CHILE - Der Durchbruch zu den 33 Kumpel, die seit Anfang August in einer verschütteten Kupfermine ausharren, steht offensichtlich kurz bevor. Noch am Wochenende könnten die ersten Männer ihr Gefängnis verlassen.

Zurück ans Licht

Wolfgang Kunath xmat
7 Min

San José Es gibt auch ganz banale Wunschträume: zum Beispiel mal wieder in einem richtigen Bett schlafen. "Wir haben die Campingmatratzen regelrecht plattgelegen", sagt Lilian Ramírez, "was ein Bett ist, wissen wir ja kaum noch". Aber dieses absurde, schon zwei Monate dauernde Zelten mitten in der Atacama-Wüste wird nun bald ein Ende haben, und was sie dann mit ihrem Mann Mario Gomez unternehmen wird, ist längst geplant: "Wenn er die medizinischen Tests hinter sich hat und ein bisschen ausgespannt hat", sagt sie so schnell, als hätte sie sich das schon tausendmal ausgemalt, "dann fahren wir nach Viña del Mar, zum Wallfahrtsort der Heiligen Teresa der Anden." In Erfüllung des Gelübdes, das sie abgelegt hat für den Fall, dass ihr Mann jemals wieder lebend aus dem Unglücksstollen im Berg unter dem Zeltlager kommen sollte.So träumen sie wohl alle ihre Träume von der Erlösung, egal, ob sie sich ein bewussteres, besseres Leben vorstellen, nachdem das Leben ja nun noch mal eine zweite Chance erhalten hat, oder ob sie einfach die Rückkehr in die Normalität ersehnen, die am 5. August jäh endete, als ein Erdrutsch in der Gold- und Kupfermine San José die 33 Bergleute verschüttete. Ihre Bergung steht jetzt kurz bevor, und die Spannung über Tage ist mit Händen zu greifen - wenn sie nur schon da wären!Die Vorfreude wird überschattet von der Angst davor, dass am Ende doch noch etwas schiefgeht. "Die an ihrer Rettung arbeiten, werden schon wissen, was sie tun", sagt Lilian Ramírez, und ebenso wie sie müssen alle anderen Angehörigen ihr Schicksal in die Hände der Experten legen, die an der Rettung der Kumpel arbeiten, seit am 22. August das berühmte Zettelchen mit der leuchtend rot geschriebenen Nachricht "Wir sind alle 33 am Leben im Schutzraum" an die Oberfläche kam. So gut die Angehörigen die Vor- und Nachteile der verschiedenen Rettungsvarianten in allen Details kennen und durchsprechen - das wochenlange Warten geht einher mit einer an Fatalismus grenzenden Experten-Ergebenheit.Zur Sicherheit ein neuer BohrkopfDie Atacama-Wüste im Norden Chiles ist einer der trockensten Landstriche weltweit, und einer der erzhaltigsten. Wenn man vom Zeltdorf, wo die Angehörigen hausen und Hunderte Journalisten arbeiten, den Berghang hochsteigt, vorbei an dem aus 32 chilenischen und einer bolivianischen Fahne bestehenden Mahnmal für die Bergleute - einer ist Bolivianer -, kann man den abgeschirmten Ort des Geschehens sehen: ein Bohrturm, Kräne, Container, Baracken, Lastwagen, Abraumhalden, ein paar schüttere Bäumchen und viele weiß-rot-blaue chilenische Fahnen. Nach der anderen Seite erstreckt sich in zarten Rot-, Braun- und Ockertönen die Wüstenlandschaft in der Morgensonne - leer bis auf ein paar weißgestrichene Vermessungspunkte, die die Territorien der Minen markieren.Zwölf Uhr mittags, Auftritt Laurence Golborne: Die Fernseh-Teams aus aller Welt richten die Kameras und Mikrofone auf Chiles jungen Bergbauminister, der seine Statements auf Zuruf auch auf Englisch wiederholt. "Mit einem bisschen Glück stoßen wir am Sonnabend durch", sagt er - je nachdem ob der Bohrer hält oder noch mal ausgetauscht werden muss, was stundenlange Verzögerungen nach sich zieht. Zeitgleich verkündet der chilenische Gesundheitsminister Jorge Mañalich, der Bohrer würde schon in der Nacht zum Sonnabend durch die Decke der Werkstatt 622 Meter unter der Erde brechen."Es gibt für uns keine Alternativen"Danach analysieren die Fachleute, ob sie den Schacht mit Stahl auskleiden müssen, damit die Rettungskapsel ohne Widerstände hinuntergelassen werden kann. Und dann, sagt Golborne vorsichtig, "kann es noch drei, acht oder zehn Tage dauern".Einer der Experten, der normalerweise Ölleitungen verlegt, äußert sich weniger vorsichtig: "Die Bohrung macht zwei Kurven, das sind die neuralgischen Punkte. Wenn Sie das nicht auskleiden, bleiben die Dinger womöglich stecken, da reicht ja schon ein Stein." Und wie könnte man die Kapsel dann wieder flottkriegen? "Schwierig", sagt der Mann und beschreibt einen Kreis eng um seine Hüften, "man hätte ja kaum Platz zum Arbeiten, wenn man eine zweite Kapsel zum Reparieren herunterlässt." Denn der Kanal, den die T-130 ins Gestein gefräst hat, misst keine 70 Zentimeter im Durchmesser. Besser wäre, eine der anderen Bohrungen zu benutzen, weil die ohne riskante Krümmung verlaufen, aber dann würde die Rettung länger dauern. "Ich würde ja lieber auf Nummer sicher gehen", sagt der Mann, der anonym bleiben will, "aber die Regierung trägt natürlich die Verantwortung".Alejandro Pino koordiniert alles, was mit der Versorgung der Bergleute