Christoph Marthaler und Sylvain Cambreling stellen Offenbachs "Pariser Leben" in Wien vor: Alles futsch, jetzt hat man Ruhe

Die Zeit, da Bahnhöfe die Kathedralen ihrer Zeit waren, ist längst vorbei. Trübe funzelt eine Neonröhre vom Bühnenportal, links glimmt eine Bahnhofsuhr vor sich hin, statt eines Vorhangs werden kleinbürgerlich geraffte Tüllgardinen hochgezogen. Noch bevor es losgeht, haben wir bei der Premiere im Wiener Burgtheater die erste Desillusionierung hinter uns: Das Orchester ist mit Frack und Schleife standesgemäß gekleidet, trägt aber Plastiktüten mit sich herum. Auch Christoph Marthaler, der Regisseur, der erklären muß, daß Christoph Homberger indisponiert ist und stimmlich durch Martin Schwab, Manfred Equiluz und Wolfgang Gratschmeier ersetzt werden muß, trägt eine Tüte in der Hand, die eine Kräuterbonbonfabrik ausgegeben hat. So ist das 1998. Nicht nur beherrscht der Kapitalismus unser Dasein; längst hat er alle Eleganz, alle Verhüllungen, alle Dehors hinter sich gelassen, mit denen er seine Herrschaft einmal gefällig maskierte. Die Neuartigkeit dieser Form nackter Macht ist bekanntlich schon im Kommunistischen Manifest beschrieben, und doch: wie viel Mühe gab sich noch das 19. Jahrhundert, das Grobe zu verwandeln, damit es nicht beleidigend wirke, jedenfalls nicht auf die Sinne der Oberschicht. Portieren und Krinolinen, dicke Schminke, schweres Parfum und überhaupt der Abstand von der Natur: Es ist die Zeit der künstlichen Paradiese. MerkwürdigAber, und das ist das Merkwürdige, auch bei Offenbach: Künstlichkeit und Verstellung werden durchschaut. Selbst der Brasilianer, den Offenbach ins "Pariser Leben" eintreten läßt, weiß, wie gespielt wird. Alles Vergnügen kommt aus dem Gepäck mit den Diamanten: "Kokotten, kommt, nehmt, was es gibt,/ seid gierig und seid unverschämt,/ nehmt mir die Hose und das Hemd,/ doch sagt mir stets, daß Ihr mich liebt." Es gibt wohl kaum eine Erscheinung des Musiktheaters, die ihre Entstehungszeit so genau und unmittelbar ausdrückte und ausdrücken wollte wie die Operetten Offenbachs, und dies, wie Siegfried Kracauer schrieb, weil die Zeit selbst operettenhaft war. Kracauer berichtet die Episode vom Auszug Napoleons III. mit seinen Truppen nach dem italienischen Kriegsschauplatz. Die Boulevards passierend, sieht der Kaiser ein Photoatelier und gleich will er sich aufnehmen lassen. Er befiehlt Halt! und während er portraitiert wird, wartet hinter ihm eine ganze Armee auf dem Weg auf die Schlachtfelder. Das war eine Welt, die nicht mehr zu demaskieren war. Es war die Welt, der Offenbach sich zugehörig fühlte. Der Staatsstreich Napoleons vom Dezember 1851 war kaum vorbei, da schrieb er seiner Schwester einen gutgelaunten Brief: "Ich hoffe, daß Paris jetzt wieder wie früher in Freude und Glanz leben wird". In dieser Hoffnung täuschte er sich nicht. Seine Lust an Raschheit und Abwechslung, die Freude am Leben in Kulissen, die leichte Langweilbarkeit teilte er mit den Zeitgenossen ganz Europas. Daß Marthaler diesem Affen seinen Zucker nicht geben würde, war selbstverständlich. Hat das Orchester seine Plastiktüten verstaut und der Dirigent Sylvain Cambreling, der vom Pult aus gelegentlich Züge Offenbachs und Chaplins in die Handlung einspielt, seine Angelegenheit