Nachruf auf Chuck Berry

Ein Unsterblicher des Rock 'n' Roll

Die Musik-Legende ist im Alter von 90 Jahren gestorben.

Harry Nutt
6 Min
Chuck Berry in Chicago (Archivbild, 2010).

Chuck Berry in Chicago (Archivbild, 2010).

© AFP

Eine ironische Reverenz an Chuck Berry hat der Filmregisseur Robert Zemecki im ersten Teil seiner Reihe „Zurück in die Zukunft“ erwiesen. Marty McFly (Michael J. Fox) hat es per Zeitmaschine in die 50er-Jahre zurückversetzt und trifft dabei auf seine späteren Eltern, denen es nicht so recht gelingen will, zusammenzukommen. Um seiner (zukünftigen) Mutter zu imponieren, springt Marty bei einer soliden Rock ’n’ Roll-Band ein, bei der sich der Gitarrist gerade die Hand verletzt hat. Marty legt los und stimmt „Johnny B. Goode“ an, was wiederum den Gitarristen dazu bringt, umgehend seinen Vetter Chuck anzurufen. „Hey Chuck, hör dir das mal an“.

Per Telefon, so die rührige Pointe des Films, bekommt der junge, noch unentdeckte Chuck Berry die Idee zu seinem späteren Welthit serviert. Wahr ist daran, dass bereits der frühe Rock ’n’ Roll eine Zeitmaschine der frei flottierenden Einflüsse war. Falsch indes ist, dass Chuck Berry auf ein beiläufiges Plagiat angewiesen gewesen wäre. Wie Marty McFly im Film trieb Berry den braven, vor allem von weißen High-School-Jungs für sich reklamierten Rock ’n’ Roll in die Sphären eines erdigen Crossovers. In dem Film sagt Marty McFly zu seinem schockierten Publikum: „Schätze, ihr seid noch nicht so weit.“

Irgendwann aber war die Zeit reif für Chuck Berry. Dafür musste er seine Schwester vom heimischen Klavier wegbekommen, die dort die klassischen Vorbilder übte. „Roll over Beethoven“ war also eher eine Kampfansage an die Schwester, endlich das Klavier freizugeben. Popgeschichtlich formulierte sich darin auch der Anspruch auf Anerkennung einer neuen Jugendkultur.

Chuck Berry schlägt harte Töne an

Chuck Berry war ein Kind der großen amerikanischen Wirtschaftskrise. 1926 als Sohn eines Diakons einer Baptistenkirche in St. Louis, Missouri geboren, begann er trotz der bescheidenen familiären Verhältnisse, mit einer Gesangsausbildung und ging dann zur Gitarre über.

Chuck Berry war ein wilder Jugendlicher, und er war schwarz. Das konnte auf der Straße schnell zu Problemen führen. Mit 18 war er wegen mehrerer bewaffneter Raubüberfälle verurteilt worden, bis zu seinem 21. Geburtstag saß er im Jugendgefängnis. Als er wieder freikam, arbeitete er unter anderem als Pförtner beim Radiosender WEW gewissermaßen an der Schwelle zu seiner späteren Karriere.

Seine Herkunft und das raue Klima seiner Jugendjahre waren nicht dazu angetan, einfach nur die Akkorde aneinanderzureihen. Chuck Berry schlug die Töne hart an und zeigte bereits den Zuhörern seiner ersten Konzerte in einigen Hillbilly-Klubs, was man aus einer E-Gitarre herausholen kann. Hillbilly war der Sound der weißen Jugendlichen, Bob Dylan hatte ebenfalls in einer solchen Band am Klavier gesessen. Aber die öffentliche Wirkung von Chuck Berry schien derart intensiv zu sein, dass sich das Publikum bald mischte.

Die Einhaltung von sorgsam gezogenen musikalischen Grenzen war auch nicht die Sache von Chuck Berry, er spielte wuchtig drauflos und verknüpfte die Musik seiner großen Vorbilder, der Blues-Musiker Muddy Waters und Howlin’ Wolf, zu einem eigenen Soundmix aus Blues, Jazz und Rockabilly. Nicht ganz unerheblich war dabei, dass Berrys direktes Gitarrenspiel zu seinem drängenden Gesang passte.

Und wie vieles im Leben von Chuck Berry ging dann plötzlich alles ganz schnell. Von Muddy Waters, den er zunächst nur um ein Autogramm gebeten hatte, bekam er 1955 den Tipp, sich an den Produzenten Leonard Chess zu wenden. Der nahm mit ihm die Single „Maybellene“ auf, die wenige Wochen später in den Top Ten der Billboard-Charts landete.

