Rund zwei Drittel der 16- bis 39-Jährigen in Deutschland haben bereits mit Künstlicher Intelligenz über psychische Belastungen gesprochen. Das geht aus einer repräsentativen Befragung der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention hervor, die am Dienstag in Leipzig vorgestellt wurde. Häufig gehe es um allgemeine Themen wie Stress, Trauer oder Liebeskummer, hieß es.
Bedenklicher sei der Umgang mit den Chatbots bei psychischen Erkrankungen: Der Umfrage nach wenden sich 35 Prozent der jüngeren Menschen mit Depression an die KI, um über ihre Depression zu sprechen. Zehn Prozent führen sogar längere, dialogische Gespräche wie mit einem menschlichen Gegenüber.
Viele Betroffene haben niemanden zum Reden
Als wichtigsten Grund nannten 56 Prozent der von Depressionen betroffenen, überhaupt jemanden zum Reden haben zu wollen. 46 Prozent erhofften sich, ihre Erkrankung selbst besser in den Griff zu bekommen, 41 Prozent suchten Aufmunterung und Zuspruch. Am häufigsten genutzt wird laut Stiftung ChatGPT mit 77 Prozent, gefolgt von Gemini mit 14 Prozent und Microsoft Copilot mit 4 Prozent.
Der Austausch mit der KI löst dabei gemischte Gefühle aus: 85 Prozent der Nutzer bewerteten die Unterhaltungen mit Chatbots als hilfreich, zwei Drittel berichteten von einem Gefühl der Nähe. Zugleich empfanden es 57 Prozent als bedrückend, mit einem Computerprogramm zu sprechen. 53 Prozent gaben an, nach der Nutzung verstärkt Gedanken an Selbstverletzung oder Suizid gehabt zu haben.
Berlin ist trauriger Spitzenreiter: Vom Leben mit Depressionen in der Metropole
Studie: Forscher finden Zusammenhang zwischen Darm-Entzündungen und Depression
Warnung vor Gefahren: KI ist kein Therapie-Ersatz
62 Prozent der Betroffenen mit Depression erklärten, die Gespräche mit KI hätten bei ihnen den Gang zum Arzt oder Psychotherapeuten überflüssig gemacht. Davor warnte der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Ulrich Hegerl: KI ersetze weder eine professionelle Diagnostik noch eine leitliniengerechte Behandlung. Die antidepressive Wirksamkeit und mögliche unerwünschte Folgen seien kaum erforscht.
Der Psychiater Malek Bajbouj von der Berliner Charité sieht in der Entwicklung Chancen und Risiken zugleich. Evidenzbasierte und gezielt eingesetzte KI-Systeme könnten Wartezeiten verkürzen und Prävention ermöglichen, sagte er. Zugleich bestehe die Gefahr von „Scheinbehandlungen“: Menschen blieben in Systemen gefangen, die wirkungslos oder sogar schädlich seien. Im schlimmsten Fall könnten KI-Systeme belastende oder suizidale Gedanken verstärken.
Für die Online-Befragung im März 2026 wurden bundesweit 2500 Menschen im Alter von 16 bis 39 Jahren befragt. (mit dpa und AFP)
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de