Christa Wolf ist tot: Nachruf für Christa Wolf

Im Jahre 2003 gab Christa Wolf einem Nachrichten-Magazin ein größeres Interview. Als man angelangt war bei Nachdenken über Christa T., bei der tragischen Titelfigur, die die Ungewissheit darüber, „wer sie war“, mit in ihr allzu zu frühes Grab genommen hatte, fragte der Journalist. „Wissen Sie, die Autorin, eigentlich, wer Sie gewesen sein werden, wenn die letzte Stunde naht?“. Die Dichterin, in der Mitte ihres achten Lebensjahrzehnts, antwortete: „Ich schreibe mich immer noch darauf ... - Seite 2

BLZ
6 Min

Gleichen Sinnes spricht auch die Protagonistin der anspruchsvoll aus Erinnerungsfetzen, Gedankenströmen, surrealen Episoden und intertextuellen Bezügen gewobenen Traumerzählung Unter den Linden, in der eine Frau durch ein Gewirr fehlgeleiteten Lebens geht, um am Ende überraschend sich selbst zu begegnen mit jetzt und hier zu erfüllendem Glücksanspruch: „Ich kann die Liebe nicht vertagen. Nicht auf ein neues Jahrhundert. Nicht auf das nächste Jahr. Um keinen einzigen Tag“.

Parallel zum neuen Erzählen vergewisserte sich Christa Wolf nach dem 11. Plenum auch poetologisch ihrer gewonnenen Kompromisslosigkeit. Rigoros brach sie mit dem Formenkanon des „sozialistischen Realismus“, der ein auf gesellschaftliche „Totalität“ gerichtetes lineares Erzählen in Fabelstruktur erheischte, „positive Helden“ als Träger des offiziellen historischen Optimismus einforderte. Inspiriert von Anregern wie Anna Seghers, Max Frisch oder Ingeborg Bachmann entstand der Essay Lesen und Schreiben, der erst 1972 erscheinen durfte – ein Manifest der jungen, von Unruhe getriebenen Schriftstellergeneration der DDR.

Einer „neuen Art, in der Welt zu sein“ folge ein Bedürfnis, auch „auf eine neue Art zu schreiben“, postulierte Wolf. Erzählen bedeute „wahrheitsgetreues Erfinden auf Grund eigener Erfahrung“. In der Prosa solle als „vierte Dimension“, als „wichtige Person“ des Erzählens und des zu Erzählenden der Autor kenntlich sein und seinem Text „subjektive Authentizität“ zu verleihen. Christa Wolf entwickelte offene, reflexiv rückerinnernde Erzähltechniken, die im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts und über die Schwelle zum neuen Jahrtausend hinweg einen originären Beitrag für modernes Schreiben leisteten.

Als Strukturrahmen wiederkehrend im Oeuvre der Dichterin ist die Beschreibung eines Tages oder Tages-Abschnitts, die sich assoziativ bis zur Rückschau über Jahrtausende ausdehnen kann: ein Juninachmittag in der mannigfach mit „großer und kleiner Welt“ verbundenen Familienidylle eines üppig wuchernden Kleinmachnower Gartens, das umschweifende Festhalten von Lebensalltag in den 27.September-Blättern Ein Tag im Jahr, der Störfall des Tschernobyl-Reaktors und die Hirn-Operation des Bruders als korrespondierende „Nachrichten eines Tages“, Was bleibt als traumatischer Tagesreport einer Schriftstellerin im Überwachungsstaat DDR… Nur knappe zwei Tage dauerte im Juli 1971 die familiäre Erinnerungs-Reise nach Polen, die wie in einer Partitur mit drei weiteren Zeitrahmen verschränkt wurden, um den in der NS-Zeit geprägten Kindheitsmustern der Nelly Jordan nachzuspüren: Wie sind wir geworden, wie wir heute sind?

