Claude Lanzmann im Rückgriff auf sein Epos "Shoah"

Freispruch für den Judenältesten

Der „Shoah“-Regisseur Claude Lanzmann stellt in Berlin seinen Film über Benjamin Murmelstein vor. Er nennt ihn den „Letzten der Ungerechten“.

BLZ
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Er brauche jetzt "Courage, Courage, Courage", sagt Claude Lanzmann.

Er brauche jetzt "Courage, Courage, Courage", sagt Claude Lanzmann.

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Der ganze Körper schmerzt. Das Gesicht wirkt wie aus Granit gemeißelt. Kantige Züge, wuchernde Brauen, wirres, silbergraues Haar. Urwüchsige Kräfte müssen da gewaltet haben. „Die Zeitläufte haben mich verwüstet“, sagt der Filmemacher. „Aber ich mag mich so, wie ich heute mit 87 Jahren aussehe. Als ich vom Leben weniger gezeichnet war, hat mir mein Spiegelbild weniger gefallen.“

Lanzmann ist keiner, der klagt und schon gar keiner, der klein beigibt. Als die Nazis Frankreich tyrannisierten, zog der Enkel jüdischer Einwanderer mit 18 Jahren in den Partisanenkampf. Als der fast 50-jährige Lanzmann merkte, dass er über den Holocaust keinen objektiven Film zustande bringen würde, machte er eben einen subjektiven.

Lanzmann reihte Zeitzeugenaussagen aneinander, schuf „Shoah“, sein neuneinhalb Stunden währendes Meisterwerk über Todesmaschinerie und Konzentrationslager. Als ihm im hohen Alter bewusstwurde, dass er einem der damals befragten Zeitzeugen nicht gerecht geworden war, schritt der Pariser Regisseur erneut zur Tat.

Er nahm sich das alte Drehmaterial noch einmal vor, fügte neues hinzu, schlüpfte in die Rolle des Erzählers, der alte und neue Bilder zu einer schlüssigen Geschichte verbindet. Das Ergebnis ist der Film „Der letzte der Ungerechten“. Der 1975 vernommene Zeitzeuge Benjamin Murmelstein erfährt darin späte Genugtuung, der einzige Judenälteste eines großen Ghettos, der den Nazi-Terror überlebt hat. Als letzter Vorsitzender des Judenrates von Theresienstadt hat er – ja, was denn nun wirklich getan?

Zwischen Hammer und Amboss

Murmelstein habe mit den Nazis kollaboriert und Juden nach Auschwitz-Birkenau in den sicheren Tod geschickt, behauptet Hans Günther Adler, einer der Insassen von Theresienstadt. Murmelstein habe nichts Verwerfliches getan, befanden tschechische Richter, die den ehemaligen Judenältesten nach 18-monatiger Untersuchungshaft freisprachen.

„Murmelstein war sicherlich kein Held, aber er war ein hochintelligenter, menschlich integrer Rabbiner, der in verzweifelter Lage versucht hat, sich selbst, seine Leidensgefährten und das Lager vor Vernichtung zu bewahren.“ Lanzmann sagt das heute. Es ist seine feste Überzeugung. Der Dokumentarfilmer, der eben noch den Kopf auf die verletzte Hand gestützt hatte, richtet sich auf, blinzelt ins Licht. „Ich will, dass gerade die Deutschen diesen Film sehen“, sagt er.

Lanzmann will es, weil „das von den Nazis in Propagandafilmen zum Erholungsort für Juden erklärte Ghetto Theresienstadt die Perversion auf die Spitze treibt, sie deutlicher hervortreten lässt als andere Auswüchse der NS-Zeit“; ein KZ als Sanatorium auszugeben, aberwitziger gehe es nicht. Vor allem aber, sagt Lanzmann, wolle er, dass die Menschen ins Kino gehen, weil Murmelsteins Zeugnis es ermögliche, „den Holocaust aus neuer, zutiefst menschlicher Warte zu betrachten“.

Und so wird Lanzmann nach Berlin fahren und dort am Sonntag im Arsenal am Potsdamer Platz seinen Film persönlich vorstellen. Er kennt Deutschland. Er mag Deutschland. In Tübingen hatte er einst Philosophie studiert, später an der Freien Universität Berlin als Lektor gearbeitet. Im Februar war er zuletzt hier, bei der Berlinale durfte er für sein Lebenswerk den Goldenen Ehrenbären entgegennehmen. Sich auszeichnen zu lassen, das war ein Leichtes. Aber jetzt hat er einen Film vorzustellen, der Kontroversen auslösen dürfte. „Ich brauche jetzt Courage, Courage, Courage“, sagt er mehr zu sich selbst als zu seinem Gegenüber.

