An einer der zentralsten und symbolisch wichtigsten Schnittstellen Berlins soll ein Gebäudekomplex mit Wohnungen, Büros, Geschäften sowie einem Hotel mit knapp 400 Zimmern entstehen. Die Firma, die die letzten beiden Brachen am ehemaligen Grenzübergang Checkpoint Charlie entwickeln will, heißt Trockland. Das Geflecht der Gesellschaften, die sich laut Handelsregistern und Wirtschaftsdatenbanken hinter diesem Namen verbergen, ist schwer zu greifen: Das Netzwerk umfasst eine Vielzahl teilweise ineinander verschachtelter Firmen, darunter mehr als ein Dutzend Objektgesellschaften, die als Firmenhüllen für einzelne Immobilien dienen.
Dazu zählen die Trockland IX Real Estate West GmbH und die Trockland Real Estate Ost GmbH, die in den Grundbüchern der Grundstücke rechts und links der Friedrichstraße als Eigentümer vorgemerkt sind. Diese Gesellschaften wiederum gehören zu 100 Prozent der Trockland IX Real Estate GmbH. Ein Verwirrspiel mit Namen und Gesellschaften. Bei der Recherche zu den Hintergründen der Unternehmen tauchen auch andere interessante Namen auf: die der Gesellschafter zum Beispiel. Kirill Zimarin und Andrey Vedenkov arbeiten in führenden Positionen bei der RCD Bank in Zypern – einer Tochter der russischen VTB Bank. Die RCD-Bank tauchte um Zusammenhang mit den Panama Papers auf: Putins enges Umfeld soll sie als Vehikel für Offshore-Transaktionen mit einem Milliarden-Volumen genutzt haben. Die RCD weist die Vorwürfe zurück.
Recherche führt in Steueroasen
Auch der Name Vladimir Sokolov taucht bei den Recherchen zum Checkpoint Charlie auf. Sokolov ist ein Trockland-Partner, der zuvor bei der russischen Investmentbank VTB Capital als Hauptgeschäftsführer tätig war – diese war eine Tochter der staatlich kontrollierten Bank VTB, gegen die die EU und USA Sanktionen verhängt haben. Im Oktober hat Sokolov einen Teil seiner seine Anteile der Trockland IX Real Estate GmbH verkauft an die Firma Tree of Life Holding, die vollständig im Besitz des Trockland-Geschäftsführers Heskel Nathaniel ist. Rund neun Prozent hält er aber noch.
Mehrere andere Gesellschafter sitzen in Steueroasen. Den größten Teil der Anteile aber hält die Gesellschaft Trockland Holdings Limited. Diese ist in Zypern registriert – der dortige Bankensektor gilt als intransparent, die Insel selbst als Steuerparadies. Damit ist freilich nicht gesagt, dass die Gelder für die Trockland-Projekte aus unsauberen Quellen stammen.
Trockland-Geschäftsführer Heskel Nathaniel hat entsprechende Vorwürfe stets zurückgewiesen: Die Finanzierung sei bei allen seinen Projekten transparent, sagte er der Berliner Zeitung im Mai, die Gewinne würden in Deutschland versteuert. „Wir arbeiten nur mit in Deutschland ansässigen Banken, die alles überprüft haben.“ Alle Objektgesellschaften seien in Berlin ansässig. Dass einige der Gesellschafter in Steuerparadiesen leben, sei reiner Zufall: Einer seiner Mitgesellschafter, sei nun einmal Zypriot. Persönliche Beziehungen seien die Grundlage der Verbindungen – nicht der Wunsch, Steuern zu sparen oder die Herkunft der Gelder zu verschleiern. Offenlegen will die Gesellschaft ihre Finanzen allerdings nicht, Anfragen der Berliner Zeitung blieben zunächst unbeantwortet.
Später schickten die Anwälte von Trockland nähere Angaben zur Finanzierung des Projekts. Bekannt war bisher, dass Trockland noch nicht die Grundstücke selbst gekauft hat, sondern nur Grundschulden, die darauf lasten. Im Grundbuch sind rund 74 Millionen Euro Schulden und dazu rund 15 Millionen Euro Zinsen vermerkt. Laut den dazu gehörenden Akten wurde dafür ein Kaufpreis von 75 Millionen Euro gezahlt. Nach Auskuft der Anwälte wurde dieser Preis - die Anwälte schreiben von 77 Millionen - von einer Firma mit dem kryptischen Namen AF I Originator S.a.r.l. finanziert. Es handele sich um sogenanntes Mezzanine-Kapital, also Kapital für risikoträchtige Investitionen mit entsprechend lukrativer Verzinsung.
Das Volumen des Baus selbst beziffern die Anwälte auf 265 Millionen Euro. Dies soll über eine "große deutsche Pfandbriefbank" finanziert werden, die sich dazu schon bereit erklärt habe.
Je länger sich die Debatte um den Checkpoint Charlie zieht, umso stärker dürfte der Trockland-Geschäftsführer unter Druck stehen. Zu seinen Plänen gehört ein Hard-Rock-Hotel, das auf der östlichen Brache entstehen soll; wie genau der Bau aussehen soll, hat Trockland mit den Eigentümern der Kette nach Informationen der Berliner Zeitung bereits detailliert besprochen.
Immer neue Firmenhüllen
Trockland hat sich bereits im Grundbuch als künftiger Eigentümer vormerken lassen – ein vollständiger Kaufvertrag ist bereits in den Akten zu finden: Das östliche Grundstück soll demnach 16 Millionen, das westliche 26 Millionen Euro kosten – sofern der Kauf zustande kommt. Noch könnten die Pläne von Trockland scheitern, denn das Land Berlin verfügt über weitgehende Vorkaufsrechte.
Als Gläubigerin im Grundbuch dagegen steht die AF I Originator S.à.r.l in Senningerberg / Luxemburg, die kurz vorher gegründet wurde – am einem weiteren sicheren Hafen für internationales Kapital.
Wer in den Luxemburgischen Handelsregistern nach den Gesellschaftern sucht, stößt auf immer neue Firmenhüllen: Hinter der Firma AF I Originator steht eine Firma namens AF I S.C. Sp., dahinter die AF I General Partner S.a.r.l, dahinter eine Gesellschaft namens Atrium Finance Europe. Und dahinter stehen wiederum mehrere Anteilseigner, der bei weitem größte ist eine Firma mit Sitz in Delaware – Amerikas größtem Steuerparadies.
Anmerkung der Redaktion: Aufgrund eines Irrtums war in einer vorigen Version dieses Texts eine fehlerhafte Angabe hinsichtlich der Höhe des Mezzanine-Kapitals enthalten. Dies haben wir in dieser Fassung korrigiert und außerdem zusätzliche Angaben hinsichtlich der Finanzierung eingefügt, die wir in der Folge über die Anwaltskanzlei von Trockland erhalten haben.
Eine nicht zutreffende Formulierung hinsichtlich der Eigentumsverhältnisse haben wir außerdem berichtigt: In der ersten Fassung des Texts stand, dass die beiden Grundstücke rechts und links der Friedrichstraße den Objektgesellschaften Trockland IX Real Estate Ost GmbH und der Trockland IX Real Estate West GmbH gehören. Die beiden Objektgesellschaften sind aber nicht Eigentümer der Flächen. In den Grundbüchern existieren Eigentumsübertragungsvormerkungen der Trockland-Firmen. Ein Angebot zum Abschluss eines Kaufvertrages ist in den Grundakten zu finden. Der Kauf wurde aber nicht abgeschlossen. Wir bitten, die Fehler und inakkuraten Formulierungen zu entschuldigen.
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