„Eine Stadt braucht Kreativität“, sagt der Brite Charles Landry, der mit seinem Think Tank Comedia seit den 70er-Jahren daran arbeitet, Innovation und Kreativität in den Fokus von Stadtplanern zu rücken. Weil das interessante Leute anzieht, jene so genannten High Performer, die was auf die Beine stellen und die Stadt prägen.
Clubsterben - das klingt wie Waldsterben
Doch in den vergangenen zwanzig Jahren ist es eng geworden in Berlin. Wo einst Clubs entlang der Spree nebeneinander lagen, ragen jetzt Bürotürme in den Himmel; wo in Kellern gefeiert wurde, stehen die Kinderwägen junger Familien. Wo einst nichts war, stehen Einkaufszentren und Mehrzweckhallen.
Vor ein paar Jahren, als die ersten Läden schlossen – mal ging es um die Miete, mal um Lärm, mal wurde gebaut – war das erste Mal vom Clubsterben die Rede. Das klingt ein bisschen wie Waldsterben. Und wenn es nach Lutz Leichsenring ginge, wäre das genau der richtige Vergleich. „Es gibt doch diese Regel: Für jeden gefällten Baum, muss ein neuer gepflanzt werden“, sagt er. „Dieses Bewusstsein bräuchten wir für Clubs.“
Er trägt dieses Bild schon eine Weile mit sich herum. Leichsenring, 39, ist seit Jahren Sprecher der „Clubcommission“, einer Art Lobbyverband der Berliner Clubs, der Schnittstelle zwischen Nachtleben und Politik. Es sind Welten, in denen unterschiedliche Sprachen gesprochen werden. Leichsenring ist so etwas wie der Übersetzer.
Der einen Seite erklärt er, wie die Gema funktioniert, wie Open Air Partys umweltfreundlich organisiert, wie Lärmauflagen eingehalten werden können; der anderen immer wieder den Mehrwert, den Clubs für die Stadt bedeuten.
Erst kommen die Kreativen, dann steigen die Mieten
Es ist ja oft so: Erst kommen die Kreativen, bespielen heruntergekommene Gebäude, beleben, was vorher brach lag, werten einen ganzen Kiez auf. Dann steigen die Mieten. Und die Geräuschempfindlichkeit der Anwohner. Gehen müssen am Ende die Kreativen. „Wenn du denen aber bezahlbaren Raum gibst“, sagt Leichsenring, „erntest du nicht nur Innovation, du schaffst eine Community, die einer Stadt ihre Identität gibt.“
Nur, wie kann man so etwas messbar machen? Jeder kann heute seinen ökologischen Fußabdruck berechnen, den ganz persönlichen CO2-Verbrauch. Und bei Klimasünden wie Langstreckenflügen schon gleich bei der Buchung Geld an Umweltschutzprojekte spenden, die an anderer Stelle CO2 einsparen. So ein Instrument, das den kreativen Fußabdruck von Räumen in der Stadt abbildet, das war Leichsenrings Idee. Daraus ist ein Algorithmus geworden, der die Strahlkraft nicht nur für Clubs, nicht nur für Berlin, sondern für jede Sphäre kreativen Schaffens, für jede Stadt der Welt berechnen kann.
Mit Musik fing Leichsenring an. Das ist das Gebiet, auf dem er sich am besten auskennt. Für die Clubcommission führt er mal Bezirkspolitiker, mal eine Delegation von Musikern aus Teheran duch die Clubs. Oder er reist um die Welt, um Vorträge über das Berliner Nachtleben zu halten, allein in den vergangenen Monaten war er auf Konferenzen in London, St. Petersburg und Talinn.
Experimentell oder Fünf-Euro-Cocktail?
Über Monate machte er sich also Gedanken, welche Faktoren die Kreativität eines Clubs, eines Konzertortes ausmachen, sprach mit den Clubbetreibern der Stadt, Sascha Disselkamp vom Sage, Dimitri Hegemann vom Tresor, Pamela Schobeß vom Gretchen, Julian Schulz vom Heideglühen. Auch Charles Landry wurde einer der Berater des Projektes.
