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Die Äußerungen von Kultursenator Joe Chialo in der Berliner Zeitung vom 10. Dezember werfen grundlegende Fragen zur Zukunft der Berliner Kulturpolitik auf. Seine Forderung, die Kultur müsse „effektiver agieren“ und sich fragen, „worauf man verzichten kann“, lässt befürchten, dass essenzielle Bestandteile der kulturellen Landschaft Berlins – insbesondere die freie Szene – unter dem Druck der Haushaltskonsolidierung ins Hintertreffen geraten könnten. Doch gerade diese freie Szene ist ein unverzichtbares Fundament für die kulturelle Identität, Vielfalt und Innovationskraft der Hauptstadt.
Treiber von Vielfalt und Innovation
Die freie Szene ist weit mehr als ein Anhängsel der etablierten Kulturinstitutionen. Sie ist die experimentelle Avantgarde, der Raum, in dem Neues ausprobiert und gesellschaftlich Relevantes verhandelt wird. Während die großen Häuser oft auf sichere Klassiker und bewährte Formate setzen müssen, um ein breites Publikum zu bedienen, wagt die freie Szene das Risiko. Hier entstehen interdisziplinäre Projekte, die Kunst, Technologie und soziale Themen miteinander verbinden. Hier finden auch marginalisierte Stimmen Gehör, die in den etablierten Strukturen oft übersehen werden. Es ist diese Vielfalt, die Berlin weltweit auszeichnet.
Die Stadt ist nicht nur ein Ort der Hochkultur, sondern ein lebendiges Labor für kulturelle Innovationen. Wenn wir die freie Szene vernachlässigen, verlieren wir nicht nur einen wichtigen kreativen Motor, sondern auch die Grundlage für die kulturelle Strahlkraft Berlins.
Kultursenator Joe Chialo spricht mit Teilnehmern einer Demonstration gegen die Kürzungen im Kulturetat vor der Schaubühne in Berlin am 8. Dezember 2024.
© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung
Ein gefährlich einseitiger Ansatz
Die Konzentration auf Exzellenzförderung allein ist problematisch. Zunächst einmal stellt sich die Frage: Was bedeutet Exzellenz überhaupt? Häufig wird sie mit etablierten Namen, großen Häusern und spektakulären Produktionen gleichgesetzt. Doch Exzellenz ist kein statischer Zustand. Sie entwickelt sich in einem lebendigen Umfeld, das von Austausch, Experimentierfreude und Diversität geprägt ist. Ohne die Impulse aus der freien Szene würden selbst die renommiertesten Institutionen stagnieren. Eine einseitige Förderung von Exzellenz zementiert bestehende Machtstrukturen und verschließt die Türen für neue Akteure und Perspektiven.
Berlin hat sich seinen Ruf als Kulturmetropole nicht durch elitäre Hochkultur erarbeitet, sondern durch die Synergie von großer und kleiner Bühne, von etablierten und aufstrebenden Akteuren. Diese Balance darf nicht verloren gehen.
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Die soziale Dimension
Kultur ist nicht nur ästhetischer Genuss, sondern auch ein sozialer Kitt. Die freie Szene leistet hier einen unverzichtbaren Beitrag, indem sie Räume für Begegnung und Teilhabe schafft. Ihre Projekte sind oft niedrigschwellig und sprechen Menschen an, die sich von traditionellen Kulturangeboten ausgeschlossen fühlen. Sie reflektiert und adressiert aktuelle gesellschaftliche Themen wie Migration, Klimawandel oder soziale Gerechtigkeit auf eine Weise, die unmittelbar und zugänglich ist.
Große Institutionen mögen prestigeträchtige Produktionen liefern, aber die freie Szene schafft Verbindungen zwischen Kultur und Alltag. Sie trägt wesentlich dazu bei, dass Berlin nicht nur ein Ort der Hochkultur, sondern auch der kulturellen Demokratie ist.
Wirtschaftliche Vorteile der freien Szene
Ein oft übersehener Punkt ist die Effizienz der freien Szene. Mit vergleichsweise geringen Mitteln schafft sie enorme kulturelle und gesellschaftliche Werte. Ihre Projekte haben eine hohe Flexibilität und eine Wirkung, die weit über die investierten Ressourcen hinausgeht. Jeder in die freie Szene investierte Euro fließt mehrfach zurück – sei es durch Tourismus, Stadtentwicklung oder soziale Integration.
Die freie Szene ist auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für Berlin. Sie zieht Künstler*innen, Kreative und Fachkräfte aus aller Welt an, die nicht nur die kulturelle, sondern auch die wirtschaftliche Attraktivität der Stadt steigern. Sparmaßnahmen in diesem Bereich könnten langfristig deutlich teurer werden, wenn sie die Innovationskraft und den kreativen Output Berlins schwächen.
Bild vom letzten kostenlosen Museumssonntag in der Gemäldegalerie
© Maurizio Gambarini/imago
Kulturpolitik für die Zukunft
Anstatt sich darauf zu konzentrieren, „worauf man verzichten kann“, sollte die Berliner Kulturpolitik nach Wegen suchen, wie sie die Vielfalt und Dynamik der gesamten Szene stärken kann. Ein nachhaltiger Ansatz wäre, die großen Institutionen und die freie Szene nicht als Gegensätze zu betrachten, sondern als zwei Seiten derselben Medaille. Die großen Häuser könnten beispielsweise verstärkt mit freien Künstlern und Kollektiven zusammenarbeiten, um ihre Programme zu erweitern und neue Zielgruppen zu erreichen.
Selbstverständlich sollte die Finanzierung der Kultur nicht nur aus städtischen Mitteln kommen. Eine stärkere Einbindung von Stiftungen, privaten Förderern und EU-Programmen könnte zusätzliche Ressourcen erschließen. Gleichzeitig muss darauf geachtet werden, dass die öffentliche Kulturförderung weiterhin eine solide Basis bietet, um die Unabhängigkeit der Szene zu gewährleisten.
Die Basis darf nicht geschwächt, sondern muss gestärkt werden
Die Diskussion um die Zukunft der Kultur in Berlin sollte nicht von Sparzwängen dominiert werden, sondern von einer klaren Vision: Wie kann Berlin seine Rolle als ein kulturelles Zentrum Europas behaupten und weiterentwickeln? Diese Vision muss die gesamte Bandbreite der Kultur umfassen – von der klassischen Oper über experimentelle Performancekunst bis hin zu digitalen Formaten.
Eine Kulturpolitik, die sich auf Exzellenzförderung konzentriert, verkennt, dass Exzellenz aus der Vielfalt und Lebendigkeit einer breiten kulturellen Basis erwächst. Berlin sollte diese Basis nicht schwächen, sondern alles daransetzen, sie zu stärken. Denn die wahre Exzellenz der Stadt liegt nicht nur in ihren großen Häusern, sondern in ihrer einzigartigen kulturellen Vielfalt, die es zu bewahren gilt.
Jürgen Köhler ist freier Konzeptioner, Artdirector und bildender Künstler. Er hat in Berlin u.a. für diverse Kultureinrichtungen und die freie Szene gearbeitet und kennt die prekäre Situation vieler Kulturschaffender.
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