Ceuta versucht am Sonntag, aus dem Ausnahmezustand zurückzufinden. Soldaten und Polizisten kontrollieren weiter die Straßen, am Wellenbrecher von Tarajal ist die neue, 500 Meter lange Schwimmsperre inzwischen vollständig einsatzbereit. Zugleich erhöhte der Regierungsbeauftragte die offizielle Zahl der Toten auf 72. Die Verfahren der noch in der Stadt verbliebenen Menschen sollen beschleunigt werden, damit Rückführungen rasch erfolgen können.
Mehr als 50.000 Menschen waren seit Donnerstag aus Marokko nach Ceuta gelangt, örtliche Stellen nannten zeitweise rund 60.000. Die meisten sind inzwischen zurückgekehrt. Wie viele noch in der Stadt sind, konnten die Behörden am Sonntag nicht genau beziffern.
Die Krise trifft die EU zu einem heiklen Zeitpunkt: Der neue Asyl- und Migrationspakt soll gerade strengere Außengrenzen schaffen, während Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez wegen seines Regularisierungsprogramms unter Druck steht und der Verdacht wächst, Marokko könnte diese politische Schwachstelle bewusst ausgenutzt haben.
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22 EU-Staaten verlangen Krisensitzung
Am Dienstag beraten die EU-Innenminister in einer außerordentlichen Videokonferenz über die Folgen. 22 Mitgliedstaaten hatten die irische EU-Ratspräsidentschaft zu dem Treffen gedrängt. Sie verlangen eine abgestimmte Reaktion, stärkere Außengrenzen, wirksamere Rückführungen und Maßnahmen gegen Anreize für weitere irreguläre Einreisen.
Der Brief ist kein reines Strafschreiben gegen Spanien. Die Unterzeichner fordern auch EU-Hilfen für Madrid, mehr Frontex-Unterstützung und eine Überprüfung der Zusammenarbeit mit Marokko. Zugleich richtet sich die Botschaft an Sánchez: Eine Außengrenze darf nicht erneut innerhalb weniger Stunden zusammenbrechen.
Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) verlangte in der Bild am Sonntag, die EU-Kommission müsse dem Schutz der Außengrenzen „absolute Priorität“ einräumen, damit das System offener Binnengrenzen nicht weiter gefährdet werde.
Italien geht bereits weiter. Die Regierung in Rom führte zum 1. August für zunächst einen Monat wieder Kontrollen bei Einreisen aus Spanien ein. Sie betreffen Flug- und Schiffsverbindungen und richten sich vor allem an Drittstaatsangehörige. Spanische und andere EU-Bürger sollen davon nicht betroffen sein.
Arbeiter montieren vor Tarajal eine 500 Meter lange Schwimmsperre. Sie ragt bis zu 70 Zentimeter aus dem Wasser und reicht stellenweise einen Meter in die Tiefe.
© Samuel Vega/imago
„Falschmeldungen“: Sánchez kontert Kritik aus der EU
Italien schafft damit bereits Fakten. Spanien versucht unterdessen zu zeigen, dass es die Kontrolle über Ceuta zurückgewonnen hat. Vor Tarajal zieht Spanien eine Sperre durchs Meer. Bojen sollen zusätzliche Hindernisse schaffen, für Patrouillenboote bleibt eine Durchfahrt offen. Nach Einschätzung der Polizeigewerkschaft AUGC kann die Konstruktion jedoch einfach umschwommen werden.
Politisch geht Spaniens Regierungschef zum Gegenangriff über. In einem Brandbrief an die EU-Spitze warf Sánchez einzelnen Regierungen „Vorurteile, Falschmeldungen, Unwissenheit oder politisches Kalkül“ vor. Forderungen, Spanien zeitweise aus der Schengen-Zusammenarbeit auszuschließen, nannte er „egoistisch, polarisierend und rechtswidrig“.
Bei Ceuta ist die Schengen-Frage komplizierter. Für die spanischen Städte Ceuta und Melilla gelten Sonderregeln. Wer von dort per Schiff oder Flugzeug auf das spanische Festland oder in einen anderen Schengen-Staat reisen will, wird erneut auf Identität und Dokumente kontrolliert. Die EU-Kommission erklärte, aus der letzten Gruppe von Migranten sei niemand auf das Festland weitergereist.
Neu angekommene Migranten im überfüllten Aufnahmezentrum CETI in Ceuta. Die meisten kamen nach spanischen Angaben aus Marokko, einige jedoch auch aus anderen afrikanischen Staaten.
© Juan Carlos Lucas/imago
Wer mobilisierte Zehntausende Menschen?
„Die spanische Grenze ist offen, man kann ohne Papiere passieren“, lautete nach Recherchen von El País eine der Botschaften, die sich am Donnerstag auf marokkanischen Plattformen verbreiteten. Die Aufrufe nannten Verkaufsstellen für Neoprenanzüge und Schwimmhilfen. Karten zeigten Wege zum Strand von Tarajal und Stellen mit geringerer Polizeipräsenz.