geordnet, murmeln sich die Musiker zu: "Jetzt geht s los". Dann folgt als erstes der Verzicht auf die Ouvertüre. Was einen Moment der Verzauberung bedeuten könnte, Klang ohne Wort und Begriff, etwas Rauschhaftes, ist ausgespart. Dafür beginnt der Chor der Eisenbahner. Schwer, oft auch schwer verständlich, nichts vom Stolz, einer Sache zu dienen, die technisch, wirtschaftlich, sozial an der Spitze des Fortschritts rangiert. Alles ist alt geworden. Die Eisenbahner stecken in Blousons, deren Kunstfasrigkeit man schon knistern zu hören glaubt. Baron Gondremarck ist dick (der Tenor Walter Raffeiner mit bemerkenswerter Komik), die Baronin (Susanne Düllmann) alt. Unvorteilhaft fallen sie nicht auf. Die Bonvivants Gardefeu (Graham Valentine) und Bobinet (Matthias Matschke) sind kümmerliche Gestalten. Alles was glänzend war, ist nun stumpf. Der Schuster Frick trägt häßliche Sandalen (aus Plastik?), die schöne Handschuhmacherin Gabrielle (Catherine Swanson) zieht nichts als Gummihandschuhe aus einem Karton. Bühne und Kostüme von Anna Viebrock dünsten die Verbrauchtheit der sechziger Jahre aus. Selbst die Sexualität ist nur noch Erinnerung. Zwar bemüht sich Metella um einige Laszivität auf dem Schoß ihres neuen Liebhabers, aber viel weiß der damit nicht anzufangen. Gondremarck will selbstverständlich "lustig, lustig, lustig sein". Das sind aber nur die guten Vorsätze, so macht man es eben in Paris. Die inzwischen gut eingeführte Ästhetik Marthalers und Viebrocks hat ihren stärksten Moment im Rondo der Metella. Sophie Rois, die auch die Pauline spielt, liest den Brief eines früheren Liebhabers vor, der sich im dunklen Norden zweier glücklicher Monate in Paris mit Metella erinnert. Die Gesangsstimme der Sophie Rois ist nicht das, was man groß nennt, aber gerade mit den begrenzten Mitteln erzielt sie ungeheure Wirkung. In der rauhen, dunklen Färbung spricht sich die Hilflosigkeit aus, mit der der ferne Liebhaber an die verlorene Seligkeit denkt.Die musikalische Bearbeitung durch Sylvain Cambreling geht gleichfalls in die Richtung. Die Instrumentation ist spröde, etwas trocken und erinnert an die Mittel, die Schönberg bei seinen Orchestrierungen von Brahms, Händel oder Strauß verwendete. Die geringe Zahl der Streicher und die durchweg solistische Besetzung der weiteren Stimmen wenden sich von aller Schwelgerei ab. Melodielinien entwickeln sich oft aus geräuschhaftem Beginn. Frivol"Pariser Leben" war eine Endzeitgeschichte, auch ohne daß der Komponist es gewußt hätte. 1866, geschrieben im Jahr von Königgrätz, wird eine Lust und Ausgelassenheit beschrieben, die in Frivolität umschlägt. Krieg und Commune werden die Opfer des Spaßes zeigen. Hinter der eleganten, freudenreichen Welt baut sich eine neue, härtere, mit eigenen Ansprüchen auf. Und ohne, daß diese auf der Bühne repräsentiert würde, steckt in den gefeierten Exorbitanzen, in Rausch und Lust ein Moment von Überschlag, von Ende und Neuanfang. "Pariser Leben" in der Sicht von Cambreling und Marthaler spielt nicht mehr vor einem Ende, sondern nach ihm. Die Baronin Gondremarck glaubt, in der Oper ein Stück vom Paradies gesehen zu haben. Alt, wie sie ist, wird es wohl ein Stück ihrer Jugend gewesen sein. Mit mehr ist nicht zu rechnen. Mit anderem auch ...