Am Ende hatte Leichsenring drei Komplexe.
Der Raum: Wo liegt der Club, im Zentrum oder außerhalb? Gibt es ihn schon lange? Ist die Venue eine besondere oder eine gesichtslose Halle?
Der Inhalt: Wer tritt auf, lokale Künstler oder internationale Stars? Spielen sie Musik vom Band oder ihre eigene? Ist das Programm experimentell oder eher einseitig? Kommen die Leute, um die Musik zu hören, oder ist die nur Begleitung zum Fünf-Euro-Cocktail?
Die Rahmenbedingungen: Wie viele Musikorte gibt es pro Einwohner? Gibt es eine Sperrstunde? Förderungen für Investitionen? Wie leicht ist es für Musiker, auf der Straße aufzutreten?
Ein Algorithmus entworfen von Harvard-Studenten
Die letzte Kategorie war einfache Faktenrecherche. Dann lud Leichsenring dreißig Leute zum Abendessen ein, Experten, die sich nach einem Aufruf beworben hatten, und ließ sie für jeden Musikort der Stadt Punkte in fünfzehn Kategorien vergeben.
Der Rest ist Statistik. Auf einer Konferenz in den USA lernte Leichsenring den Professor Daniel Polley kennen, der an der Harvard Universität daran forscht, welche Auswirkungen Musik auf das Gehirn hat. Polley stellte ein Team von Studenten zusammen, die für Leichsenring den Algorithmus entwickelten, der aus seinen Daten einen Index berechnet: den kreativen Fußabdruck.
Anfang April veröffentlichte Leichsenring die Auswertung: 496 Musikorte gibt es in Berlin, die Zahl ist außerordentlich, allein seit 2014 sind knapp neunzig dazugekommen, die meisten sind Clubs und Bars, wenige Diskotheken. Jeden Monat finden rund 2.700 Veranstaltungen statt. Besonders lebhaft ist die Szene in Kreuzberg, Friedrichshain und Neukölln; überdurchschnittlich kreativ ist sie in Treptow und im Wedding. Die Stadt gibt jedes Jahr zwei Millionen Euro an Fördergeldern aus, macht es aber nicht gerade leicht, einen neuen Ort zu eröffnen; es ist eher schwierig, Musik im öffentlichen Raum zu spielen. Gesamtpunktzahl: 8,02 von 10.
Auch Fulda will einen kreativen Fußabdruck errechnen
Die Zahl ist ein Aushängeschild. Sie ist aber auch eine Herausforderung, so sieht Leichsenring das. “Die Stadt darf sich nicht darauf ausruhen“, sagt er. Denn auch das zeigen die Zahlen: dass die Clubs in der Innenstadt oft nicht die mit dem besten Programm sind; dass es einen Trend gibt, Bestehendes zu konservieren, statt Neues zu fördern: Vierzig Prozent der Musikorte sind älter als zehn Jahre. Die Stadt, das will Leichsenring erreichen, muss sich dafür aktiv einsetzen, dass sie so kreativ bleibt, wie sie derzeit noch ist.
Als nächstes will er den kreativen Fußabdruck für Musik in New York, Los Angeles und London berechnen, erste Anfragen hat er aus kleinen Städten bekommen: Fulda, Groeningen in den Niederlanden; aber auch in Liverpool in England, einst Heimat des Cavern Club und Brutstätte des Beat, will seinen creative Footprint ermitteln lassen.
Die Ergebnisse aus Berlin will Leichsenring den Politikern und Immobilienbesitzern vorstellen. „Ich würde mir eine Art freiwillige Selbstverpflichtung wünschen“, sagt er. Die Sache mit den Bäumen: Für jeden Club, der schließt, muss irgendwo ein neuer aufmachen. Für die kreative Balance der Stadt.
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