Freitagabend zehn vor acht hält ein großes Auto vor dem Berliner Ensemble, vier Bodyguards steigen aus und tun so, als würden sie von den auf sie gerichteten Blicken nichts mitbekommen. Und die Blicke schwenken dann auch schnell ins Innere des Autos, wo Gregor Gysi noch eine Nachricht in sein Smartphone tippt. Vielleicht hat er auch noch mal gegoogelt, Stichwort: Claus Peymann.
Denn ihn, den scheidenden BE-Direktor wird Talkmaster Gysi als Gast empfangen. Ausnahmsweise eben mal nicht im Deutschen Theater. Wie bei dem in der letzten Woche aufgezeichneten und Freitagnacht gesendeten Literarischen Quartett tritt Peymann als gastgebender Gast auf. Die BE-Zuschauer konnten sich auf einen Doppel-Peymann freuen, erst live im Theater, dann zu Hause in der Kiste.
Schöner welken
Punkt acht nehmen die beiden schwarz gewandeten Herren an der Rampe im ausverkauften Theater Platz, auf einem Tischchen zwischen ihnen stehen dieselben Tulpen, die schon am Mittwoch zusammen mit einem Töpfchen Vergissmeinnicht bei der Abschiedspressekonferenz für Farbe und Stichworte sorgten. Alles aus Peymanns Köpenicker Garten. Die Tulpen halten mit letzter Kraft die Köpfe und spreizen die Blütenblätter ab wie hilfesuchende Hände. Peymann hat recht, wenn er sagt, dass die Blumen im Verfall immer schöner werden. Das Vergissmeinnicht fehlt, es ist offenbar schon eingegangen.
Bei der Pressekonferenz hat er gesagt, dass er sich ein wenig vor dieser Begegnung mit Gysi fürchte. Es träfen zwei Populisten aufeinander, mal sehen, wer wen in die Pfanne haut. Mehr Sorgen als über Gysis Schlagfertigkeit könnte sich Peymann über sein Mundwerk machen, mit dessen Unkontrollierbarkeit er immer wieder kokettiert. So nannte er beim Literarischen Quartett Christoph Hein einen „schlechten Schriftsteller“.
Nicht so gemeint
Dies sei ihm, so ruft er scheinverzweifelt am Gysi-Abend, „im Eifer des Gefechts“ herausgerutscht. Er habe es nicht so gemeint. Das klingt wie: Ich war’s nicht, sondern nur mein Mund.
Dazu passt sein Bekenntnis, dass er sich manchmal selber belüge, bis er es glaubt. So habe er bis ins hohe Alter mit seinem Vater angegeben, der 1936 Olympia-Gold gewonnen habe. Als die Interviewer das nachrecherchierten, kam heraus, dass Vater Peymann nur einer von 14000 Vorturnern gewesen sei.
Flutschende Pointen
Der Saal kommt an diesem Abend aus dem Schmunzeln gar nicht mehr heraus. Gysi vertropft Honig und rollt rote Teppiche aus, wenn er überhaupt zu Wort kommt. Und Peymann hat seine gesammelten und vom vielen Erzählen an den Ecken abgeschliffenen Legenden mitsamt den flutschenden Pointen parat. Und immer wenn Gysi ein neues Kapitel aus Peymanns Lebenslauf anspricht − Nachkriegskindheit, Studententheater, Theater am Turm Frankfurt, Schaubühne, Stuttgart, Bochum, Burgtheater Wien, Berliner Ensemble − oder wenn er Peymann ein paar Namen zuwirft, seufzt Peymann, weist auf seine neue Biografie („Mord und Totschlag“) hin, pumpt kurz an und ergießt einen neuen Redeschwall.
Das geht geschlagene zweieinhalb Stunden so und ist schon rein sportlich eine Leistung. Aber er stellt auch große geistige Beweglichkeit unter Beweis, indem er beim Ausbreiten seiner hehren Erinnerungen immer wieder zu Kontrastzwecken auf die unwürdige Gegenwart Bezug nimmt. Dann wird gewettert, bis der Szenenapplaus ausbricht. Dass er sich dabei selbst widerspricht, stört nicht.
Einsatz von Tremolo
So beschuldigt er das Ensemble-Netzwerk, das sich für mehr Mitbestimmungsrechte und bessere Arbeitsbedingungen für Schauspieler einsetzt, den Tod der Kunst heraufzubeschwören. Denn − bitte ein bisschen Tremolo mitdenken − ohne Risiko, ohne Spiel auf Leben und Tod gebe es kein Theater! Andererseits klagt er seinen Nachfolger Oliver Reese des − mehr Tremolo − „Verbrechens gegen die Menschlichkeit“ an, weil dieser die Schauspieler nicht verlängert, die Peymann engagiert hat, mit Verträgen, die es zulassen, dass jemand auch nach 18 Jahren ohne Abfindung entlassen werden kann. Peymann hat es vermutlich nicht so gemeint.
Wer froh ist, dass Peymann kein Blatt vor den Mund nimmt, sollte dann auch nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Ich persönlich glaube zum Beispiel, dass er diesen mit Grabesstimme verlauteten Satz irgendwie anders und ganz bestimmt freundlich meint: „Kritiker sind blöd, blind und taub.“
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