in der Ortschaft East Clandon in der Grafschaft Surrey, unweit von London gelegen, nur wenige Szenen entstanden im Filmstudio. Gerade die Außenaufnahmen waren ebenfalls essenziell für den Erfolg der Serie. Wollte nicht jeder einmal so frei sein wie Catweazle? Den lieben langen Tag durch die Wälder streifen, und das ohne Helikopter-Eltern und Smartphone-Überwachung?
Otto Waalkes spielte Catweazle in dem gleichnamigen deutschen Film aus dem Jahr 2021.
© Olaf Ziegler/Imago
Es waren nicht nur die Abenteuer mit den deutlichen Fantasy-Elementen, die verzauberten, sondern eben auch die historische Landschaft mit den uralten Bäumen, die das große Ganze ausmachten. Und die simple Botschaft, die ohne Holzhammer oder Belehrungen auskam, und die hieß: Toleranz. Es war okay, anders zu sein. Hinter der zerlumpten Fassade steckte immer noch ein Mensch, der eine Geschichte hatte – trotz seiner Schrulligkeit und seiner Fehler. Man musste sich nur die Mühe machen, ihm zuzuhören. Und diese Botschaft war zeitlos und funktionierte eben in der ganzen Welt, und das bis heute.
So universell das Sujet auch war, so unverkennbar britisch war wiederum das Ambiente: Das alte Dorf mit dem Friedhof und dem typischen Holzeingang. Das alte Pfarrhaus, aber auch der traditionelle Glaube an Geister und Gespenster. Die Anziehungskraft der alten Wälder mit ihren Geheimnissen, wo diese Untoten wohnen sollten. Moderne Autos wirkten da schon mal schnell wie ein Fremdkörper, während Edward und Sam auf dem Traktor saßen und sich über die ungeduldige und aufgebrezelte Fahrerin, die es furchtbar eilig hatte, amüsierten.
In diesem Paralleluniversum im Fernsehformat ging es auch immer um Zeit und Raum, um Traum und Wirklichkeit, um Vergangenheit und Gegenwart, wobei diese essenziellen Themen spielerisch, eben kindgerecht behandelt wurden. Ständig verkehrten sich die Wahrnehmungen, woraus sich auch die Komik ergab, wenn Catweazle zum Beispiel einen Friseursalon für eine „Folterkammer“ hielt, während er gleichzeitig – in völliger Unkenntnis dieses Obstes – genüsslich in eine ungeschälte Banane beißen wollte.
Abschied am See
Am 30. Juni 1974 endete die Geschichte von Edward und Catweazle, den Helden der 1. Serienstaffel. Auch das gehörte zum Leben: Abschied. Catweazle hatte endlich begriffen, dass das Wasser ihn auch wieder in die Zeit zurücktransportieren kann. So ging er zum See, verfolgt von Edward, mit dem er sich kurz zuvor noch gestritten hatte.
Der ruft ihm noch zu: „Dann spring’ doch in den See!“, weil er das mittlerweile Offensichtliche immer noch nicht glauben will. Entsetzt muss er mit ansehen, wie Catweazle tatsächlich in den See geht und langsam immer durchscheinender wird. „Dann ist es wahr!“, ruft er aus, will den Freund noch aufhalten, doch es ist zu spät. Catweazle hört ihn schon nicht mehr, als er noch „Wirst Du eines Tages wiederkommen?“ ruft. Catweazle kam nie wieder. Still und stumm ruht der See, Edward blickt sich beim Gehen noch mehrmals um, und schaut in gewisser Weise auch auf seine Kindheit zurück, die bald abgeschlossen sein wird. Die Sommerferien sind aus, die Schule beginnt.
Die beiden Hauptdarsteller sind längst tot. Robin Davies, der den Edward so überzeugend spielte, verstarb 2010 im Alter von nur 56 Jahren an Lungenkrebs. Sieben Jahre später wurde auch Geoffrey Bayldon in Leeds zu Grabe getragen. Für die Fans sind sie unsterblich und leben in ihren Herzen weiter.
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