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Lehramtsstudium in Berlin: So chaotisch ist die Realität im Praxissemester

Unsere Autorin tritt ihr Praxissemester im Lehramtsstudium an. Die Lücken im System blieben ihr im Vorhinein allerdings nicht erspart.

Jona Schubert
7 Min
Praktische Erfahrungen gehören zum Lehramtsstudium

Praktische Erfahrungen gehören zum Lehramtsstudium

© Frank Rumpenhorst/dpa

Am 1. September beginnt für viele Lehramtsstudent:innen in Berlin das Praxissemester. Was sich viele Student:innen schon zu früheren Zeitpunkten in ihrem Studium wünschen, wird nun wahr: Endlich dürfen im vorletzten Semester des Masterstudiengangs praktische Erfahrungen gesammelt werden.

So schön die Vorstellung ist, auch in diesem Sommer wird das Praxissemester wieder viele Herausforderungen mit sich bringen, an welchen auch die Universitäten nicht unschuldig sind. Die Organisation in den Vorbereitungsseminaren im vergangenen Sommersemester ließ nichts Gutes erahnen.

Anders als im ersten sechswöchigen Praktikum des Studiums, das im Bachelorstudium zu absolvieren war, wurde die Platzvergabe im Praxissemester zentral geregelt.

Begründungen hierfür sind – laut Leitfaden – eine garantierte Platzzuteilung und Gleichbehandlung, eine Entlastung der Schulen und „der Erhalt bewährter Kontakte zwischen Schule und Universität“. Eine fast schon humorvolle Aussage, wenn man bedenkt, dass das Finden einer Praktikumsschule im Bachelorstudiengang auch für alle wunderbar ohne zentrale Platzvergabe funktioniert hat.

Keine freie Platzwahl

Die Student:innen durften sich also nicht selbst eine Schule aussuchen, sondern wurden zugeteilt. Es gab zwar die Möglichkeit, seine Wunschbezirke anzugeben. Ob man aber auch einer Schule in einem der Bezirke zugeteilt wurde, entschied das Glück.

Neben den Schulen in den favorisierten Bezirken wurden auch Schulen vorgeschlagen, welche sich teilweise am anderen Ende von Berlin, also definitiv nicht in den zuvor angegebenen Bezirken, befinden. Hatte man Glück, konnten ausgewählte Schulen der favorisierten Bezirke priorisiert werden.

Einige Student:innen scheinen mit ihrer zugeteilten Schule zufrieden zu sein, vielen geht es aber anders. Gespräche mit anderen Student:innen ergaben, dass die Teilnahme am Praxissemester an der zugeteilten Schule mit vielen Problemen verbunden ist. Es müssen teilweise Fahrtwege von insgesamt über vier Stunden in Kauf genommen werden. Wer Familie oder Haustiere hat, um die sich gekümmert werden muss, hat schlicht und ergreifend Pech gehabt.

Bei vielen kommt das Gefühl auf, dass es hierbei nicht um die professionelle praktische Ausbildung, sondern um die kostengünstige Sicherung des Unterrichts und der Kinderbetreuung geht.

Bei vielen kommt das Gefühl auf, dass es hierbei nicht um die professionelle praktische Ausbildung, sondern um die kostengünstige Sicherung des Unterrichts und der Kinderbetreuung geht.

© Arne Dedert/dpa

Der Wechsel der Praxissemesterschule ist nicht leicht und kann nur über das Platztauschverfahren vorgenommen werden. Hierbei können Studierende ihren Platz an der zugeteilten Schule anbieten und hoffen, dass sie im Gegenzug eine für sie passendere Schule auswählen können. Es findet sich kein Tauschplatz? Dumm gelaufen.

Die Nachfrage bei einem zuständigen Praktikumsbüro stellte sich auch als wenig hilfreich heraus: Eine Fahrtzeit von einer bis anderthalb Stunden sei grundsätzlich zumutbar und darüber hinaus kein Grund für die Zuweisung eines anderen Platzes. Alternativ könne man das Praxissemester ja auch in Teilzeit absolvieren und somit ein ganzes Jahr damit verbringen.

Beginn noch vor der Vorlesungszeit

Wenn man sich aber dazu entschließt, das Studium schnellstmöglich beenden und dem Lehrermangel entgegentreten zu wollen, absolviert man das Praxissemester ab September, also noch vor Beginn der eigentlichen Vorlesungszeit.

Die Präsenzzeit an der Schule beträgt zwei bis vier Tage in der Woche. Zusätzlich müssen verschiedene Begleitseminare an der Universität besucht werden. Teilweise sollen diese in Präsenz oder online stattfinden, da kommt es ganz auf die Vorliebe der Dozent:innen an und nicht auf die Wünsche der Studierenden.

In meinem Fall habe ich an drei Tagen in der Woche begleitende Seminare. Nur an einem von drei Tagen finden mehrere Seminare hintereinander statt. Zwei Tage muss ich also gezwungenermaßen an meiner Praktikumsschule verbringen, da es durch die Zeiten der Begleitseminare anders nicht möglich ist.

