Filigrane Kabel, winzige Schalter, LED-Lämpchen. Auch auf den technisch eher unbedarften Betrachter wirkt der Inhalt des taschenbuchgroßen Kastens mit der vielversprechenden Aufschrift „Build. Code. Play.“ weniger einschüchternd als erwartet. Alles schon mal gesehen. Und doch ist es auf den ersten Blick schwer vorstellbar, wie man damit ein Keyboard oder eine Alarmanlage programmieren soll.
Genau das aber versprechen Alexander Mrozek (32) und Stephan Hillekamps (31), Gründer des Berliner Start-ups Codino. Die ungläubigen Blicke kennen sie schon. Ebenso wie das sich hartnäckig haltende Klischee vom blassen Computer-Nerd, der nachts um zwei mit einer Dose Red Bull im Keller sitzt und kryptische Zeichen ins Laptop hackt. Mit dem Codino-Konzept habe das nichts zu tun, beteuern die beiden Jung-Unternehmer, die selbst viel mehr nach Berliner Hipster als nach Hacker-Klischee aussehen.
Codino richtet sich an Neugierige ohne Vorbildung
Ihr Programmier-Lern-Set nennen Mrozek und Hillekamps einen „Reisepass in die digitale Welt“. Sie wollen damit eine Antwort geben auf die Frage, wie sie denn nun umzusetzen ist, die digitale Transformation, die als Schlagwort durch die öffentlichen Debatten wabert. „Die ganze Diskussion darüber ist viel zu angstbesetzt“, findet Mrozek. „Wir wollen zeigen, wie viel Spaß Programmieren machen kann.“ Ausdrücklich richtet sich Codino deshalb an Neugierige ohne Vorbildung. „Zu denen sagen wir: ‚Geh doch mal in die digitale Welt. Schau sie dir an. Die Chancen, die sie bereithält, sind unglaublich.‘“
Codino soll eine Tür öffnen in diese Welt. Neben Kabeln, Widerständen und Lämpchen enthält die Start-Box auch einen Bewegungs- und einen Temperatursensor, ein Display und sogar einen Mini-Lautsprecher. Und das Herzstück: einen Mikro-Controller. Alles sorgfältig vorgelötet und idiotensicher farblich markiert. Nach 15 Minuten leuchtet die erste LED, so verspricht es das Codino-Konzept. Nach 15 Stunden soll der Nutzer in der Lage sein, das Keyboard zu programmieren. Ohne vorher entmutigt die Lust zu verlieren.
Bei den unzähligen Büchern, Videos und Computer-Programmen, mit denen man sich Programmiersprachen beibringen kann, fehlte Mrozek und Hillekamps stets der spielerische Aspekt – und die Antwort auf die Frage, was man denn nun damit anfängt, wenn man programmieren kann. „Wir wollten den Code auch wieder vom Bildschirm in die echte Welt holen“, sagt Hillekamps. „Man soll sehen, was passiert.“ Dafür ist, abgesehen von einem Computer mit USB-Anschluss und einem Internetzugang, kein weiteres Equipment nötig. „Man kann sofort loslegen und muss nicht erst die Anschlüsse zusammenlöten, wie bei einigen Bausätzen, die man im Internet bestellen kann“, erklärt Mrozek. „Wer hat schon einen Lötkolben zu Hause?“
Er und Hillekamps haben Codino 2016 gegründet. Derzeit betreiben sie das Start-up noch nebenbei, hauptberuflich arbeiten beide als Projektmanager bei einem großen Technologie-Unternehmen. Sie sind Weekend Warriors, Wochenend-Krieger, so nennt Mrozek das. Gemeinsam sind die Freunde durch die Hochs und Tiefs gegangen, die jeder Gründer kennt. Ungezählte Sonnabende und Sonntage haben sie in der Küche über Konzept, Entwürfen und Finanzierungsplänen gebrütet, haben getüftelt, entwickelt, ausprobiert, verworfen. Die Mühe hat sich gelohnt: Im August 2017 hat Codino den Gründerpreis des Bundesverbands Digitale Wirtschaft gewonnen.
Programmieren bald so essentiell wie lesen und schreiben
Der berufliche Background habe geholfen, sagen Mrozek und Hillekamps. Die technischen Fähigkeiten mussten sich die Wirtschaftswissenschaftler trotzdem selbst beibringen. „Das meiste war Learning by Doing“, sagen sie. Wohl auch deshalb fiel es ihnen nicht schwer, die Perspektive ihrer potenziellen Kunden einzunehmen.
