Wenn Adel morgens um 3.30 Uhr zur Arbeit kommt, sitzen manchmal junge Leute in Eingang des Hauses. Sie knutschen oder lehnen mit dem Rücken gegen die Tür und trinken Bier. Manchmal sind es auch Einzelne, die schlafen oder Adel aus glasigen Augen anstarren und dann behäbig den Eingang freirücken. Betrunkene, Druffis, Übermütige – Adel schmunzelt über sie. „Wir waren doch alle mal jung“, sagt sie achselzuckend.
Die 54-Jährige, deren Nachnamen wir nicht nennen sollen, betreibt eine Cateringküche in einem Hinterhaus am Markgrafendamm in Friedrichshain. Direkt nebenan residiert ein Club, zwei weitere gibt es ein paar hundert Meter die Straße entlang. Nun macht hier ein vierter Club auf, der wiederum einen verschwundenen ersetzt.
Dennoch ist die Gegend um die Elsenbrücke kaum als Techno-Strich verrufen wie etwa das RAW-Gelände oder der Flutgraben am gegenüberliegenden Spree-Ufer. Keine Dealer, keine Messerstechereien, keine Müllberge – während andere Partyzonen Schlagzeilen produzieren, steht Adels Achselzucken exemplarisch für die Gelassenheit, mit der hier in der Gegend über viele Jahre gefeiert wurde
„Kern der Berliner Szene“
Denn während sich auf der Halbinsel Stralau die Neubauten ausbreiteten, im Boxhagener Kiez hippe Restaurants eröffneten und immer mehr große Firmen in den Osthafen zogen, schien die Ecke um die Elsenbrücke lange ein weißer Fleck zu sein. Ein Niemandsland mit wenig direkten Anwohnern, umzingelt von Bahngleisen und Wasser. Ein Provisorium, ständig bedroht vom geplanten Ausbau der A100, der vieles hier dem Erdboden gleichmachen würde. Vielleicht begann gerade wegen des begrenzten Haltbarkeitsdatums hier ein Puls zu schlagen.
„Die Clubs – die Wilde Renate, das About Blank und die Else – sind bekannt dafür, dass sie gern Experimentelles wagen“, sagt Lutz Leichsenring, Sprecher der Clubcommission, dem Zusammenschluss der Partyveranstalter in Berlin. „Sie gehören zum Kern der Berliner Szene.“ Mit politischen Partys und einem unangepassten Musikprogramm setzen sie Maßstäbe, die andere Lokalitäten gern kopieren und mundgerecht für ein Massenpublikum aufbereiten.
Doch auch hier, im Herzen des Untergrunds, greift der Wandel der Stadt um sich. „Waterside Living Berlin“ steht auf einem Baustellenschild ein paar Schritte weiter. Die Luxuswohnungen dort sollen bis zu 4,5 Millionen Euro kosten. Auch die Häuser direkt an der Ecke zwischen Markgrafendamm und Stralauer Allee werden gerade saniert. Selbst der neue Club, der am 4. November eröffnet, kommt anders daher als seine Artgenossen.
Für „ein gutes Wochenendfeeling“ will das Ost – so heißt der neue Laden – laut Website sorgen. Der Club logiert im Gebäude des alten Hafenkraftwerks, dessen Dampfmaschine zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Osthafen mit Strom versorgte. Das Ost ist Teil des Komplexes 1 Stralau, eine Mischung aus Biergarten und Eventfläche „mit Oldschool Look und Industriecharme“. Im Sommer öffnete das Areal erstmals seine Pforten.
Hinter dem Projekt steht eine Investorengruppe rund um die Macher der Disko Matrix. Der Club zog in den 90er-Jahren Technostars wie Marusha an, ist jungen Leuten heute aber eher aus der RTL II-Serie „Berlin – Tag & Nacht“ bekannt. Die Betreiber übernahmen das Hafenkraftwerk vom insolventen Club Magdalena, der hier bis Anfang des Jahres residierte. Eigentlich wollten sie die Fläche eher tagsüber bespielen, nun gehen sie doch in die Nacht.
„Möglich, dass sie sich damit nach dem verregneten Sommer über den Winter retten wollen“, sagt Jens Schwan, der im Internet über die Berliner Clubszene bloggt und unter anderem den Zug der Liebe organisiert. „Viele Clubs sind ja heute zu mittelständischen Unternehmen mutiert.“
Familien ziehen weg
Auch Clubcommission-Sprecher Leichsenring beobachtet, dass immer mehr Partybetriebe mit einem Mischkonzept an den Start gehen. „Das hat vor allem finanzielle Gründe“, erklärt er. „In ganz Berlin steigt die Miete, für den Club Watergate zum Beispiel hat sie sich gerade verdoppelt. Firmenveranstaltungen bringen Geld ein, sind aber gleichzeitig nach außen hin unsichtbar, so dass sie das Gesicht eines Clubs nicht verwässern.“
Wer dazu zum Beispiel einen Biergarten miteröffnet, schafft auch für Anwohner die Möglichkeit, abends in der Sonne zu sitzen. Das erhöht die Akzeptanz des Clubs in der Nachbarschaft – auch darum kämpft die Szene an der Elsenbrücke zunehmend. Denn Anwohner, vor allem auf der Halbinsel Stralau, ächzen seit ein paar Jahren im Sommer unter dem Lärm der Partyboote auf der Spree und der Open-Air-Raves im Treptower Park.
„Ich kenne viele Familien, die deswegen weggezogen sind“, sagt Rüdiger Lange von der Anwohnerinitiative Stralau gegen Lärm. Obwohl die Clubs an der Elsenbrücke gut schallisoliert sind, trägt die sommerlich Ruhestörung nicht gerade zum Wohlwollen ihnen gegenüber bei. Im Draußenbereich des 1 Stralau hingegen saßen im Sommer durchaus auch Menschen aus dem Kiez. Kürzlich war auch Adel da, die Cateringköchin von gegenüber. „Zu einem Konzert von Paul van Dyk“, erzählt sie. Der Club sei jetzt „normaler“ als vorher. „Weniger verranzt, dafür mit tollem Spreeblick aus dem oberen Stockwerk.“ Der Lauf der Dinge halt, sagt sie. Und zuckt auch dazu mit den Achseln.
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