Während des letzten Semesters wurde uns erzählt, dass die Begleitseminare möglichst an einem Tag in der Woche stattfinden sollen, um unsere Belastungen während des Praxissemesters nicht zusätzlich zu erhöhen. Auf spätere Nachfrage bei den Dozent:innen, weshalb dieser Vorsatz nicht eingehalten wurde, schoben sich die einzelnen Fachbereiche gegenseitig die Schuld zu oder es wurde mitgeteilt, dass auch auf die anderen Studierenden der Universität Rücksicht genommen werden müsse und es nun mal nicht anders gehe.

Mangelnde Organisation?

Wer mitgerechnet hat, weiß, dass nun eigentlich fünf von fünf Tagen der Woche belegt sind. Aber was ist nun mit dem Nebenjob, welcher dringend benötigt wird, um Miete und weitere Ausgaben des alltäglichen Lebens decken zu können?

Ich selbst hatte noch Glück. Mit Beginn des Praxissemesters habe ich auch einen neuen Job, der es mir ermöglicht, mein Geld an einem anstatt wie vorher an zwei Tagen in der Woche verdienen zu können. Ohne diese Möglichkeit hätte ich mir mein Studium und mein Leben nicht mehr finanzieren können; einen Anspruch auf Bafög gibt es in meinem Fall nicht.

Ein Tag in der Woche ist also für den Nebenjob reserviert, zwei für mein Praxissemester an der Schule und zusätzlich einer der beiden Nachmittage für ein Begleitseminar. Die restlichen zwei Tage verbringe ich ebenfalls mit der Teilnahme an begleitenden Seminaren.

Zusätzlich zur Arbeit, der Präsenzzeit an der Schule und der Teilnahme an den Begleitseminaren müssen Unterrichtseinheiten vor- und nachbereitet werden, das Lernforschungsprojekt durchgeführt und natürlich auch an weiteren Veranstaltungen der Praktikumsschule wie Elternabenden, Besprechungen oder Festen teilgenommen werden.

Außerunterrichtliche Verpflichtungen

Zusätzlich sind im Leitfaden weitere außerunterrichtliche Aufgaben der Studierenden vermerkt. Dazu zählen unter anderem das Begleiten von Arbeitsgemeinschaften der Schüler:innen, die Betreuung und Begleitung von mehrtägigen Fahrten oder auch die Betreuung der Kinder im Hort. So stellt es sich zumindest die Universität vor. Ob dies auch der Wirklichkeit entsprechen wird, bleibt fraglich.

Bei vielen Student:innen kommt das Gefühl auf, dass es hierbei nicht um die professionelle praktische Ausbildung, sondern um die kostengünstige Sicherung des Unterrichts und der Kinderbetreuung geht.

Einige Student:innen mussten leider bereits vor dem Start des Praxissemesters schlechte Erfahrungen mit ihren Praxisschulen machen, wodurch sich Vorahnungen teilweise bestätigten. Auf die Bitte einer Kommilitonin um ein Kennenlerngespräch mit der Praxisschule – das von Universität und Dozent:innen empfohlen wird – wurde trotz anhaltender Nachfrage nicht reagiert.

Ist das Praxissemester sinnvoll?

Die Schulen scheinen kaum bis gar nicht über die Anforderungen und Aufgaben in der Zeit des Praxissemesters informiert zu sein. Dozent:innen der Universität sagten uns, dass wir die Zeit nutzen sollen, um möglichst viele Bereiche unserer zukünftigen Arbeit kennenzulernen. Dies sollte unter anderem das Hospitieren und Unterrichten in verschiedenen Klassenstufen sowie die Arbeit und der Austausch in multiprofessionellen Teams beinhalten.

Aus den Gesprächen zwischen den Schulen und Student:innen stellte sich jedoch für viele Kommiliton:innen heraus, dass sie einfach als zusätzliche Lehrkraft von den Schulen angesehen werden, die für die Zeit des Praxissemesters unentgeltlich unterrichten soll. Denn nach wie vor wird das Praxissemester der Lehramtsstudierenden trotz der geleisteten Arbeit nicht bezahlt.

Auch Studierende, welche bereits Praxiserfahrung an Schulen gesammelt haben, müssen das Praxissemester absolvieren. Sie können sich zwar einige Stunden anrechnen lassen, empfinden die bevorstehende Zeit in der Praxisschule jedoch als Hürde und Zeitverschwendung auf ihrem Weg zur Lehrkraft.

Die Vorstellung der Universitäten von einem Praxissemester und die Realität unterscheiden sich scheinbar wesentlich voneinander. Bis zu einer wirklich sinnvollen und gerechten Lehrkräfteausbildung scheint es also noch ein langer Weg zu sein.

Die Autorin legt Wert auf die Verwendung von Sonderzeichen zur Sichtbarmachung aller Geschlechter. Sie verwendet ein Pseudonym, ihr Name ist der Redaktion bekannt.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag freien Autorinnen und Autoren sowie jedem Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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