Clubkultur in Berlin

Feiere den Tag – und dann geh arbeiten

Mal wieder ohne Exzesse – die Morning Gloryville Party. Seit einigen Monaten schon wird in Berlin auch marktkonform gefeiert, ohne Alkohol, dafür mit Rote-Beete-Smoothies und Espresso und zwar ab 6.30 Uhr am Morgen.

Philipp Fritz
4 Min
Ja, man kann auch ohne Alkohol fröhlich sein.

Ja, man kann auch ohne Alkohol fröhlich sein.

© Morning gloryville Lizenz

Auf keiner Party ist der Vitamin-C-Pegel höher. Aus den Boxen hämmert Techno, einige Männer sind oberkörperfrei, die Frauen clubfein aufgehübscht. Es gibt viel Glitzer und schrille Farben. Die Tanzfläche ist voll, neben dem DJ-Pult zeigt jemand in goldenem Stretch-Body und Oberlippenbart, was für Verrenkungen sich mit Hulahup-Reifen vollführen lassen.

Es ist 8 Uhr früh. In dem Club Neue Heimat auf dem RAW-Gelände in Friedrichshain hat die Morning Gloryville Party bereits vor eineinhalb Stunden begonnen. Die rund 500 Gäste zwischen Yogamatte und Smoothie-Bar zeigen, dass sie auch ohne Alkohol oder Partypillen ausgelassen zu wummenden Beats tanzen und feiern können. „Es geht darum, das alles hier bewusst zu genießen“, erklärt Marta Cornellana, die Organisatorin von Morning Gloryville Berlin. Die Spanierin sorgt seit Januar dieses Jahres dafür, dass Clubgänger und Frühaufsteher in Berlin kein Widerspruch mehr ist. Das Konzept von Morning Gloryville begegnete der 37-jährigen Cornellana bereits Anfang 2014 auf ihren Reisen durch Europa, Asien und Australien. Als die Londoner Schöpfer der Marke sie fragten, ob sie sich vorstellen könne, ihre Idee in der Party-Metropole Berlin umzusetzen, musste Cornellana nicht lange überlegen.

Nicht Alltagsflucht, sondern Alltagsoptimierung

Die Idee ist „Conscious Clubbing“, ein Partykonzept, in dessen Mittelpunkt das bewusste Erleben steht, ohne Alkohol oder nächtliche Exzesse. Kurzum: Morning Gloryville ist keine Alltagsflucht, nach der Clubgänger oft ein halbes Wochenende mit Kopfschmerzen und schlechtem Gewissen im Bett liegen. Im Gegenteil ist die Partyreihe angedacht als Alltagsoptimierung. „Nach einer unserer Partys“, sagt Cornellana, „bist du fit und voll positiver Energie für den Tag.“ Tatsächlich preist die Internetseite Morning Gloryville als eine Alternative zum Frühsport an. Nach einer Tanzeinheit sei der Partygast energiegeladen und lebendig.

Morning Gloryville ist ein Phänomen des „neuen Geistes des Kapitalismus“, wie ihn die französischen Sozialwissenschaftler Luc Boltanski und Ève Chiapello bereits 1999 beschrieben haben. Demnach habe der Kapitalismus, um sich als System zu rechtfertigen, die so genannte Künstlerkritik und die Revolution von 1968 in sich aufgenommen. Das Ergebnis sind neue Unternehmenskulturen, die keine Zwänge mehr ausüben müssen, sondern Angestellte mit Tischfußball im Büro oder bequemer Arbeit am heimischen Schreibtisch ködern. Ein weiteres Stichwort ist Selbstoptimierung. Damit entspricht Morning Gloryville dem Zeitgeist.

Super gut. Und merkwürdig

Super gut sei es hier, sagt die 20-jährige Studentin Mirja Stegelmann, die zum ersten Mal auf einer Morning Gloryville Party ist und ihre Freundin Lisa Meier schiebt nach: „Es ist aber auch etwas merkwürdig.“ Rechts neben dem Eingang zeigen ungefähr zwanzig Personen, was für Figuren sich mit Acro-Yoga, einer Kombination aus Akrobatik und Yoga, machen lassen, über einen Tresen werden Rote-Beete-Smoothies für jeweils 4,50 Euro geschoben und immer noch dröhnt es aus den Boxen. Und nach einem solchen Programm soll der Besucher mit positiver Energie ins Büro oder in die Praxis gehen? Nicht jeder. „Ich finde das genial hier“, sagt Nike Melchior, 16. Die Schülerin steht mit ihrer Freundin Sara Asfar vor dem Eingang. „Es ist toll, nach einer Party erholt zu sein“, erklärt sie. „Jetzt müssen wir aber zur Schule.“ – So Young, So Bad.

Die nächste Morning Gloryville Party findet im Kesselhaus in der Kulturbrauerei, Schönhauser Allee 36 in Prenzlauer Berg statt. Die Party steht im Zeichen des Christopher Street Day, das Motto ist: Dancing for equal rights. Beginn ist um 6.30 Uhr, der Eintritt kostet 10 Euro.

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