Nicht nur Benjamin Murmelstein, auch Claude Lanzmann gewinnt in dem neuen Film an Kontur. Der Zuschauer lernt den frühen Lanzmann kennen. So gefestigt er heute wirkt, so unbelehrbar er seinen Kritikern erscheint – im Gespräch mit Murmelstein war er noch ein Suchender.

„Ich hatte mich damals noch nicht in das Thema Holocaust verbissen“, erklärt der heute 87-jährige Lanzmann den damals 49-jährigen. Die „gewisse Bitterkeit“, die er bei sich nach fast vier Jahrzehnten Auseinandersetzung mit dem Holocaust ausgemacht hat, „diesem für einen Regisseur einmalig spannenden Stoff“, sie war Anfang, Mitte der Siebzigerjahre noch nicht da.

Lanzmann blickte damals auf ein sieben Jahre währendes Liebesverhältnis mit Simone de Beauvoir zurück, das ein freundschaftliches geworden war. Mit Beauvoirs Lebensgefährten, dem Philosophen Jean-Paul Sartre, verbanden ihn ebenfalls freundschaftliche Bande. Lanzmann war lebenshungrig. In alle Himmelsrichtungen griff er aus.

Er verfasste Artikel für Sartres Zeitschrift Les Temps Modernes. Er drehte seinen ersten Film. Von Israel und der jüdischen Identität handelte er. Lanzmann kletterte, segelte, tauchte. Er stieg auf Pferderücken. Er steuerte israelische Kampfjets. Und einen großen Dokumentarfilm über die Verfolgung und Vernichtung europäischer Juden wollte er drehen: „Shoah“.

Im Sommer 1975 reiste der Regisseur nach Rom, um Murmelstein, in Israel Persona non grata, als ersten Zeitzeugen zu vernehmen. Hier setzt Lanzmanns neuer Film ein. „Der letzte der Ungerechten“ zeigt den Regisseur, die Krawatte locker gebunden, das dunkle Haar lässig zur Seite gekämmt, im Gespräch mit dem früheren Judenältesten. Im Hintergrund leuchten sonnenbeschienene Fassaden der Ewigen Stadt. Die zwei reden Deutsch miteinander. Der Ton ist verbindlich, das kehlig-harte Idiom klingt bei dem Franzosen gefällig und weich.

In der Sache aber bleibt Lanzmann hart. Nie verliert er das Ziel aus dem Auge: die Wahrheit. Die Gabe, die richtigen Fragen zu stellen, besaß der Regisseur schon damals. Er hakt nach, wo ein Gegenüber auszuweichen beginnt, er nagelt es fest, wo es zu fliehen versucht. Gemeinsam lassen die beiden die Zeit wiederauferstehen, in der Murmelstein in den Diensten der Nationalsozialisten stand: Er war Adolf Eichmanns Wiener Beauftragter für Judenemigration, der 120 000 Verfolgten die Ausreise ermöglicht hatte. Er half als Judenältester von Theresienstadt dabei, das Vorzeige-Ghetto zu „verschönern“.

Der 70-jährige Rabbiner erweist sich in Rom als Meister der Defensive. Mal ist er entwaffnend offen, dann wieder zündet er rhetorisches Feuerwerk, hinter dem die Wahrheit nicht auszumachen ist. Er räumt ein, dass er als Vorsitzender des Judenrates Freude an der Macht empfand. Er bestreitet, dass er Listen zusammenstellte von Juden, die nach Auschwitz transportiert werden sollten. Er sagt, dass er versucht habe, zwischen „Hammer und Amboss“ zu überleben, als Mittler zwischen Mördern und Opfern.

