PEKING. Chinas Vizepräsident Xi Jinping scheint seinen Deutschlandbesuch anlässlich der Frankfurter Buchmesse für ein machtpolitisches Scharmützel mit Staats- und Parteichef Hu Jintao genutzt zu haben. Glaubt man Hongkonger Medienberichten, dann brach Xi bei seinem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel aus Pekings festgeschriebenem Protokoll aus: Statt die obligatorischen Grüße von Hu zu übermitteln, habe er Merkel demonstrativ "Grüße und gute Wünsche" von Hus Widersacher, dem ehemaligen Präsidenten Jiang Zemin, ausgerichtet, meldet die Hongkonger South China Morning Post. Außerdem überreichte er als Gastgeschenk zwei Bücher, die unter Jiangs Namen erschienen sind.Kennern der chinesischen Politik erlaubt diese Episode einen seltenen Blick hinter die Kulissen der Kommunistischen Partei, in deren Führungsspitze ein offener Machtkampf um Hus Nachfolge ausgebrochen zu sein scheint. Der 56-jährige Xi galt bisher als designierter Nachfolger des Partei- und Staatschefs, ab 2012 werde er schrittweise Hus Ämter übernehmen, hieß es. Im September aber düpierte ihn das Lager des Präsidenten, indem es ihm den erwarteten Aufstieg zum Vize-Vorsitzenden der mächtigen Militärkommission verweigerte.Die Macht des alten Mannes"Xis Entscheidung, offen für Jiang Partei zu ergreifen, und seine Weigerung, sich Hu gegenüber ehrerbietig zu erweisen, ist ein klares Signal für Rivalität und Positionskämpfe zwischen den Lagern", kommentiert der Hongkonger Chinaexperte Willy Lam. In politischen Kreisen in Peking sei wohl bekannt, dass Xi, Sohn des Parteiveteranen Xi Zhongxun, nicht zu Hus Fraktion gehöre, die vor allem aus alten Freunden aus der Jugendliga bestehe, schreibt Lam. Hu versucht seit Jahren, seinen eigenen politischen Zögling, Vizepremier Li Keqiang, an Xi vorbeizumanövrieren, scheitert aber nicht zuletzt am Einfluss des 83-jährigen Ex-Ppräsidenten Jiang, der auch im Ruhestand noch ein Machtfaktor ist.Grundsätzlich ist es in Peking tabu, interne Streitigkeiten öffentlich auszutragen. Während Xis protokollarischer Ungehorsam in chinesischen Blogs umgehend zum Diskussionsthema wurde, blieben offizielle Stellungnahmen erwartungsgemäß aus.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de