Computerspiele

Ohne starke Frauen geht nichts mehr

Die Entwickler von Computerspielen lernen dazu. Starke Frauen sind angesagt.

Thomas Lindemann
5 Min
In immer mehr Computerspielen, wie beispielsweise Horizon Zero Dawn, haben Frauen die Hauptrolle

In immer mehr Computerspielen, wie beispielsweise Horizon Zero Dawn, haben Frauen die Hauptrolle

© Guerrilla Games

Sie ist stark, sie überlebt auch im ewigen Eis. Und die Banuk, ein sehr stolzer Stamm aus dem hohen Norden, brauchen sie. Ohne die Frau werden sie niemals gegen die robotischen Tierwesen bestehen, die aus den Bergen angreifen. Das neue Spiel „Horizon Zero Dawn: The Frozen Wilds“ hat ein bestechendes Setting, in dem es die Idee von „Terminator“ weiterdenkt: Irgendwann im 21. Jahrhundert haben die Roboter sich gegen ihre Schöpfer gerichtet und die Menschheit fast vollständig vernichtet. Tausend Jahre später kämpfen die letzten Versprengten gegen die Übermacht der Maschinen.

Meisterin mit Pfeil und Bogen

Das Interessanteste aber ist, man steuert in diesem Spiel eine Frau. Die Kriegerin Aloy ist eine Meisterin mit Pfeil und Bogen. Sie erlegt selbst riesige, metallisch gepanzerte Roboter-Saurier. In den vielen Gesprächen, die in diesem Game zu führen sind, kann sie aber auch Mitgefühl zeigen. Der erste Teil von „Horizon Zero Dawn“ erschien schon im Sommer und wurde ein Riesenerfolg. Das ist erstaunlich für eine ganz neue Art von Spiel.

Wenn nun also eine Aloy auf Xbox und Playstation die Welt rettet und die Ruinen der menschlichen Zivilisation durchstreift, ist sie nur die nächste in einer Reihe von Frauen, die plötzlich die Hauptrolle in Videospielen bekommen. Die beiden Abenteuerinnen Chloe und Nadine waren im Sommer die Heldinnen von „Uncharted: The Lost Legacy“. Faith kämpfte im Untergrund von „Mirrors Edge Catalyst“, Emily musste eine Verschwörung aufdecken in „Dishonoured 2“. Um nur einige der ganz großen Produktionen der letzten Zeit zu nennen.

Frauen in Computerspielen waren bisher entweder leicht bekleidet oder hysterisch

Frauen im Computerspiel, das war davor keine sonderlich glorreiche Geschichte. Die kanadische Forscherin Anita Sarkeesian untersucht seit Jahren Frauenbilder in Games – und stellte ihre Ergebnisse lange auf dem Videoblog „Feminist Frequency“ vor. Sie fand im wesentlichen nur leicht bekleidete oder aber hysterische Frauen, die von Männern gerettet werden mussten. Obwohl ihre Analyse offensichtlich ein peinliches Licht auf die Videospielindustrie wirft, wurde Sarkeesian im Jahr 2013 Opfer einer Hasskampagne bis hin zu anonymen Morddrohungen. Offenbar war der durchschnittliche Videospieler immer noch ein Kerl, der sich in seiner Männlichkeit schnell gekränkt fühlt und dann respektlos austeilt.

Erst jetzt ändert sich das ein wenig – zumindest in den Spielen. Das großartigste Beispiel, dessen Wirkung jetzt noch gar nicht absehbar ist, ist das Drama „Life is Strange“. Es ist eigentlich eine Serie, deren zweite Staffel unlängst erschienen ist. Darin spielt man die Sorgen und Nöte eines Mädchens im Teenageralter durch. Kaum Action, keine Pistolenschüsse. Man spielt die 16-jährige Chloe, die sich in der Kleinstadt allein fühlt und sich mit der deutlich erwachsener wirkenden Rachel anfreundet. Dann geht es um elementare Fragen. Entdeckt sie eine lesbische Seite in sich? Oder, wie verhält man sich einer Freundin gegenüber, die man auch verehrt? Am Anfang etwa muss der Spieler oder die Spielerin sich einfach nur am Türsteher vorbeimogeln, um ein Konzert erleben zu können. Ist man einmal drin, wird es eine Rangelei mit zwei betrunkenen Männern geben. Wieder muss man sich entscheiden: Kleinbeigeben? Oder kämpfen?


Spiele

Drei der wichtigsten Spiele, in denen Frauen eine tragende Rolle spielen:

„Horizon Zero Dawn“ mit der neuenn Erweiterung „The Frozen Wilds“, Sony, Playstation Store, 69,99 Euro.

„Life is Strange“, Square Enix, für alle Plattforme, 15 Euro.

„Assassin’s Creed Origins“, Ubisoft, PS4 und Xbox One, Preis: ab 44,95 Euro.


Es geht also um Alltagsleben und um psychologische Nöte. Das begann – jedenfalls bei den Mainstream-Spielen – überhaupt erst mit den nachdenklichen Geschichten des Franzosen David Cage, zuletzt hatte er in „Beyond: Two Souls“ das Psychogramm einer Person gezeichnet, die übernatürliche Kräfte an sich entdeckt und mit einem Geist kommuniziert – verkleidet in diesem Thriller war aber eine Coming-of-Age-Geschichte, das Erwachsenwerden unter erschwerten Umständen sozusagen. Und in ihrem Zentrum stand, auch da, eine junge Frau.

In dieser Saison nun scheint es so, als ob in jedes Spiel eine starke Frauenfigur gehört. Selbst da, wo man diese nicht steuert. Im neuen Teil der erfolgreichen Reihe „Assassin’s Creed“ (der neue Teil heißt „Origins“) trifft man mehrmals auf Kleopatra und muss eine Intrige um ihren Thron auflösen – gleich das erste Zusammentreffen zeigt die ägyptische Kaiserin bei einer Art Orgie, man kann durchaus den Eindruck bekommen: als mächtiges Partygirl. So regen Spiele derzeit auch zum Nachdenken an, wie genau eine starke und moderne Frauenfigur wohl aussehen mag.

Früher hagelte es Häme

Der neue Trend wird erstaunlich gut angenommen. Noch vor zwei Jahren, als bei den „Fifa“-Spielen von Electronic Arts auch Frauenfußball eingeführt wurde, hagelte es hämische Kommentare im Netz. Zurzeit werden Frauenfiguren in Spielen recht gut akzeptiert. „Horizon Zero Dawn“ ist die erfolgreichste Einführung eines neuen Spiels auf der PS4, ließ Sony verkünden. In den ersten zwei Wochen seien 2,6 Millionen Spiele verkauft worden. Das ist durchaus erstaunlich in einer Games-Welt, die von den immer neuen Fortsetzungen erfolgreicher Reihen dominiert wird.
Auch die Medienkritikerin Anita Saarkeesian ist mit dem Wandel der Spielebranche durchaus zufrieden. „Es ist erfreulich, die Veränderungen in dieser Industrie zu sehen“, sagte sie kürzlich dem britischen Guardian und weiter: „Wandel kommt normalerweise nicht so schnell.“ Anita Saarkeesian beschäftigt sich zurzeit eher mit sexistischen Strukturen in anderen Bereichen des Internets.

Thomas Lindemann ist freier Autor mit Schwerpunkt „Computerspiele“ und bei Facebook unter Thomas Lindemann zu finden.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de