Champions League Atlético gegen Real

Tragödie der Spaßverderber

Nur Sekunden trennen Atlético Madrid im Finale der Champions League von der Sensation. Am Ende holt sich Stadtrivale Real seine zehnte Krone im europäischen Fußball. Doch das Ergebnis fällt viel zu hoch aus.

Frank Hellmann
4 Min

Das 4:1 (1:1) nach Verlängerung gegen den zähen Stadtrivalen Atlético könnte eigentlich ein festes Fundament geben, um gegen nationale Schwankungen und internationale Entwicklungen weniger anfällig zu werden. Doch kaum war La Décima erfüllt, erstaunte Präsident Florentino Pérez mit der Botschaft: „Wir denken nun an die Undécima!“ Den elften Triumph. Gemach, gemach. Gut, dass die meisten Protagonisten sich erst einmal den Partyaktivitäten der Gegenwart hingaben.

„Es ist ein Traum, der für uns alle wahr wird“, sagte Sami Khedira, der deutsche Nationalspieler, den es am Sonntag mit den Kollegen zurück in die spanische Hauptstadt zur Plaza de Cibeles führte, deren monumentaler Brunnen traditionell als Feierzentrum für die königliche Gefolgschaft herhalten muss. „Der zehnte Champions-League-Titel ist mehr wert als die Weltmeisterschaft“, sagte Kapitän Iker Casillas, der mit seinem Patzer beinahe alles vermasselt hätte.

„Du kannst sagen, wir waren die Glücklicheren. Du kannst aber auch sagen, wir haben nie aufgegeben“, beschied Real-Trainer Carlo Ancelotti, mit einer väterlichen Weisheit, die auch erklärte, warum seine zu infantilen Geschöpfen mutierten Weltstars die Pressekonferenz stürmten, um den Italiener hochleben zu lassen. Und dann, ja dann, klopfte Ancelotti tatsächlich auf den Tisch wie ein älterer Herr, der seit Stunden in einer Kneipe herumsitzt und plötzlich beim ersten Schlager zu schunkeln anfängt. Wie auf Knopfdruck setzte sich der 54-Jährige allerdings wieder, um von Ehre, Stolz und Erleichterung zu berichten, der alle Protagonisten in diesem notorisch hybriden Umfeld befallen hatte. Ancelotti hatte ja am Tag zuvor gemahnt, La Décima nach den vielen im Viertel- oder Semifinale abgefangenen Anläufen nicht als Obsession, sondern als Traum zu begreifen.

Mehr Chance als Risiko, das kann Ancelotti ja glaubhaft vermitteln, weil er je zwei Mal als Spieler und Trainer mit Milan den Henkelpott holte. Und weil er dieses Spiel nicht wichtiger nimmt als nötig. Und vielleicht war es gerade diese Gelassenheit, die das Versagen in letzter Sekunde durch den wuchtigen Kopfstoß von Sergio Ramos abwendete, der den Favoriten nach dem 0:1 durch Diego Godín (36.) in die Verlängerung rettete.

Auf der Zielgeraden bahnten sich dann Reals sündhaft teure Investitionen ihren Weg: Als Irrwisch Angel Di María eine Schneise schlug, staubte Gareth Bale ab (110.). Dann noch Marcelo mit links (118.) und – er spielte ja auch mit – Cristiano Ronaldo per Elfmeter (120.). Fertig war das viel zu hohe 4:1. Der in Lissabon sozialisierte Ronaldo trug einen mit Pailletten besetzten Lederrucksack, als er konstatierte: „Davon habe ich als Kind geträumt. Diese Saison ist fantastisch zu Ende gegangen.“

Es ist wohl eine müßige Diskussion, welche Signalwirkung ein Erfolg des Außenseiters Atlético gehabt hätte. Wehrhaftigkeit und Tapferkeit sind ehrenwerte Tugenden, wenn es damit in einem von finanzieller Großmannssucht geprägten Wettbewerb gelingt, so weit zu kommen. Das von Einpeitscher Diego Simeone angetriebene Atlético-Team führte sein zerstörerisches, aber allemal legitimes Werk bis an den Rand der Perfektion auf, um dann 40 Jahre nach dem Fangschuss von Bayerns Georg Schwarzenbeck im Landesmeisterfinale erneut einen sicher geglaubten Sieg zu verspielen. Doch das Unheil brach nicht erst in den 313 Sekunden Nachspielzeit über die Rojiblancos herein, denn mit jeder Minute waren die Spaßverderber einen Meter weiter zurückgewichen. Spielentscheidend war wohl, dass sich Trainer Simeone schon nach neun Minuten einer Wechselmöglichkeit beraubte, als er den wundergeheilten Torjäger Diego Costa wieder herausnehmen musste. „Das nehme ich auf meine Verantwortung“, sagte Simeone, „ich habe einen Fehler gemacht.“

Als die Siegerehrung lief, war die rot-weiß-rote Fankurve fast ganz geleert. Die vorher so fröhliche Atlético-Gemeinde zog lieber mit den überfüllten Metros zur Praça Marquês de Pombal, wo ihre Idole nächtigten, um sich in gebotener Stille ein letztes Mal zu verneigen.

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