zusammenhängt, außerdem hat er ihnen eine Woche lang jeden Tag per Video-Konferenz ein Seminar über den Umgang mit Journalisten gegeben, das gestern enden sollte - mit einer Runde von Abschiedsreden, die die 33 aus der Tiefe des Berges halten sollten. "Auch wenn es sich nicht hundertprozentig akademisch anhört, drücken sie sich ganz gut aus, und vor allem sprechen sie mit dem Herzen", sagt Pino. Ihre Herzen scheinen angesichts der bevorstehenden Rettung voller Freude zu sein: "Sie sind bester Stimmung, ich erlebe sie fröhlich, sie machen Witze, vor allem mit den beiden Psychologinnen, die sie betreuen."Klohäuschen, Trinkwasser, Maschinenteile, Treibstoff - alles, was am Ort der Rettung gebraucht wird, transportieren die Lastwagen über die Zufahrt, die durch das Zeltdorf führt. Als die Einrichtung des Feldlazarettes ankommt, werden Jubel und Applaus laut. Ja, natürlich sei er froh, sagt Alfonso Ãüvalos, aber er klingt bedrückt. Er hat gleich zwei Söhne da unten, Florencio, 31, und den zwei Jahre jüngeren Renßn, "und zwei, das verdoppelt den Schmerz". Was wird der Vater, der sein Leben lang in der Mine gearbeitet hat, den beiden sagen, - sollen sie weiter als Bergleute arbeiten? "Ich würde ihnen abraten", sagt Alfonso unschlüssig, "aber entscheiden müssen sie es. Es gibt für uns ja nicht viele Alternativen."------------------------------Zwei Monate unter der Erde33 Bergleute sind seit dem 5.August in der Gold- und Kupfermine San José im Norden Chiles verschüttet. Sie harren in einem 50 Quadratmeter großen Schutzraum in 700 Metern Tiefe aus.Die Mine in der Atacama-Wüste wurde 1889 in Betrieb genommen. Bis zum Unglück förderte das Bergwerk 1200 Tonnen Kupfer pro Jahr. In der Vergangenheit ist die Grube mehrmals wegen Sicherheitsmängeln und schwerer Unfälle geschlossen worden.Zwei Wochen müssen die Männer ausharren, bis es den Rettungskräften am 22. August mit Hilfe eines Spezialbohrers gelingt, zu den Verschütteten vorzudringen. Durch diesen Versorgungsschacht werden die Bergleute fortan mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgt.Spezialisten beginnen Ende August, Rettungsschächte zu den Kumpeln zu bohren. Um sicherzugehen, bohrt man an drei Stellen gleichzeitig und hofft, die Männer bis Weihnachten befreien zu können.Die Arbeiten verlaufen jedoch schneller als geplant. Am 4.Oktober stellt Präsident Piñera in Aussicht, dass die Rettung bis Mitte des Monats erfolgen könnte. Gestern waren die Fachleute optimistisch, noch in der Nacht zu Sonnabend den Durchbruch zu schaffen. Unklar ist, ob der Rettungsschacht noch verkleidet werden muss, was die Rettung um 8 bis 10 Tage verschieben könnte.In einem Käfig sollen die Bergleute dann einzeln nach oben geholt werden. Die Rettungskapsel "Phoenix" hat einen Durchmesser von 53 Zentimetern und wiegt 460 Kilo. Sie verfügt über ein Sauerstoffgerät und einen Notausstieg. Die Rettungsaktion wird mindestens 24 Stunden dauern.Zur Vorbereitung haben die Bergleute ein spezielles Trainingsprogramm absolviert, um den Strapazen des Transports standhalten zu können. Manche von ihnen mussten erst abnehmen, um überhaupt in den Rettungskäfig hineinzupassen.Die Gefahr besteht, dass die plötzliche Druckveränderung zu Hyperventilation führt. Auch Platzangst kann zu einem Problem werden. Deswegen wird darüber nachgedacht, den Bergleuten Beruhigungsmittel zu verabreichen.Ein Lazarett wurde vor Ort aufgebaut, um die Bergleute schnell medizinisch versorgen zu können. Das nahegelegene Krankenhaus von Copiapó hält für die Bergleute Betten auf der Intensivstation frei. Fünf Hubschrauber stehen für den schnellen Transport zur Verfügung.Spezielle Schutzbrillen sollen die Augen der Männer vor dem Sonnenlicht schützen. Andernfalls drohen nach so langer Zeit in vollkommener Dunkelheit Verletzungen an der Netzhaut.Viele Angehörigen der Kumpel campieren seit Wochen in einer Zeltstadt nahe der Mine - nebst Hunderten von Journalisten aus aller Welt. Sobald die medizinischen Untersuchungen abgeschlossen sind, dürfen sie die Männer als erste besuchen. Alle Bergleute sollen nach ihrer Bergung mindestens sechs Monate lang psychologisch betreut werden.Real Madrid, der spanische Fußball-Rekordmeister, hat die Bergleute nach ihrer Rettung zu einem Spiel nach Spanien eingeladen. "Mir liegt die Einladung von Real-Präsident Florentino Perez vor", bestätigte Pablo Zalaquett, Bürgermeister von Santiago de Chile, am Freitag. (xmat.)------------------------------"Die Bohrung macht zwei Kurven, das sind die neuralgischen Punkte. Wenn Sie das nicht auskleiden, bleiben die Kapseln womöglich stecken." Bohrungs-ExperteGrafik: Rettung der BergmännerFoto: Seit mehr als zwei Monaten harren die Angehörigen der Verschütteten in einer Zeltstadt aus. Sie haben Gesellschaft von zahlreichen Experten und Journalisten.

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