Peking Bis vor kurzem interessierten sich nur Experten für sie, doch nun wird damit Weltpolitik gemacht. Die so genannten Seltenen Erden, ein rares Spezialmetall, das vor allem in der Hightechindustrie Anwendung findet, sind neuerdings ein weiterer Konflikt im Verhältnis zwischen China und den westlichen Industrienationen. Als es im September zwischen der Volksrepublik und Japan zu diplomatischen Verstimmungen wegen eines Seerechtsstreits kam, stoppte der chinesische Zoll die Ausfuhr seltener Erden nach Japan - und brachte die Regierung in Tokio damit prompt zum Einknicken. "Bis heute hat sich die Situation nicht normalisiert", sagte der japanische Wirtschafts- und Industrieminister Akihiro Ohata vor wenigen Tagen. "Wenn sich das nicht verbessert, werden wir wohl Schritte ergreifen, damit die chinesische Regierung die Situation verbessert."Ausfuhr begrenztDoch welche Schritte? Japan scheint zum ersten Mal das passiert zu sein, was Unternehmen und Regierungen weltweit seit längerem befürchten: Chinas Beinahe-Monopol bei der Förderung von Seltenen Erden, die zur Produktion vieler Hightechprodukte unverzichtbar sind, geben der Pekinger Regierung ein mächtiges wirtschaftspolitisches Druckmittel in die Hand. Müssen nun auch deutsche Firmen fürchten, von Schlüsselrohstoffen abgeschnitten zu werden, wenn es zum nächsten Mal zu Verstimmungen zwischen Berlin und Peking kommt? Oder stoppt China die Exporte der Seltenerdmetalle eines Tages sogar ganz, so dass nur noch die chinesische Industrie Zugriff auf sie hat? Schon jetzt ist die Ausfuhr begrenzt. Für 2010 hat China Ausfuhrquoten von 30300 Tonnen festgesetzt - Ende August waren davon schon 28500 Tonnen verbraucht.Im Juli hatte die Regierung eine Drosselung des Exportangebots im zweiten Halbjahr um 72 Prozent angekündigt: Nur 8000 Tonnen sollen in diesem Zeitraum ausgeführt werden, gegenüber 28000 Tonnen im Vorjahr. Seitdem haben sich die Preise auf den Weltmärkten teilweise verdoppelt. Und es scheint Peking nicht einmal darum zu gehen, internationale Konzerne zu zwingen, einen noch größeren Teil ihrer Produktion nach China zu verlagern. Deutsche Firmen, die in China fertigen lassen, berichten schon heute von Diskriminierungen gegenüber chinesischen Konkurrenten.Als deutsche Firmenvertreter Chinas Regierungschef Wen Jiabao im Juli mit ihren Sorgen konfrontierten, versicherte dieser zwar, alle Fabriken in der Volksrepublik würden gleich behandelt, unabhängig davon, wem sie gehören.Doch die Realität scheint eine andere zu sein - und es wäre nicht das erste Mal, dass zwischen den Beteuerungen der chinesischen Regierung und der Realität eine große Kluft liegt. Pekings vehemente Dementis, dass mit den Seltenen Erden Politik gemacht werde, macht es für ausländische Politiker schwer, das Thema auf die diplomatische Tagesordnung zu heben.Dieses Problem ist ein Hauptgrund dafür, weshalb die Bundesregierung ein neues Rohstoffkonzept erarbeiten will. Laut einer Forsa-Umfrage unter hundert deutschen Firmen aus der metallverarbeitenden Industrie rechnen mehr als die Hälfte der 100 Befragten bei bestimmten Rohstoffen mit drastischen Preiserhöhungen. Knapp ein Drittel der Firmen fürchten um ihre Wettbewerbsfähigkeit. Dabei ließen sich bei den Seltenen Erden alternative Bezugsquellen erschließen. Schließlich lagern diese auch in anderen Ländern, nur werden sie dort kaum gefördert.Auch China will den Abbau seiner Seltenen Erden verstärken. Kürzlich kündigte der staatliche Aluminiumkonzern Chinalco an, dafür in der Provinz Jiangxi in den kommenden drei bis fünf Jahren zehn Milliarden Yuan (1,1 Milliarden Euro) investieren zu wollen. Dafür übernimmt das Unternehmen die Jiangxi Rare Earth and Rare Metals Tungsten Group. Chinalco soll nach einem Plan der chinesischen Regierung auf dem Sektor der Seltenerdemetalle zu einem "nationalen Champion" werden. In welcher Form die Seltenen Erden in Zukunft bevorzugt exportiert werden sollen, scheint eindeutig: nicht als Rohstoffe, sondern lieber in Form von fertigen Hightech-Produkten.------------------------------Unersetzlich für viele ProdukteName: "Seltene Erden" oder "Seltenerdmetalle" ist der Überbegriff für eine Gruppe aus 17 Metallen. Sie kommen in der Natur gemeinsam und nur in chemischen Verbindungen vor, in Form von Oxiden, die früher "Erden" genannt wurden - daher der verwirrende Name. Zu den seltenen Erden gehören Scandium, Yttrium, Lanthan sowie die Gruppe der so genannten Lanthanoide (unter anderem Cer, Promethium, Neodym, Lutetium).Produkte: Seltenerdmetalle werden für die Produktion vieler Hightechprodukte benötigt, etwa für Computer und Flachbildschirme, Mobiltelefone, Elektromagneten, leistungsstarke Akkus, Röntgenapparate, bestimmte Rüstungsgüter und Windturbinen.Förderung: 97 Prozent der Seltenen Erden werden derzeit in der Volksrepublik China gefördert und verschaffen dem Land eine Monopolstellung - zumindest für die kommenden Jahre. Denn große Vorkommen gibt es auch in Grönland, Australien und Kanada, nur sind diese bisher kaum erschlossen. China hat strenge Quoten für Förderung und für die Ausfuhr erlassen.Kritik: Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle hatte die chinesische Rohstoffpolitik kürzlich bei seinem Besuch in Peking kritisiert. Ernannte es einen unfreundlichen Akt, dass bei Seltenen Erden teilweise die Exporte eingestellt worden seien.Sorgen: Generell nehmen in den Industrieländern die Sorgen vor einer Knappheit bei wichtigen Rohstoffen zu. Die EU-Kommission hat 14 Rohstoffe benannt, die für die Länder der Gemeinschaft von entscheidender Bedeutung sind. Darunter sind neben den Seltenen Erden auch Magnesium, Kobalt und Graphit.------------------------------Foto: Arbeiter mit Neodym-Barren in einem Werk in Tianjin. Das Material wird für die Herstellung sarker Magneten gebraucht.
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