Es ist so gut wie sicher, dass bei den BR Volleys die Zeichen für Trainer Roberto Serniotti auf Abschied stehen. Manager Kaweh Niroomand verschob die Diskussion zwar auf das Saisonende, weil sie den Verein jetzt, in der entscheidenden Saisonphase, stört. Nach der Saison über neue Verträge zu sprechen, sei Usus in Berlin, betonte Niroomand. Würde er den Italiener jedoch als Trainer behalten wollen, hätte er dessen auslaufenden Vertrag längst verlängert. So, wie er es 2013 mit dessen Vorgänger Mark Lebedew tat. Den engagierte er damals bereits Ende Februar für zwei weitere Jahre. Danach sieht es bei Serniotti, 54, nach zwei Spielzeiten in Berlin nicht aus.
Der Italiener kann daher die kommenden Entscheidungsspiele getrost zur Eigenwerbung nutzen. Dazu taugt besonders das internationale Parkett der Champions League. Dort steht für die BR Volleys am Mittwochabend (18 Uhr, laola1.tv, sport1+) das Rückspiel bei Dynamo Moskau an. Dass sich die Berliner überhaupt unter den besten sechs Teams in Europa befinden, ist eine große Leistung.
Dass sie sich dank des spektakulären 3:2-Sieges vor einer Woche im Heimspiel in Berlin tatsächlich noch eine Chance ausrechnen, sich erstmals auf sportlichem Weg für das Final Four zu qualifizieren, hätte kaum jemand erwartet. „Ich habe nach dem Hinspiel viele Gratulationen von Trainern und Freunden aus Italien und ganz Europa erhalten“, sagte Serniotti. „Sie waren alle überrascht. Und ich denke, diese Saison haben wir in Europa schon jetzt mehr erreicht als vorige Saison.“
Staatsgelder im Fluss
Da schieden die BR Volleys nach der Gruppenphase aus der Champions League aus, gewannen dann jedoch den Titel im nachrangigen CEV-Cup. Jetzt vertreten sie die deutsche Liga in der Königsklasse neben den russischen Vertretern von Dynamo Moskau, Zenit Kasan und Belogorie Belgorod sowie den Klubs aus Modena und Civitanova. Perugia ist als dritter italienischer Verein als Ausrichter des Finalturniers am letzten Aprilwochenende in Rom gesetzt. Im Duell mit Berlin am heutigen Abend ist das mit Nationalspielern gespickte Team von Dynamo Moskau Favorit, zumal die Partie im Dynamo-Sportpalast stattfindet. 5 000 Zuschauer passen in den sozialistischen Betonbau an der Uliza Lawotschkina. Doch wie gestaltet sich das Umfeld dieses Klubs, der einst vom russischen Geheimdienst KGB gegründet wurde?
Laut dem Herausgeber der Webseite „Agentura ru“, Andrej Soldatow, der als Geheimdienst-Spezialist gilt, sitzt der Chef des russischen Inlandsgeheimdienstes (FSB) im Verwaltungsrat von Dynamo. Klubpräsident Michail Schekin ist offenbar in einer Division des FSB tätig. Und der frühere FSB-Chef Nikolai Patrutschew habe Volleyball als Lieblingssport, Staatsgeld würde daher großzügig fließen.
Laut dem Magazin Forbes ist Schekin der Vater der russischen Designerin Anastasia Zadorina. Die machte kürzlich auf sich aufmerksam, weil ihre Firma künftig Russlands Olympiamannschaft von den Socken bis zu den Hüten mit Sportbekleidung ausrüstet und damit nach 15 Jahren die Bosco Gruppe ablöst. Ihr Vertrag mit dem russischen Olympiakomitee läuft bis 2025. Zu den bisherigen Kunden von Zadorinas Unternehmen gehören neben dem Flughafen Moskau-Wnukowo und Norilsk Nickel, für die sie Arbeitsuniformen fertigen ließ, auch Dynamos Beach- und Hallenvolleyballer.
Ihre Schwester Julia Tichomirowa fungierte laut der Internetplattform „rusletter.com“ als kaufmännische Leiterin des Dynamo Sportpalastes an der Uliza Lawotschkina, später investierte sie in der Pharmaziebranche.
Schmettern mit Wucht
Die Verbindung zwischen dem FSB und dem russischen Sport wurde zuletzt vor knapp einem Jahr mit dem Erscheinen des McLaren-Reports offenkundig. Die von der Welt-Antidoping-Agentur (Wada) in Auftrag gegebene Untersuchung wies dem russischen Sportministerium Dopingmanipulationen nach, die vom FSB „gelenkt, kontrolliert und überwacht“ wurden.
Der russische Volleyball geriet etwa zur gleichen Zeit wegen mehrerer Meldonium-Fälle in die Schlagzeilen. Dynamos Außenangreifer Alexander Markin wurde wenige Wochen nach einem positiven Test aus Russlands Olympiakader gestrichen. Als die BR Volleys vor zwölf Monaten zum CEV-Cup-Finale nach Surgut reisten, fehlten beim dortigen Klub der überragende Diagonalangreifer Konstantin Bakun, ebenso Zuspieler Aleksa Brdjovic und Olympiasieger Nikolai Apalikow. Wie der sibirische Verein später zugab, fürchtete man bei den Dreien ebenfalls den Nachweis des kurz zuvor verbotenen Dopingmittels Meldonium. Bakun schmettert in dieser Saison nun für Dynamo Moskau.
„Die russischen Volleyballer spielen mit einer unglaublichen Wucht. Es wird eine komplizierte Aufgabe für uns“, sagt Volleys-Trainer Serniotti. Kapitän Robert Kromm forderte die richtige Körpersprache: „Wir dürfen nicht rumlaufen wie die kleinen Buben, die gegen die Großen spielen.“ Serniotti fügte an: „Ich hoffe, wir spielen in Moskau ohne Angst.“ Wovor auch immer.
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