Columbine-Massaker

Ein Amoklauf und seine Folgen

15 Jahre nach dem Massaker an der Columbine High School blickt der Vater eines Opfers auf sein zerstörtes Leben.

Damir Fras
7 Min
Bild einer Überwachungskamera in der Schul-Cafeteria.

Bild einer Überwachungskamera in der Schul-Cafeteria.

© Reuters Lizenz

Der hagere, schlecht rasierte Mann steht vor einer Marmorplatte, die er mit einem gelben Besen vom Schnee befreit hat. Curnow holt tief Luft, als habe ihn das Fegen sehr angestrengt. Dann presst er die Worte hervor: „Das erinnert an Steven, meinen Sohn. Er war der Jüngste unter allen Opfern des Massakers von Columbine.“ Am Horizont leuchten die Rocky Mountains im Sonnenlicht. Und Curnow ist den Tränen nahe.

Ende einer Illusion

Am 20. April 1999 betreten der 18-jährige Eric Harris und sein 17 Jahre alter Freund Dylan Klebold die Columbine High School in Littleton im US-Bundesstaat Colorado. Sie schießen wahllos in die Menge. Zwölf Schüler und ein Lehrer sterben. Harris und Klebold verletzten 24 Mitschüler, bevor sie sich in der Bibliothek der Schule selbst töten.

Auch Steven Curnow wird später tot in der Bibliothek gefunden, auch er wurde erschossen. „Wahrscheinlich wollte er seinen Mitschülern helfen“, sagt sein Vater Bob und unterbricht für einen Moment die Arbeit an den Marmorplatten, die in einem Gedenkpark hinter der Schule an die Opfer erinnern. „Ich kann das nicht beweisen, aber so war Steven. Immer hilfsbereit. Er dachte immer an die anderen.“ Steven Curnow wurde nur 14 Jahre alt. Er war ein Freshman. So nennt man die Schüler der neunten Klasse an amerikanischen High Schools.

Auf der Marmortafel steht eine Geschichte. Als Steven zehn Jahre ist, fliegt er zum ersten Mal in einem Flugzeug. Die Maschine ist auf dem Weg nach England. Sie gerät in heftige Turbulenzen. Der Rest der Familie ist mächtig beeindruckt, nur Steven ruft am Ende aus: „Wow! Das war cool! Können wir das nochmal machen?“ Steven träumt davon, Marineflieger zu werden.

Bob Curnow muss schlucken, als er an die Geschichte erinnert wird. Das Massaker von Columbine, eines der schlimmsten in der langen Geschichte von Amokläufen in den USA, hat sein Leben verändert. Der heute 64 Jahre alte Mann sagt mit einem Unterton von Galgenhumor: „Lassen Sie es mich so sagen: Mein Leben hat sich nicht ganz so entwickelt, wie ich gedacht hatte.“

Curnows Ehe war ohnehin schon belastet. Sie geht nach dem Amoklauf vollends in die Brüche. Der Landvermesser verliert seinen Job, will nicht mehr den Fußballnachwuchs von Littleton trainieren. Jahrelang ist er damit beschäftigt, das Denkmal für seinen Sohn und die anderen Toten von Columbine zu planen. Er besucht die Eltern der Mörder und sagt ihnen: „Ihr habt keine Schuld.“


Von den beiden Tätern Eric Harris (18) und Dylan Klebold (17) heißt es, sie seien gute und unauffällige Schüler der Columbine High School gewesen. Sie stammten aus recht wohlhabenden Familien und sogenannten geordneten Verhältnissen. Trotzdem galten sie als Außenseiter. Die Tat planten sie laut Ermittlungen über mehrere Monate.

Die Gründe für die Tat gelten bis heute als unklar. Offenbar wurden Harris und Klebold gemobbt. Vielfach wurde deshalb spekuliert, dass sie aus Rache handelten. Am 20. April 1999 erschossen sie zwölf Schüler zwischen 14 und 18 Jahren und einen Lehrer und verletzten 24 Menschen. Danach richteten sie die Waffen gegen sich selbst.


Heute ist Curnow ein gebrochener Mann. Er sagt, seine Freunde seien es über die Jahre leid geworden, immer nur dieselben Geschichten von ihm zu hören. Er hört nicht gut, und er zieht das Bein nach: „Ich habe Diabetes.“ Geld für eine anständige Behandlung habe er nicht, sagt Curnow.

