City West

„Ein einziges Flammenmeer“

Am 22. und 23. November 1943 zerstörten Bomben die City West. Auch die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche wurde dabei schwer getroffen und brannte aus. Ihr alter Turm ist seitdem ein Mahnmal gegen den Krieg. Zum Gedenken läuten am Freitagabend fast 50 Berliner Kirchen 15 Minuten lang die Glocken.

Birgitt Eltzel
4 Min
Das westliche Zentrum Berlins wurde am 22. und 23. November 1943 zerstört, auch die Gedächtniskirche brannte aus.

Das westliche Zentrum Berlins wurde am 22. und 23. November 1943 zerstört, auch die Gedächtniskirche brannte aus.

© dpa/akg Lizenz

Um 19.30 Uhr begannen die Sirenen zu heulen. Die Menschen flüchteten in die Luftschutzkeller. 25 Minuten später fielen die Bomben. Sie trafen Wohnhäuser, Kirchen, Kaufhäuser, Straßen und Brücken. Vor 70 Jahren, am 22. und 23. November 1943, erlebte Berlin die bis dahin gewaltigsten Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg. Durch die Bomben der britischen Royal Air Force sollte die Bevölkerung demoralisiert werden und sich von Hitlers NS-Regime lossagen. Der Tod, der an dem nasskalten Novemberabend aus dem Himmel über Berlin kam, traf Wehrlose – Frauen, Kinder und alte Menschen. Am Freitag werden in Berlin viele Kirchen, die im Zweiten Weltkrieg bei Bombenangriffen zerstört oder beschädigt wurden, 15 Minuten lang die Glocken zur Erinnerung an die schrecklichen Ereignisse läuten. Beginn ist um 19.30 Uhr.

Das „Moral Bombing“ auf Berlin hatte bereits im Sommer 1940 begonnen. Großbritanniens Premierminister Winston Churchill glaubte, dass es am besten in der deutschen Hauptstadt wirken würde. Der erste Angriff auf Berlin in der Nacht zum 26. August 1940 wurde jedoch ein Desaster: Sechs der 50 gestarteten Bomber stürzten ab. Die britische Luftwaffe verbesserte ihre Technik, Sprengbomben zwangen die Menschen in Keller und Bunker, Brandbomben verhinderten ein Hinauskommen. Angst wurde ein täglicher Begleiter der Berliner – zu Widerständlern gegen das NS-Regime wurden sie dennoch nicht.

Gerhard Luedtke, damals ein Kind, schreibt im Internetportal Bombenkrieg.net, dass er einen ersten Höhepunkt der Bombenangriffe auf Berlin am 22. November erlebte. An diesem Tag hatte er Geburtstag: „Als wir nach zwei Stunden aus unserem Luftschutzkeller kamen, brannten die 100 Meter entfernten, auf einer Fläche von etwa 500 mal 500 Meter gebauten, vierstöckigen Häuserblocks lichterloh. Die Flammen des einen Häuserblocks schlugen über die Straße und vereinten sich mit denen des gegenüberliegenden Häuserblocks zu einem einzigen Flammenmeer. Glühende Holzstücke von Backsteingröße flogen durch die Luft...“

Besonders schwer getroffen wurde am 22. und am 23. November die westliche Innenstadt. Die 1895 eröffnete Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, ein prächtiges Gotteshaus mit fünf Türmen, wurde schwer getroffen und brannte aus. Auch das Schloss Charlottenburg, das KaDeWe und das Hauptgebäude der Technischen Universität wurden Opfer der Bomben, ganze Straßenzüge wurden zerstört. Im Berliner Zoo lagen ebenfalls viele Gebäude in Schutt und Asche. Von den rund 1200 Zootieren überlebten den Krieg nur 91, darunter der junge Flusspferdbulle Knautschke, der später ein Liebling der Zoo-Besucher wurde. Etwa 240 000 Menschen verloren durch die Luftangriffe am im November vor 70 Jahren ihre Wohnungen, mehr als 3700 starben. Die Turmruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche wurde nach Kriegsende erhalten und in einen 1961 geweihten Kirchenneubau von Egon Eiermann integriert – als Mahnmal gegen den Krieg.

Zwischen 1940 und 1945 gab es rund 370 Luftangriffe auf Berlin. Es flogen vor allem die Briten, dann auch die Amerikaner. Einige wenige Bombenangriffe wurden auch von der Sowjetarmee geflogen. „In alldem erlebte Berlin, was in den Jahren zuvor durch deutsche Bomben in Warschau und Rotterdam, in London und und Coventry und an vielen anderen Orten angerichtet war und was mit der Bombardierung und Zerstörung der kleinen polnischen Stadt Wielun am 1. September 1939 durch einen deutschen Luftangriff begonnen hatte“, sagt Martin Germer, der Pfarrer der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche. „An vielen Orten starben unzählige Menschen. Noch immer trauern viele um ihre Angehörige und Freunde.“

All dieser Opfer soll in Berlin gedacht werden. Die Gedächtniskirche hat fast 50 katholische und evangelische Kirchengemeinden Berlins zum Mitwirken am Trauer- und Gedenkläuten gewonnen – von Lichtenrade bis Alt-Tegel, von Biesdorf über Mitte bis nach Wedding werden die Kirchenglocken am Freitagabend zu hören sein.

„Wir wollen zum Frieden aufrufen und das Gedächtnis an die Schrecken des Krieges wachhalten“, sagt Pfarrer Germer. „Auch in heutiger Zeit sterben Menschen in Kriegen und Bürgerkriegen, in Afghanistan, in Syrien, in Somalia und im Sudan, in Gaza und an vielen anderen Orten. Sinnloses Leiden und Sterben prägt unsere Welt und schreit zum Himmel wie damals.“

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