Musik

Christian Thielemann: Internationale Presse sieht ihn als Barenboim-Nachfolger

Mit Wagners „Ring“ fand Christian Thielemann internationale Beachtung. Die Kritiker sehen ihn als legitimen Nachfolger von Daniel Barenboim an der Staatsoper.

Michael Maier
4 Min
Christian Thielemann wäre aus Sicht vieler Experten der beste Nachfolger für Daniel Barenboim an der Staatsoper in Berlin.

Christian Thielemann wäre aus Sicht vieler Experten der beste Nachfolger für Daniel Barenboim an der Staatsoper in Berlin.

© Jörg Simanowski

Die Auftritte von Christian Thielemann als Dirigent von Richards Wagners „Ring“ in der Staatsoper Unter den Linden haben die Berliner Musikszene elektrisiert. Die Staatskapelle, von Daniel Barenboim über Jahre zu einem exzellenten Klangkörper geformt, lief zur Höchstform auf. Das Publikum war sehr international – und die Beurteilung während und nach der Aufführungen einhellig: Christian Thielemann wäre der ideale Nachfolger von Daniel Barenboim als Chef von Staatsoper und Staatskapelle.

Auch die internationale Fachpresse widmet sich der Frage. Die Neue Zürcher Zeitung kommt zu einem eindeutigen Fazit: Der „Ring“ sei ein „Triumph“ für Thielemann gewesen, „der hier mehr als seine künstlerische Visitenkarte abgegeben hat“. Die NZZ weiter: „Er dürfte vielmehr als Kandidat gesetzt sein, sollte eine längerfristige Vertretungs- oder Nachfolgeregelung für Barenboim unausweichlich werden.“ Entsprechende Gespräche hatte der amtierende Berliner Opernintendant Matthias Schulz bereits eingeräumt, schreibt die NZZ. Schulz selbst wird demnächst nach Zürich wechseln. In der New York Times räumt Schulz mit dem Vorurteil auf, dass Thielemann nur eine begrenzte Auswahl von Komponisten dirigieren wolle. Das Lob für Thielemann kommt zu einem Zeitpunkt, da der Dirigent auch in Chicago, New York und Los Angeles geschätzt wird und immer wieder bei neuen Besetzungen einer der Kandidaten ist. Aktuell ist gerade die Chicago Symphony auf der Suche nach einem neuen Chef, Thielemann ist einer der Kandidaten. Die New York Times schreibt, dass Thielemann bei der Neubesetzung eine plausible Lösung für die Staatsoper Unter den Linden wäre, weil Thielemann wie in Dresden Oper und symphonische Musik dirigieren könne.

Der Einstieg in die Staatsoper könnte möglich werden, weil sich Thielemann mit Daniel Barenboim entgegen der oft kolportierten medialen Darstellung gut versteht. Thielemann und Barenboim lobten einander gegenseitig im Gespräch mit der Berliner Zeitung – und es klang glaubwürdig. Auch das Verhältnis zur Staatskapelle ist exzellent, weil das Orchester und Thielemann während der unendlichen Reise durch den „Ring“ eine brillante Leistung hinlegten.

Der Abschied von der Dresdner Staatskapelle war, wie die New York Times enthüllt, jedenfalls nicht der Wunsch der Musiker. Normalerweise orientiert sich die Politik an den Musikern, doch im Fall Thielemann wurde die Staatskapelle vor vollendete Tatsachen gestellt.

Die im Mai 2021 bekannt gegebene Entscheidung, seinen Vertrag in Dresden nicht zu verlängern, bleibt laut New York Times „im Dunkeln“. „Wir wissen immer noch nicht warum“, sagte Holger Grohs, Geiger im Orchester, der Times. „Sie sagen, sie wollen unseren Ansatz ändern, ein jüngeres Publikum erreichen und die Dinge anders machen.“ Doch die New York Times ist ausgesprochen skeptisch, dass das wirklich der Plan sein soll. Das Blatt schreibt: „Aber wie anders die Dinge unter seinem Nachfolger Daniele Gatti sein werden, dessen Alter und Repertoire dem von Thielemann nahe kommen und der 2018 vom Concertgebouw Orchestra in Amsterdam gefeuert wurde, nachdem ihm sexuelles Fehlverhalten vorgeworfen wurde, bleibt abzuwarten.“

Das Lob für Thielemanns Berliner „Ring“ ist überregional einhellig. Vor allem die Tatsache, dass er innerhalb weniger Wochen in die komplexe Inszenierung von Dmitri Tcherniakov eingestiegen ist und den ganzen „Ring“ makellos über die Bühne gebracht hat, zeige seine herausragende professionelle Stellung. Seine musikalischen Fähigkeiten werden als einzigartig gelobt. Und schließlich kommt es, so ist aus der Staatskapelle zu hören, nur darauf an.

Wie unumstritten Thielemann unter Fachleuten ist, zeigt das Fazit des Tagesspiegel-Rezensenten aus Anlass seiner „Götterdämmerung“-Kritik: Es habe „frenetischen Applaus“ gegeben, den Thielemann „in Barenboim-Manier mit den versammelten Musikerinnen und Musikern auf der Bühne“ entgegengenommen habe. Der Tagesspiegel-Kritiker weiter: „Angesichts der Tatsache, dass der Generalmusikdirektor (Barenboim) immer häufiger Termine absagen muss, dürfte es kaum eine deutlichere Empfehlung für die Nachfolge geben.“

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