Ohne Rückversicherung durchs Löwentor

Die Ausbürgerung Wolf Biermanns, die physische Ausschaltung eines demokratisch-sozialistischen kritischen Künstlers, gegen die Christa Wolf mit als eine der ersten protestierte, stürzte die Dichterin in die zweite, noch bedrohlichere Lebenskrise. Sie fühlte sich handlungsunfähig, von nun an gezwungen „ohne Alternative zu leben“. In keinem der beiden Deutschlands erkannte sie für sich ein „lebendiges, lernfähiges, lebbares Modell“, wie sie in einem Brief an Konrad Wolf schrieb. „…oft muss ich mich gegen das Gefühl wehren, es ist alles schon gelaufen, wir stehn auf verlorenem Posten und liefern Rückzugsgefechte, und Auschwitz, auch wenn es anders aussieht, holt uns ein.“

Christa Wolf verglich ihre Situation mit der jener frühromantischen Dichter, die in restaurativer, nachrevolutionärer Zeit sich „an der gesellschaftlichen Mauer die Stirnen wund gerieben“. „Die Utopie ist vollständig aufgezehrt, der Glaube verloren, jeglicher Rückhalt geschwunden. Sie kommen sich einsam vor in der Geschichte. Die Hoffnung, andre – ihr Volk! – könnten sich auf sie beziehen, ist verbraucht. … Vereinzelt, ungekannt …, verwiesen auf die Abenteuer der Seele , sind sie ihren Zweifeln, ihrer Verzweiflung, dem anwachsenden Gefühl zu scheitern schutzlos ausgeliefert“. In einer fiktiven Begegnung zwischen Kleist und Günderrode spielte sie in Kein Ort. Nirgends auch ihre eigenen verbliebenen Möglichkeiten durch. Rettender Zuspruch: „Wenn wir zu hoffen aufhören, kommt, was wir befürchten, bestimmt.“

Überlegungen, auf die gesellschaftlichen Strukturen Einfluss zu nehmen, strengte Christa Wolf seit der Biermann-Affäre nicht mehr an, ihre utopischen Ansinnen richteten sich eher auf zu befestigende moralische und geistig autonome Positionen der Individuen – ein Zentralgedanke ihres zur Zeit zugespitzter atomarer Bedrohungen in den 1980er Jahren entwickelten Kassandra-Projekts. Sie könne ihr „Leben beschreiben .. als eine Folge von Eintrübungen durch immer dichtere Schatten“, resümierte Christa Wolf in Störfall. „Oder, im Gegenteil, als fortlaufende Gewöhnung an härtere Beleuchtungen, schärfere Einsichten, größere Nüchternheit.“

Es hat mehr als ein Jahrzehnt gedauert, ehe sie sich mit Medea und der literarischen Hadesfahrt Leibhaftig aus ihrer dritten Lebenskrise herausgearbeitet hatte, in die sie 1990 im deutschen Literaturstreit um ihre Erzählung Was bleibt und im Aufruhr um ihre Stasi-Mitarbeits-Episode gestürzt war.

Woher nahm sie die Kraft, immer wieder ohne Rückversicherung durch ihr Löwentor zu gehen? Man lese ihre ungeschützten Jahrestage-Blätter zum 27. September und weiß Antwort: aus dem bewusst gelebten „kostbaren Alltag“, den sie genoss, an der Seite ihres kongenialen Ehepartners und „lebenslangen Lektors“ Gerhard Wolf, mit geliebten Kindern und Enkeln, in Lebenszirkeln gleichgesinnter Freunde… Mit dem Blick aus dem Fenster, mitten im Nachdenken über Kassandras Wehgeschrei zum Schlachten der Troer. Arbeitstagebuch zum Kassandra-Projekt, Neu Meteln, im April 1981: „Das Bild, das ich in dieser Minute aus meinem Dachfenster sehe, möchte ich in der Minute meines Todes sehn: Der Himmel, der die Landschaft beherrscht, blau grundiert. Kumuluswolken. Wolkenstreifen darüber, in einer anderen Höhenschicht. Der tiefe Horizont, unterbrochen von Baumwipfeln…Die unendlich vielen Nuancen von Grün… Beherrschend ist aber der Kirschbaum mitten auf der Wiese, ich kenne keinen wie ihn. Er blüht über und über trotz der bitteren Kälte der letzten Wochen. … Unbeschreiblich das sanfte, heitere Licht. – “

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema