Der 60-Jährige ist nicht nur der Chef-Gärtner von Mitte, sondern gleichzeitig der schnellste Gärtner der Stadt. „Na gut, ich kann nicht beweisen, ob es wirklich so stimmt“, sagt er und lächelt. „Vielleicht gibt es ja noch andere Gärtner, die schneller sind als ich.“ Es dürfte eher unwahrscheinlich sein. Seit Jahren bewältigt Götte in seiner Freizeit Marathonläufe in der ganzen Welt. Über 100 sind es, durch die seine Füße ihn gebracht haben. Rechnet man alle Strecken mit Trainings zusammen, ist er um die Erde gerannt. Und zwar zweimal.
Erster Halbmarathon 1984 in der DDR
Tagsüber sitzt Götte im Büro, kümmert sich um die Grünflächen von Mitte. Zum Job kam er „ganz klassisch“, wie er sagt. Zu DDR-Zeiten arbeitete der studierte Gartenbauingenieur in einer LPG, „wir versorgten die Hauptstadt der DDR und West-Berlin mit Obst und Gemüse“. Nach der Wende wurde die Genossenschaft aufgelöst, Götte bewarb sich auf Zeitungsannoncen. Mitte 1990 bekam er eine Einladung aus dem Bezirksamt Tiergarten, das es damals noch gab, und stellte sich vor. Erst bekam er eine Meisterstelle, pflegte Grünanlagen, später wurde er Fachbereichsleiter – seit sechs Jahren sitzt er auf dem Chefsessel.
2004 lief er vor heimischem Publikum eine Bestzeit.
© Andreas Klug
Der Hang zum Sport habe sich vorher nebenbei entwickelt, sagt er. Nach Lehrzeit und Wehrdienst stellte er mit etwa 20 Jahren fest, „dass man da schon etwas Speck ansetzt. Das wollte ich vermeiden, also begann ich während des Studiums mit dem Joggen“. Seine Eltern stammten beide aus einer Bauernfamilie, ernährten sich dementsprechend. „Ich selbst musste Essen nur angucken, um zuzunehmen. Und so wollte ich nicht enden.“ Also lief er los.
Irgendwann sah Götte, dass es auch Wettkämpfe gibt, meldete sich zum ersten Halbmarathon an. Es war 1984, der damalige Friedenslauf in Berlin, heute bekannt als Berliner Halbmarathon. Götte war trainiert, dennoch lief nicht alles glatt. „Ich war jung, noch unbedarft, bin unbefangen an die ganze Sache rangegangen“, sagt er. „Und die Ausstattung in der DDR war natürlich nicht einfach. Funktionswäsche gab es keine, nur Baumwoll-Kleidung, die gegen Ende des Laufs schwerer wurde. Auch die Versorgung mit Wasser und Sport-Gels war noch nicht da – wenn überhaupt, gab es unterwegs mal einen halben Apfel.“
Rekord beim Berlin Marathon 2004
Nach zehn, zwölf Kilometern habe er am Straßenrand gestanden. Götte konnte nicht mehr. „Die letzten Kilometer habe ich gehend zurückgelegt. Als ich das überstanden hatte, dachte ich: Wahnsinn, dass es Idioten gibt, die sogar die doppelte Strecke rennen.“ Der erste Marathon folgte 1994, zehn Jahre später. Es war der Rennsteiglauf, ein harter Kampf durch unwegsames Gelände. „Trotzdem habe ich ihn geschafft, relativ unbeschadet, obwohl die Gegend bergig ist und das Wetter schlecht war. Es gibt ein Foto, auf dem man sieht, wie ich schlammverkrustet in Schmiedeberg ankam.“
Götte (im roten Shirt) beim Zieleinlauf des New-York-City-Marathon.
© Andreas Klug
Bei diesem Lauf habe er „Blut geleckt“, sagt er. „Ich habe gesehen, dass man mit Training tolle Leistungen erzielen kann. Nach zwei Jahren war ich schon bei einer Zeit unter drei Stunden angekommen.“ Sein großes Ziel sei es immer gewesen, in weniger als zwei Stunden und 40 Minuten ins Ziel zu gelangen. 2004 schaffte er es beim Berlin-Marathon, Endzeit: 2:39:56, sogar vier Sekunden schneller als geplant. „Das habe ich danach nie wieder geschafft.“
Jeden Abend schnappt sich Götte sein Fahrrad, fährt zum Bahnhof und nimmt den Zug nach Potsdam, wo er wohnt. Mit dem Zweit-Rad geht’s vom Bahnhof heim, wo die Laufschuhe warten. Dann geht es „um meinen geliebten Schwielowsee oder in den Wald“, sagt er. Eine Ausrede hat er nie. „Man sucht natürlich immer welche, wenn man mal keine Lust hat. Im Winter, zum Beispiel. Aber ich sage immer: Was hast du für ein Problem? Die Strecke ist beleuchtet, ich habe Regenklamotten.“
Marathon bei 35 Grad im Schatten
Zahlreiche Läufe hat er hinter sich gebracht. Er rannte auf Kuba, in New York, London, Boston, in deutschen Städten und mehrmals in Berlin. Einer der schwersten Läufe war der Havanna-Marathon. „Dort waren 35 Grad im Schatten, aber es gab keinen Schatten. Dort bin ich mit einem angerissenen Band im Fuß angekommen, trotzdem gerannt – und musste mich am Ende förmlich ins Ziel schleppen.“ Erst im vergangenen Jahr nahm er am Boston-Marathon teil. „Dort war es das Gegenteil. Vier Grad, Schnee im Startbereich.“
Der Berlin-Marathon. Heimspiel für Jürgen Tötte.
© Andreas Klug
Und natürlich: Ist Götte zu Gast in anderen Städten, schaut er sich auch die Grünanlagen an. Mit einem Ergebnis: „Berlin ist unvergleichbar. Besonders, wenn man sich den Großen Tiergarten anguckt. Wir haben eine Mischung aus altem Baumbestand, die Wasserläufe, die Vielfalt bringen.“ Doch etwas macht ihm Sorgen. „Es wird immer gesagt, dass Grünanlagen eine große Bedeutung haben. Wenn man sieht, wie manche Bürger mit den Anlagen umgehen, kann die Bedeutung so groß nicht sein.“ Vandalismus, Rad-Verstöße, Schwarzgrillen. „Es wäre schön, wenn die Gesetze, die es schon gibt, besser eingehalten werden – und wenn es entsprechende Kontrollen gäbe“, sagt er. Damit es nicht nur privat, sondern auch in den Parks und Gärten der Stadt richtig läuft.
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