Bob Dylan nannte Chuck Berry früh den Shakespeare des Rock ’n’ Roll

Eine Speed-Karriere war das dennoch nicht, immerhin war Chuck Berry schon fast 30, aber es war wohl dessen erdige Authentizität, mit der er unmissverständlich zum Ausdruck brachte, wohin die Reise gehen könnte. „Roll over Beethoven“, „Sweet Little Sixteen“ und „Johnny B. Goode“ wurden nicht einfach nur zu Hits von Chuck Berry, sondern zu Klassikern eines aufgewühlten Rock-Sounds, der die schmierige Haartolle des etwas dicklichen Bill Haley vergessen machte.

Im Zeitraffer beeindruckt die Karriere Chuck Berrys natürlich durch die Ehrerbietung, die ihm zuteil wurde. Die Beatles, die Stones und Bob Dylan gestanden, von Chuck Berry beeinflusst worden zu sein. Dylan nannte ihn früh den Shakespeare des Rock ’n’ Roll. Vielleicht waren die Jungs nur artig, tatsächlich aber hatte Berry entscheidenden Anteil daran, dass die neuen Vorbilder des Pop keinen Unterschied zwischen schwarz und weiß machten. Die Erfolgsgeschichte der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung bewegte sich nach den Rhythmen von Chuck Berry.

Vielleicht nicht unbedingt nach denen des Duckwalks, zu dem Berry seine halboffene Gitarre wie eine Lanze vor sich hertrug. Der Mann mit dem breiten Backenbart war eben auch ein Performer. Natürlich war auch die Vorstellung vom wilden Leben eines Rock ’n’ Rollers nur eine Legende. Chuck Berry jedenfalls sagt man nach, in finanziellen Angelegenheiten sehr pingelig gewesen zu sein. So soll er Keith Richards von den Rolling Stones, den er beim Einüben von Gitarrengriffen empfindlich triezte, schließlich auch noch die Miete für jedes einzelne Instrument in Rechnung gestellt haben. Und während viele Geschichten großer Stars von der libidinösen Beziehung zu ihrem Instrument handeln, gestand Chuck Berry einmal, sich schon deshalb immer wieder neue Gitarren zuzulegen, weil diese sich gut von der Steuer absetzen lassen.

Der Draufgänger als guter Steuerbürger. Probleme mit dem Gesetz gab es aber immer mal wieder. Anfang der 60er-Jahre wurde Berry wegen eines Sexualdelikts mit einer Teenagerin verurteilt. Dabei wurde der sogenannte Mann-Act angewendet, dem zufolge man sich nicht durch den Wechsel in ein anderes Bundesland entziehen kann, in dem das Delikt nicht als strafbewährt galt. Der längst zu einem Rockstar gereifte Chuck Berry musste erneut für einige Monate ins Gefängnis.

Chuck Berry war auf der Bühne ein Ereignis

Seine Lust an der Provokation beeinträchtigte das nicht. Die amerikanische Prüderie machte er zu Beginn der 70er-Jahre in einem seiner bekanntesten Hits zum Thema. „My Ding-a-Ling“ durfte wegen offen-sexueller Anspielungen in diversen Sendern nicht gespielt werden, was Berrys Popularität aber nur noch vergrößerte. Musikalisch war das kaum mehr reizvoll, aber darauf kam es nicht an. Berry war inzwischen Pop, und Pop war performative Kunst, in der es unbedingt dazugehörte, die vermeintlichen Tabus zu kitzeln.

Trotz der beachtlichen Mühe, die Berry im Studio auf seine Songs und Texte verwandte, war er doch vor allem auf der Bühne ein Ereignis. Das erstaunt umso mehr, da er selten Wert auf die Zusammenstellung einer eigenen Live-Band legte. Im Vertrauen darauf, dass er selbst das Ereignis ist, scharte er meist wahllos ein paar Musiker um sich, die bei der nächsten Gelegenheit schon wieder ausgewechselt wurden.

Und dann war er über Jahrzehnte einfach nur noch der große Chuck Berry, ein Unsterblicher des Rock ’n’ Roll. An seinem 90. Geburtstag im vergangenen Jahr hat Berry ein neues Album angekündigt, das schlicht „Chuck“ heißen sollte. Ein Vermächtnis, egal in welchem Stadium es sich auch befinden mag.

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