In letzter Zeit wird der zeitgenössische Tanz zunehmend von thematischen Wellen erfasst, die irgendwo beginnen, sich auftürmen, um dann nach und nach zu verebben. Vor einigen Jahren zum Beispiel sah man im HAU den Choreografen Xavier le Roy mit einigen Tänzern, die grandios wie faule, müde Löwen rumlagen, wenige Schritten taten, sich wieder fallen ließen. Kurz danach begegneten einem in der Kunst auf einmal überall Tiere. Höhepunkt war sicher die documenta in Kassel und dann wieder das HAU, das zur neuen Eröffnung unter der Leitung von Annemie van Ackere die ganze Stadt mit Tierbildern plakatierte (und dafür einen Preis gewann). Im Moment hat man, zumindest wenn man in das Zentrum des zeitgenössischen Tanzes in Berlin fährt, in die Weddinger Uferstudios, mit dem Raum zu tun. Mit Raumauflösungen, Verschiebungen, mit bloßem Dasein.
Zum ersten Mal begegnet ist einem dies (obwohl es sicher schon eine Weile geht), im vergangenen Dezember in dem Stück „What moves moves“ von Christina Ciupke und Boris Hauf. In der Mitte einer dunklen Halle stand eine kleine Hütte, in der sich offenbar jemand befand. Man konnte es hören, aber durch die schmalen Ritzen nichts sehen. Ab und fiel ein Lichtstrahl hier oder dorthin. Man war dabei, lief herum, hat sich zwischendurch zu Tode gelangweilt und ist aber am Ende unerklärlich beglückt gegangen. Zwischendurch sind Christina Ciupke und Boris Hauf aus ihrem Häuschen heraus und wieder hinein gegangen. Es war Licht und Klang und das bloße Dasein. Es hat sich bewegt, was sich bewegt hat, und man hatte teil daran.
Anfang Februar dann, im „K-Projekt“ der Compagnie Wilhelm Groener stand auf einmal schon wieder der Raum im Mittelpunkt. Die halb geöffnete Türe, Licht, das darauf fällt, der Tänzer der sich zu dem Setting arrangiert und einen in einen Strudel absurder Raumabstürze zieht.
Und jetzt An Kaler, die eigentlich in ihren Stücken vor allem mit Beziehungen, oder vielmehr mit Nicht-Beziehung arbeitet. Mit Körpern und Gelenken, die sich nach außen oder innen drehen, die Kontakt aufnehmen ohne Berührung meist, fremd, autistisch. In „Contengencies“, ihrer neuesten Arbeit, die jetzt in den Uferstudios zu sehen ist, scheinen all die Drehungen und Verzerrungen vor allem unsichtbare Linien in den Raum zu ziehen. Linien, die so etwas wie Ströme und Wirbel erzeugen, denen die Körper auf die oder andere Weise folgen. Was wiederum Neu-Postionierungen auch der anderen von insgesamt fünf Tänzern zur Folge hat. Es ist ein Warten und Abwarten und Dasein. Es ist ein sehr konzentriertes, aber nach außen auch sehr ereignisloses Stück. Dicht für die ersten 15 Minuten, aber anders als etwa Ciupke und Hauf gelingt Kaler nicht der Sprung in die andere Dimension. Und so gleichförmig wie alles bleibt im Umgang mit Licht, Raum und Körper ist man am Ende dann doch sehr ermüdet.
Wieder am 23. Feb., 19 Uhr, T.: 20059270
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de