Lanzmann quittiert Murmelsteins Schilderungen mit erstauntem, manchmal ungläubigem Lächeln, bis er schließlich kapituliert. So episch breit er „Shoah“ auch angelegt hat, was dieser Mann zu Protokoll gibt, passt nicht hinein. Er passt nirgends hinein, in kein Raster, kein Klischee. Er ist weder Täter noch Opfer oder vielmehr: Er ist beides. Murmelstein war sicherlich eine Marionette der Nazis. Aber er scheint mit außergewöhnlicher Intelligenz und außergewöhnlichem Mut auch selbst an den Fäden gezogen zu haben. „Er kooperierte mit den Nazis, um die eigene Haut zu retten, aber er rettete nebenbei eben auch das Ghetto Theresienstadt und einen Gutteil seiner Bewohner“, lautet Claude Lanzmanns Fazit.

Die für „Shoah“ unbrauchbaren Gesprächsprotokolle wandern erst ins Archiv, dann ins Washingtoner Holocaust Memorial Museum. Ihr endgültiger Bestimmungsort ist indes auch das nicht. Im Dokumentarfilm eines Kollegen, der sich in Washington bedient hat, stößt Lanzmann 2007 auf seine alten Murmelstein-Interviews. Er spürt das Bedürfnis, dem 1989 verfemt im Exil Gestorbenen Gerechtigkeit zuteilwerden zu lassen, ihm einen eigenen Film zu widmen.

Er nimmt sich das in Rom aufgezeichnete Material noch einmal vor, recherchiert nach. Er schreitet vor laufender Kamera die damals zur Sprache gekommenen Tatorte ab. Er ist nun kein Suchender mehr. Nach Jahrzehnten der Auseinandersetzung mit dem Holocaust und fünf Dokumentarfilmen zum Thema sieht er sich im Besitz der Wahrheit.

Als Erzähler stellt er diese Wahrheit Murmelsteins Zeugenaussagen zur Seite. Lanzmann verkündet sie voller Ingrimm, ob am Bahnsteig von Nisko, wo 1939 die ersten Judentransporte ankamen, oder an der ehemaligen Hinrichtungsstätte von Theresienstadt, wo Nazi-Schergen willkürlich Lagerinsassen auswählten und von einem aus ihre Mitte bestimmten Juden hinrichten ließen. Ein Augenzeuge scheint da den Terror wieder aufleben zu lassen, nicht ein spät Hinzugestoßener, der aus historischer Distanz zu Werke geht.

Der Filmemacher fällt ein Urteil

Lanzmann sieht sich auch im Besitz der Wahrheit über Murmelstein. Der Filmemacher fällt ein Urteil. Es lautet auf Freispruch. „Ich fand Murmelstein im Großen und Ganzen aufrichtig, ich hegte brüderliche Gefühle für ihn, als wir auseinandergingen“, erzählt der Regisseur. Dem Zuschauer, der die beiden in „Der letzte der Ungerechten“ dreieinhalb Stunden lang begleitet, ergeht es ähnlich. Das französische Publikum pflegt dem im Mai beim Festival in Cannes gezeigten, vor anderthalb Wochen in ganz Frankreich angelaufenen Film stehend zu applaudieren.

Gewiss, das Urteil hat Kritiker auf den Plan gerufen. Die Historikerin Sylvie Lindeperg bezweifelt, dass es im Licht moderner Quellenstudien Bestand haben wird. Sie verweist auf Hans Günther Adler, der den früheren Judenältesten in einem Buch über Theresienstadt als Handlanger der Nazis darstellt. Lanzmann sei ein Gestriger, gibt sie zu verstehen, ein „Dinosaurier auf der Autobahn“.

Lindepergs Kollegin Annette Wieviorka unterscheidet zwischen „Lanzmanns und Murmelsteins Wahrheit“ und der „historischen Wahrheit“, die durchaus eine andere sein könne. Wieviorka verweist auf die ihrer Meinung nach fragwürdigen Ausführungen des Duos Lanzmann-Murmelstein über Hannah Arendt.

Die Politologin und Publizistin hatte Adolf Eichmann, den für die Deportation von Millionen Juden verantwortlichen, in Israel zum Tode verurteilten früheren SS-Obersturmbannführer, als blassen Beamten geschildert und den Begriff der „Banalität des Bösen“ geprägt. Lanzmann hält Eichmann unter Berufung auf Murmelsteins Erzählungen für „einen Dämon“ und für „banal allenfalls Arendts Artikel“.

War es das jetzt? Ist das Lebenswerk nach all den schmerzlich erlangten Gewissheiten über den Holocaust vollendet? Der Filmemacher hebt im Lampenschein seiner Pariser Wohnung die verletzte Hand und winkt ab. „Mit dem Holocaust wird man nie fertig“, sagt er.

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