An diesem eiskalten Wintertag, an dem ein scharfer Wind über die Ebenen von Colorado streicht, fegt Curnow wie jeden Tag gedankenverloren den Schnee von den Marmorplatten, rückt sich ab und an die blaue Baseball-Mütze mit dem Harley-Symbol auf dem Kopf zurecht und sagt: „Steven wird für mich immer 14 Jahre alt sein.“ Dann hält er inne und schickt den Satz hinter: „Es ist irgendwie verrückt, dass ich den Namen meines Sohnes googeln kann.“ Seine Augen verbirgt Curnow hinter einer großen, schwarzen Sonnenbrille.

Das Massaker von Columbine hat sich in das kollektive Gedächtnis der Amerikaner eingegraben. Jeder neue Amoklauf bringt die Erinnerung an den Amoklauf von 1999 hervor, den der Filmemacher Michael Moore in seiner satirischen Dokumentation „Bowling for Columbine“ verewigt hat.

Als im Sommer 2012 ein junger Student zwölf Menschen in einem Kinosaal in Aurora tötet, das nur eine halbe Stunde Autofahrt von Littleton entfernt ist, ist von Columbine die Rede. Als im Dezember desselben Jahres 20 Schulkinder und sechs Erwachsene in Newton in Neuengland im Kugelhagel aus dem Schnellfeuergewehr von Adam Lanza sterben, wird der Vergleich zu Columbine gezogen. Als dann schließlich vor ein paar Woche die Schüsse im Nachbarstädtchen Centennial fallen, wird Curnow, so sehr er sich auch dagegen wehrt, wieder an den Tod seines Sohnes erinnert. „In solchen Momenten erlebe ich den 20. April 1999 immer wieder aufs Neue, jedes Detail.“

Columbine ist das Ende der Illusion, dass solche Verbrechen nur in den Dschungeln der Großstädte geschehen. Inzwischen werden nahezu zweimal pro Woche Schießereien an amerikanischen Schulen gemeldet, zwölf sind es schon in diesem Jahr. Aber Columbine markiert auch den Beginn eines beispiellosen Alarmzustandes, der seit fast 15 Jahren herrscht.

Auf dem Parkplatz hinter der Columbine High School steht an diesem Tag der Polizeibeamte J. W. Taylor. Er ist ein kräftiger Mann, der bei der Armee gedient und vor vielen Jahren einen Deutschkurs in Garmisch-Partenkirchen absolviert hat. Viel ist ihm davon nicht im Gedächtnis geblieben, aber für solche Erinnerungen hat er gerade auch gar keine Zeit. Denn es ist wieder einmal Alarm in Littleton.

Ein anonymer Anrufer „mit ausländischem Akzent“ habe vor einer halben Stunde am Telefon gedroht, er werde mit einem Schnellfeuergewehr zur Schule kommen und schießen, sagt Taylor. Die Schüler müssen im Gebäude bleiben. Taylor muss auf dem Parkplatz Wache halten und dafür sorgen, dass sich niemand der Schule nähert, der dazu nicht berechtigt ist. Er gibt Personalien von Passanten an die Zentrale weiter, schaut in Autos nach, ob dort etwa Waffen verborgen sind.

Den Kampf aufgegeben

Taylor sagt, so ein Alarm komme rund um die Columbine High School alle paar Tage vor: „In der Schule meiner Tochter passiert das zweimal im Monat.“ In der Regel passiert nichts und der Alarm wird nach kurzer Zeit wieder aufgehoben. An diesem eisigen Wintertag ist es schließlich nach kurzer Zeit auch so. Aber man könne ja nie wissen, sagt Polizist Taylor, der schon wieder in sein Funkgerät flüstert und die Lage durchgibt. Nichts Neues auf der rückwärtigen Seite der Columbine High School. Taylor fährt im Streifenwagen davon und weiß, dass er wahrscheinlich schon bald wieder auf dem zugigen Parkplatz stehen muss.

Bob Curnow hat von dem Alarm nichts mitbekommen. Die Gedenkstätte für die Opfer von Columbine ist durch einen Hügel vom Schulgelände getrennt. Curnow hat inzwischen die meisten Marmortafeln vom Schnee befreit und macht eine Pause. Er sagt, es gebe ja Leute, die glaubten, mit strengeren Waffengesetzen ließen sich Massaker vermeiden. „Ich glaube das nicht. Waffenkontrolle, das ist doch wie die Prohibition. Die Leute wollten trinken, also haben sie einen Weg gefunden.“ Das klingt resigniert. Curnow wirkt auch tatsächlich so, als habe er den Kampf aufgegeben. Er ist nach dem Tod seines Sohnes kein Aktivist geworden. Er trauert still. Er sagt: „Die Leute haben sich doch schon immer umgebracht.“

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