Porträt

Charlotte Gneuß schrieb als junge Westdeutsche über die DDR: „Ja darf man das?“

Mit ihrem Roman „Gittersee“ hat sie den Sound der jungen Menschen erreicht: Charlotte Gneuß erzählte von der Jugend der DDR im Jahr 1976. Nun hat sie ein neues Projekt. Ein Gespräch in Schöneberg.

8 Min
Die Autorin Charlotte Gneuß beim Reportergespräch in Schöneberg

Die Autorin Charlotte Gneuß beim Reportergespräch in Schöneberg

© Ina Schoenenburg/Ostkreuz

Am Anfang steht die Frage, nicht das Thema. Ihre dunkelbraunen Augen strahlen. „Ich habe mich vor dem Beginn des Schreibens gefragt, woher meine Eltern kommen und warum sie 1989 vor der Wende in den Westen ausgewandert sind“, sagt Charlotte Gneuß und betont: „Da gab es einen Schmerzpunkt, dem ich nachspürte. Etwas, was ich noch nicht wusste.“ Wir sitzen im mondänen Café Gottlob in der Schöneberger Akazienstraße und sind schnell beim Du. Charlotte also. So einfach ist das. Sie ist ein zugewandter, freundlicher und bei allem plötzlichen Ruhm ganz bescheidener Mensch. Sie entschuldigt sich höflich, weil das Fotoshooting lange dauert. Beim „Zur-Schau-Stellen“ ist sie sich immer noch nicht sicher und wirkt zurückhaltend, gleichwohl sie seit dem Herbst 2023 doch so häufig fotografiert wurde.

Ihr erstes Buch schlug positiv und heftig ein, „damit konnte ich gar nicht rechnen“. Der Roman „Gittersee“, nach einem Stadtteil in Dresden benannt, ist in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich: Die kühle und dennoch gefühlvolle Sprache, die Personen, die mit Liebe, Verrat und Lebensentwürfen ringen und ein Stasioffizier, der als eine nachdenkliche, um sein Land kämpfende Persönlichkeit glaubhaft gezeichnet wird. Das Erstaunliche in unserer gegenwärtigen Zeit des Lärms und des banalen „Schwarz-Weiß“ ist hier, dass die Personen antagonistisch, vielfältig und gerade durch die Differenzierung authentisch herüberkommen. Und das alles von einer 1992 zwölf Kilometer nördlich von Stuttgart Geborenen; Erinnerung an eine Zeit, in der es die Autorin noch gar nicht gab.

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