Die Berufung von Christian Thielemann zum Generalmusikdirektor sei historisch, sagte Kultursenator Joe Chialo am Mittwoch bei der Präsentation der neuen Führungsriege der Staatsoper Unter den Linden. Thielemann sei nämlich der erste Dirigent, der an zwei Berliner Opern als Chef gedient habe, so Chialo mit dem Verweis auf Thielemanns Zeit an der Deutschen Oper von 20 Jahren. Thielemann kämpfte damals mitten in der Zeit eines erbitterten Berliner Opernstreits, in dem der Senat versuchte, eine Flurbereinigung durchzuführen. Sogar Schließungen und Fusionen wurden diskutiert. An manchen Stellen brach ein Ost-West-Konflikt durch. Dergleichen gibt es heute nicht mehr: Heute scheinen sich alle Häuser der Stadt informell unter dem Goethe-Motto vereint zu haben: „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen.“
Thielemann zitierte den Theaterdirektor aus dem „Faust“ am Mittwoch, neben der neuen Intendantin Elisabeth Sobotka sitzend, die ihrerseits sagte, ein politisches Theater müsse unterschiedliche Stimmen zulassen und auf Nuancen setzen. Es gebe nicht nur Schwarz und Weiß. Um dies zu dokumentieren, sei die Oper die ideale Kunstform. Wie in Goethes „Vorspiel auf dem Theater“ gehe es auch in der Staatsoper um die Grundsehnsucht nach der Mischung aus Alt und Neu. Goethes Arbeitsauftrag an die Theaterleute lautete damals: „Solch ein Ragout, es muss euch glücken!“ In Zukunft muss das Team Sobotka/Thielemann dafür sorgen, dass der Wunsch, es allen recht zu tun, nicht in bequeme Beliebigkeit mündet.
Der Berliner Kultursenator Joe Chialo
© Paulus Ponizak/Berliner Zeitung
Joe Chialo sagte, durchaus glaubwürdig, die Grundlage jeden Erfolgs sei höchste Qualität, und für diese stehe Thielemann wie kein anderer: „An der Exzellenz dürfen wir nicht rütteln.“ Chialo kennt Thielemann seit seiner Zeit als Musik-Manager und hat mit dem Dirigenten offenbar einen guten Gesprächsdraht gefunden: „Es hilft, dass ich ihm als Musiker gegenübersitze und nicht als Werkzeugmacher“, sagte Chialo der Berliner Zeitung. Auch die neue Intendantin, die im Herbst 2024 nach Berlin kommt, ließ erkennen, dass sie genau weiß, dass Thielemann für sie ein Asset ist und keine Gefahr. Das mag damit zusammenhängen, dass Thielemann sagte, er sei im Alter toleranter und nicht mehr im Kampfmodus: „Ich bin auch diplomatischer geworden“, sagte Thielemann der Berliner Zeitung. Er habe aus seinen Fehlern gelernt und wolle sich im Alltag nicht aufreiben. Dieser Alltag beginnt für die Staatsoper ohnehin erst so richtig mit der Saison 2025/2026.
Christian Thielemann vor dem Sprung an die Staatsoper Berlin
Für die nächste Spielzeit wird es seitens des mit einem Fünfjahresvertrag ausgestatteten Thielemann nur maximal eine Premiere geben. Danach sollen es etwa 20 Opern sein. Das Spektrum wurde am Mittwoch breit formuliert, die Staatskapelle solle „vom Weihnachtsoratorium bis zum Happening“ alles spielen, so Thielemann. Das ist ziemlich vage, geht aber wohl nicht anders, da Sobotkas Spielplan-Planungen noch aus der Zeit mit Daniel Barenboim rühren und daher alles ziemlich im Fluss ist. Die Situation zeigt das Dilemma, in dem die moderne Oper sich befindet: Langfristige Verträge machen die Planung außerordentlich komplex, mitunter bleibt den Machern dann gar nicht anderes übrig, als Kompromisse zu machen. Ob sich am Ende eine Handschrift erkennen lässt, ist schwer zu beurteilen. Thielemann nennt ausdrücklich Barrie Koskys Komische Oper als beispielhaft, weil diese ein Repertoire aufgebaut habe, das es so noch nirgends gegeben habe.
Die künftige Staatsoper-Intendantin Elisabeth Sobotka
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Sobotka sagte der Berliner Zeitung, dass sie dafür sorgen möchte, dass es „viele Momente der Verzauberung, der Magie für viele“ geben möge. Nur so sei die Begeisterung für die Oper auch bei jungen Menschen zu wecken. Ihre Opern-Initiation habe sie bei einer Aufführung von Richard Wagners „Götterdämmerung“ in der Wiener Staatsoper gehabt. Es sei für sie selbstverständlich, dass Wagner mit Thielemann ein Schwerpunkt sein werde. Außer „Rienzi“ habe die Staatsoper alle Wagner-Opern im Repertoire, auf diese werde man zurückgreifen. Die Wiederaufnahme des legendären Thielemann-Rings sei fix geplant, daneben die „Meistersinger“ und „Tristan“. Doch Thielemann sei auch ein Fan der Operette, also werde es auch die leichte Form geben. Thielemann sagte, Lehar und Kalman würden ihn interessieren, auch Hans Werner Henze und andere, vielleicht Unbekannte, seien denkbar. Natürlich will Thielemann auch Richard Strauss machen, ganz oben steht die „Frau ohne Schatten“.
Die neue Führung möchte die Oper öffnen: Sobotka schweben eigene Opern-Aufführungen mit Kindern vor, sie will mit Schulen und Eltern zusammenarbeiten. Thielemann philosophiert über „Mittagskonzerte“, bei denen die Leute mit dem Lunch-Paket kommen und ein „halbes Konzert“ zu erschwinglichen Preisen hören könnten. Man müsse nicht immer Anzug für Klassik tragen, manchmal sei auch der „Schlabber-Look“ möglich – wenn der Rahmen passt. Der alte Fuchs wirft jedoch gleich selbst ein, dass dies natürlich mit den Schichtplänen der Musiker abzustimmen sei.
Barenboims Nachfolger als Generalmusikdirektor: Christian Thielemann
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Thielemann sieht das Politische der Oper in der Aktualität ihrer zeitlosen Inhalte – und nicht umgekehrt, wie das heute an mancher Stelle praktiziert wird. Er sagt: „Tosca – das ist doch MeToo, und es geht nicht gut aus!“ Er sagt aber auch: „C-Dur ist unpolitisch, die CDU ist politisch.“ Das Experiment, eine fortschrittliche Intendantin mit einem konservativen Generalmusikdirektor zusammenzuspannen, könnte an der Staatsoper Unter den Linden gelingen. Thielemann ist entspannt und sagt, er wolle nichts mehr werden. Selbstironisch fügt er an: „Es hat einmal einer gesagt: Was es nützt es, weltberühmt zu Hause zu sitzen?“ Daniel Barenboim hat dem Wechsel an der Staatsoper seinen Segen gegeben: Er sei „voller Vorfreude auf das, was kommt“, zitierte Senator Chialo aus einer Grußbotschaft des nunmehr abgelösten Generalmusikdirektors.
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