Die Gruppe „Hrig Sebta“ hatte mehr als 20.000 Follower, bevor sie geschlossen wurde. Wer hinter den Konten stand, ist offen. Automatisierte Konten könnten die Reichweite erhöht haben.
Als zusätzlicher Beschleuniger diente offenbar ein Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs. Es besagt nicht, dass auf dem Seeweg ankommende Menschen automatisch bleiben dürfen. Das Gericht schloss jedoch pauschale Sofortrückführungen ohne individuelles Verfahren für Ankünfte über das Meer aus. Nach Darstellung Madrids machten Schleuser daraus die falsche Botschaft, die Grenze sei geöffnet.
Hat Marokko die Grenze absichtlich geöffnet?
Für eine von der marokkanischen Regierung gesteuerte Aktion gibt es bislang keinen Beleg. Die Beobachtungen der ersten Stunden erklären jedoch, warum der Verdacht nicht verschwindet. Ein AP-Fotograf sah am Donnerstag marokkanische Sicherheitskräfte mit verschränkten Armen am Straßenrand stehen, während Tausende in Richtung Grenze zogen. Erst später gingen Sicherheitskräfte mit Tränengas, Schlagstöcken und Wasserwerfern gegen solche Gruppen vor.
Die Regierung in Rabat erklärt, die Krise habe sich gegen ihren Willen entwickelt. Spaniens Innenminister Fernando Grande-Marlaska nennt Marokko einen „vollkommen verlässlichen Partner“. Die Passivität zu Beginn und das Ausbleiben einer Warnung stehen dennoch im Kontrast zu früheren Einsätzen.
Im September 2024 verhinderten marokkanische Sicherheitskräfte nach Aufrufen in sozialen Netzwerken einen ähnlichen Massenversuch. Rund 3000 Menschen wollten damals nach Ceuta gelangen. Rabat ließ 152 mutmaßliche Organisatoren festnehmen, errichtete Kontrollstellen und brachte mögliche Teilnehmer mit Bussen aus der Grenzregion. Warum der Sicherheitsapparat diesmal eine Mobilisierung von ungleich größerem Ausmaß nicht rechtzeitig erkannte oder stoppte, ist die wichtigste offene Frage.
Hinzu kommt das Jahr 2021. Damals gelangten mehr als 8000 Menschen nach Ceuta, nachdem marokkanische Grenzkräfte ihre Kontrollen gelockert hatten. Der Vorgang wurde weithin als Reaktion auf die Behandlung des Polisario-Chefs Brahim Ghali in Spanien verstanden. Das Europäische Parlament verurteilte anschließend die „Instrumentalisierung“ von Migration durch Marokko.
Spanische Soldaten begleiten zwei junge Männer im Grenzgebiet von Ceuta. Die Armee wurde eingesetzt, nachdem die örtlichen Sicherheitskräfte die Kontrolle verloren hatten.
© Juan Carlos Lucas/imago
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Warum Spanien an Ceuta festhält
Die Bezeichnung Ceutas als Kolonie greift zu kurz. Spanien behandelt die Stadt als autonomes und integrales Staatsgebiet. Marokko erkennt die spanische Souveränität nicht an und bezeichnet Ceuta und Melilla als besetzt. Die Städte stehen seit Jahrhunderten unter iberischer Herrschaft.
Für Spanien wäre eine Aufgabe ein Verzicht auf eigenes Staatsgebiet und seine Bevölkerung. Zugleich bildet Ceuta mit Melilla die einzige Landgrenze zwischen der EU und Afrika. Setzt die Kooperation mit Marokko aus, können die Städte innerhalb von Stunden überrannt werden.
Streit über Spaniens Migrationskurs
Europas Kritik richtet sich auch gegen Sánchez’ Regularisierungsprogramm. Bis zum 30. Juni gingen offiziell fast 1,18 Millionen Anträge ein. Bei der Ankündigung hatte die Regierung mit etwa 500.000 Betroffenen gerechnet. Berechtigt waren nur Menschen, die bereits vor dem 1. Januar 2026 in Spanien lebten und mindestens fünf Monate Aufenthalt nachweisen konnten. Die Neuankömmlinge in Ceuta fallen nicht darunter.
Auch bei Rücküberstellungen bestehen Spannungen mit Deutschland. Im ersten Halbjahr 2025 richtete Deutschland 1517 Dublin-Übernahmeersuchen an Spanien. Madrid stimmte 1263 zu, tatsächlich wurden 474 Menschen überstellt. Die Lücke zeigt Probleme im Vollzug, bedeutet aber nicht automatisch, dass Spanien jede gescheiterte Überstellung verursacht hat. Auch Fristen, Gerichtsverfahren oder das Untertauchen Betroffener können eine Rolle spielen.
Seit dem 12. Juni gilt der neue EU-Asyl- und Migrationspakt. Er hält am Grundsatz der Verantwortung des Ersteinreisestaats fest und ergänzt ihn um schnellere Grenzverfahren, Solidarität und Instrumente gegen die politische Nutzung von Migration.
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