BLZ
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Die Zeit, da Bahnhöfe die Kathedralen ihrer Zeit waren, ist längst vorbei. Trübe funzelt eine Neonröhre vom Bühnenportal, links glimmt eine Bahnhofsuhr vor sich hin, statt eines Vorhangs werden kleinbürgerlich geraffte Tüllgardinen hochgezogen. Noch bevor es losgeht, haben wir bei der Premiere im Wiener Burgtheater die erste Desillusionierung hinter uns: Das Orchester ist mit Frack und Schleife standesgemäß gekleidet, trägt aber Plastiktüten mit sich herum. Auch Christoph Marthaler, der Regisseur, der erklären muß, daß Christoph Homberger indisponiert ist und stimmlich durch Martin Schwab, Manfred Equiluz und Wolfgang Gratschmeier ersetzt werden muß, trägt eine Tüte in der Hand, die eine Kräuterbonbonfabrik ausgegeben hat. So ist das 1998. Nicht nur beherrscht der Kapitalismus unser Dasein; längst hat er alle Eleganz, alle Verhüllungen, alle Dehors hinter sich gelassen, mit denen er seine Herrschaft einmal gefällig maskierte. Die Neuartigkeit dieser Form nackter Macht ist bekanntlich schon im Kommunistischen Manifest beschrieben, und doch: wie viel Mühe gab sich noch das 19. Jahrhundert, das Grobe zu verwandeln, damit es nicht beleidigend wirke, jedenfalls nicht auf die Sinne der Oberschicht. Portieren und Krinolinen, dicke Schminke, schweres Parfum und überhaupt der Abstand von der Natur: Es ist die Zeit der künstlichen Paradiese. MerkwürdigAber, und das ist das Merkwürdige, auch bei Offenbach: Künstlichkeit und Verstellung werden durchschaut. Selbst der Brasilianer, den Offenbach ins "Pariser Leben" eintreten läßt, weiß, wie gespielt wird. Alles Vergnügen kommt aus dem Gepäck mit den Diamanten: "Kokotten, kommt, nehmt, was es gibt,/ seid gierig und seid unverschämt,/ nehmt mir die Hose und das Hemd,/ doch sagt mir stets, daß Ihr mich liebt." Es gibt wohl kaum eine Erscheinung des Musiktheaters, die ihre Entstehungszeit so genau und unmittelbar ausdrückte und ausdrücken wollte wie die Operetten Offenbachs, und dies, wie Siegfried Kracauer schrieb, weil die Zeit selbst operettenhaft war. Kracauer berichtet die Episode vom Auszug Napoleons III. mit seinen Truppen nach dem italienischen Kriegsschauplatz. Die Boulevards passierend, sieht der Kaiser ein Photoatelier und gleich will er sich aufnehmen lassen. Er befiehlt Halt! und während er portraitiert wird, wartet hinter ihm eine ganze Armee auf dem Weg auf die Schlachtfelder. Das war eine Welt, die nicht mehr zu demaskieren war. Es war die Welt, der Offenbach sich zugehörig fühlte. Der Staatsstreich Napoleons vom Dezember 1851 war kaum vorbei, da schrieb er seiner Schwester einen gutgelaunten Brief: "Ich hoffe, daß Paris jetzt wieder wie früher in Freude und Glanz leben wird". In dieser Hoffnung täuschte er sich nicht. Seine Lust an Raschheit und Abwechslung, die Freude am Leben in Kulissen, die leichte Langweilbarkeit teilte er mit den Zeitgenossen ganz Europas. Daß Marthaler diesem Affen seinen Zucker nicht geben würde, war selbstverständlich. Hat das Orchester seine Plastiktüten verstaut und der Dirigent Sylvain Cambreling, der vom Pult aus gelegentlich Züge Offenbachs und Chaplins in die Handlung einspielt, seine Angelegenheit geordnet, murmeln sich die Musiker zu: "Jetzt geht s