Um zu verstehen, was genau diese wollen, war Feldforschung gefragt. „Wir sind zum Beispiel zu einer Pokemon-Go-Spielstation gegangen und haben die Jugendlichen dort nach ihren Wünschen gefragt“, erzählt Hillekamps. „Die große Mehrheit hat gesagt: ‚Programmieren lernen, das fände ich super.‘“ Dass die meisten Codino-Nutzer zwischen 14 und 20 Jahre alt sind, ist kein Zufall. Sie gehören zu einer Generation, die ganz selbstverständlich mit den Möglichkeiten der Digitalisierung aufwächst. Und die damit viel angstfreier umgeht, als der Durchschnittsarbeitnehmer, der im Betrieb auf einmal die sogenannte digitale Transformation umsetzen soll.
Doch sie sind längst nicht die einzige Zielgruppe. Der älteste Codino-Kunde ist 74. „Wir merken, dass der Bedarf unglaublich groß ist“, sagt Mrozek. „Es wenden sich auch sehr viele Eltern an uns – es wächst die Erkenntnis, dass Programmier-Fähigkeiten immer wichtiger werden. Bald werden sie so essenziell sein wie lesen und schreiben zu können.“ Zum Software-Ingenieur muss trotzdem auch in Zukunft nicht jeder werden. „Das ist wie beim Sport: Es muss nicht jeder Weltmeister im 100-Meter-Lauf sein. Aber es wäre ja nicht schlecht, wenn jeder grundsätzlich in der Lage ist, 100 Meter zu laufen. Auch bei Codino geht es um ganz grundlegende Fähigkeiten. Und vor allem um den Spaß daran.“
Damit das Erfolgserlebnis garantiert ist, bauen die Projekte inhaltlich aufeinander auf. Für das erste braucht man den Controller, ein Steckbrett, zwei Kabel, einen Widerstand und eine grüne LED-Leuchte – und die entsprechende Software, die man sich über die Codino-Website herunterladen kann. Bevor es losgeht, müssen Kabel, Lämpchen und Widerstand miteinander und mit dem Computer verbunden werden. Erst nach dem Stecken der Bauteile, das sich zum Glück mehr nach Basteln an der Elektro-Eisenbahn als nach Lern-Programm anfühlt, kann das Programmieren beginnen.
Fast übertrieben detailliert führt die beiliegende Broschüre durch die einzelnen Schritte, Abbildungen der Bauteile und unterschiedlich farbig markierte Erläuterungen zum Programmieren des Codes machen die Anleitung auch für Anfänger verständlich – dabei erklären Mrozek und Hillekamps etwa, dass ein Code im Grunde genommen nichts anderes ist, als eine Reihe von Befehlen, die dem Computer sagen, was zu tun ist. Bei jedem Projekt wird ein neues Bauteil oder eine neue Code-Zeile eingefügt. Was eine If-Schleife ist und wofür das Kürzel „Int“ steht, lernen dabei auch alle, deren Informatik-Kenntnisse sich bisher auf die Verwendung von Smartphone-Apps beschränkten.
Menschen und Maschinen
Und netterweise fehlt in der akribischen Anleitung, in die die beiden Gründer „mit Abstand am meisten Zeit“ gesteckt haben, auch ein fast liebevoller Hinweis nicht: „Denk immer daran, dass Du nichts kaputt machen kannst“, heißt es da. „Wir wollen ein tieferes Verständnis dafür entwickeln, was eigentlich die Geräte ausmacht, die wir den ganzen Tag über ständig in die Hand nehmen“, sagt Hillekamps. „Man könnte auch sagen: Wir wollen Mensch und Maschine einander näherbringen.“
Ob die Beschäftigung mit Codino die persönliche Bindung zum Handy nun stärkt oder nicht: Sie macht erstaunlich viel Spaß. Es ist, als gehörte man mit einem Mal dazu, zu der eingeschworenen Gruppe der Programmierer, in den Kellern und Garagen, Büros und Labors auf der ganzen Welt. Und das ist nur ein ganz klein bisschen übertrieben. Denn nach einer knappen Viertelstunde ist es soweit: Die grüne LED leuchtet. Selbst programmiert. Wer hätte gedacht, dass ein kleines Lämpchen so ein Glücksgefühl auslösen kann?
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de