Vielleicht muss man vor diesem Gipfeltreffen des europäischen Fußballs tatsächlich noch einmal bis in die Kindheit Guardiolas zurückgehen, um zu verstehen, was der 44-Jährige meinte, als er gleich nach der Auslosung sagte: „Es ist das erste Mal, dass ich zurück nach Barcelona komme, nach Hause. Natürlich ist es speziell für mich, sehr, sehr emotional.“ Es sei ja klar gewesen, dass diese Begegnung mit seinem Heimatverein irgendwann anstehen werde, fügte er hinzu, und es bleibe „am Ende ein Fußballspiel“. Doch Guardiola wusste vermutlich schon, dass das so nicht stimmt. Nicht für ihn.
Mit 13 Jahren war Guardiola aus seinem katalanischen Heimatort Santpedor in das legendäre Jugendinternat des FC Barcelona gezogen. 2011 wurde es geschlossen und dient seither als Vereinsmuseum. Alle Talente des Klubs wohnen nun im weitläufigen Trainingszentrum Ciutat Esportiva Joan Gamper, in einem modernen Gebäude mit Glasfassade. Aber Guardiola lebte nicht nur einst in La Masia. Er hat später auch einige Spieler trainiert, die dort an die Profis herangeführt worden waren. Wie Lionel Messi. Oder Bayerns Profi Thiago Alcántara, der zweite Rückkehrer.
Vom Balljungen zum Kapitän
Insgesamt 22 Jahre hat Guardiola seit 1984 beim FC Barcelona verbracht, er wurde dort vom Internatsschüler und Balljungen zum Profi und Kapitän, ehe er sich 2001 verabschiedete. Später kehrte er als Trainer zurück, 2007 übernahm er zunächst die zweite Mannschaft, dann von 2008 bis 2012 die erste. Drei Mal gewann Guardiola mit Barcelona die Champions League, ein Mal 1992 als Spieler, danach 2009 und 2011 als Trainer. Allein als Coach häufte er mit Barça 14 Titel an und stieg damit nicht nur zum erfolgreichsten Trainer der Vereinsgeschichte auf, sondern auch zu einer Symbolfigur des stolzen Klubs.
Heute Abend wird er als Bayern-Trainer seiner Vergangenheit gegenüberstehen. Dem Argentinier Lionel Messi, der unter Guardiola zu einem Weltstar reifte, genauso wie seinem Freund Luis Enrique, dem aktuellen Trainer der Katalanen. Und all den anderen, denen er im März als Dauerkartenbesitzer und Fan noch von der Tribüne aus zugejubelt hatte. Als ihn die Menschen im Camp Nou erblickten, jubelten sie ihrerseits ihm zu. Er sei einer von Barça „und werde es immer bleiben“, hat Guardiola einmal gesagt.
Fokus auf die Gegenwart
Der Personenkult um ihn ist ein wesentlicher Bestandteil dieses Halbfinals. Es wird spannend zu beobachten sein, wie der Trainer des FC Bayern damit umgeht. Das gilt auch für Guardiolas Gefühle, die kühlen und kühnen Entscheidungen im Wege stehen könnten. Wie sehr ihn diese Begegnung aufwühlt, spüren die Münchner. „Er darf sich nicht zu sehr unter Druck setzen“, hat Sportvorstand Matthias Sammer gesagt, „ich rate ihm zu etwas mehr Gelassenheit.“
Vielleicht findet Guardiola einen ruhigen Moment, um zurückzublicken und dann den Fokus ganz auf die Gegenwart zu richten. Um die Geschichten von einst werden sich alle anderen schon genug kümmern. Wie um jene aus den Anfängen des kleinen Joseps, den später alle nur noch Pep nannten. Oft, so hat es sein Vater Valentí einmal erzählt, habe sein Sohn am Telefon von La Masia geweint, weil er Heimweh hatte. Der strenge Tagesablauf mit dem Frühstück um sieben Uhr machte ihm zu schaffen, die Schule, das Training danach, die wenige Freizeit. Manchmal, so ist es in der Guardiola-Biografie von Guillem Balagué zu lesen, seien Pep und die anderen Jungs nach der Bettruhe noch ans Fenster geschlichen und hätten die Prostituierten beobachtet, die vor La Masia auf Kunden warteten.
Guardiola steht jetzt hinter einem anderen Fenster, im Mannschaftshotel des FC Bayern, gleich neben La Masia. Und sein Auftrag ist es, mit diesem Verein eine neue Erfolgsgeschichte zu schreiben. Job gegen Liebe – es muss Guardiola seltsam vorkommen.
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