los". Dann folgt als erstes der Verzicht auf die Ouvertüre. Was einen Moment der Verzauberung bedeuten könnte, Klang ohne Wort und Begriff, etwas Rauschhaftes, ist ausgespart. Dafür beginnt der Chor der Eisenbahner. Schwer, oft auch schwer verständlich, nichts vom Stolz, einer Sache zu dienen, die technisch, wirtschaftlich, sozial an der Spitze des Fortschritts rangiert. Alles ist alt geworden. Die Eisenbahner stecken in Blousons, deren Kunstfasrigkeit man schon knistern zu hören glaubt. Baron Gondremarck ist dick (der Tenor Walter Raffeiner mit bemerkenswerter Komik), die Baronin (Susanne Düllmann) alt. Unvorteilhaft fallen sie nicht auf. Die Bonvivants Gardefeu (Graham Valentine) und Bobinet (Matthias Matschke) sind kümmerliche Gestalten. Alles was glänzend war, ist nun stumpf. Der Schuster Frick trägt häßliche Sandalen (aus Plastik?), die schöne Handschuhmacherin Gabrielle (Catherine Swanson) zieht nichts als Gummihandschuhe aus einem Karton. Bühne und Kostüme von Anna Viebrock dünsten die Verbrauchtheit der sechziger Jahre aus. Selbst die Sexualität ist nur noch Erinnerung. Zwar bemüht sich Metella um einige Laszivität auf dem Schoß ihres neuen Liebhabers, aber viel weiß der damit nicht anzufangen. Gondremarck will selbstverständlich "lustig, lustig, lustig sein". Das sind aber nur die guten Vorsätze, so macht man es eben in Paris. Die inzwischen gut eingeführte Ästhetik Marthalers und Viebrocks hat ihren stärksten Moment im Rondo der Metella. Sophie Rois, die auch die Pauline spielt, liest den Brief eines früheren Liebhabers vor, der sich im dunklen Norden zweier glücklicher Monate in Paris mit Metella erinnert. Die Gesangsstimme der Sophie Rois ist nicht das, was man groß nennt, aber gerade mit den begrenzten Mitteln erzielt sie ungeheure Wirkung. In der rauhen, dunklen Färbung spricht sich die Hilflosigkeit aus, mit der der ferne Liebhaber an die verlorene Seligkeit denkt.Die musikalische Bearbeitung durch Sylvain Cambreling geht gleichfalls in die Richtung. Die Instrumentation ist spröde, etwas trocken und erinnert an die Mittel, die Schönberg bei seinen Orchestrierungen von Brahms, Händel oder Strauß verwendete. Die geringe Zahl der Streicher und die durchweg solistische Besetzung der weiteren Stimmen wenden sich von aller Schwelgerei ab. Melodielinien entwickeln sich oft aus geräuschhaftem Beginn. Frivol"Pariser Leben" war eine Endzeitgeschichte, auch ohne daß der Komponist es gewußt hätte. 1866, geschrieben im Jahr von Königgrätz, wird eine Lust und Ausgelassenheit beschrieben, die in Frivolität umschlägt. Krieg und Commune werden die Opfer des Spaßes zeigen. Hinter der eleganten, freudenreichen Welt baut sich eine neue, härtere, mit eigenen Ansprüchen auf. Und ohne, daß diese auf der Bühne repräsentiert würde, steckt in den gefeierten Exorbitanzen, in Rausch und Lust ein Moment von Überschlag, von Ende und Neuanfang. "Pariser Leben" in der Sicht von Cambreling und Marthaler spielt nicht mehr vor einem Ende, sondern nach ihm. Die Baronin Gondremarck glaubt, in der Oper ein Stück vom Paradies gesehen zu haben. Alt, wie sie ist, wird es wohl ein Stück ihrer Jugend gewesen sein. Mit mehr ist nicht zu rechnen. Mit anderem auch nicht.

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