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Wenn im Haushalt ein Wasserschaden auftritt, ruft man nicht den Elektriker, und wenn der Strom ausfällt, nicht den Installateur. Auch lässt man sich nicht vom Arzt das Wetter vorhersagen. Aber warum holt die Politik Physiker, wenn die Bevölkerung krank wird? Wer also, so die Grundfrage, ist Experte für welchen Sachbereich? Und warum?
Physik und Mathematik haben Exzellenz im Erkennen von Mustern im Meer der Daten, und eminente Expertise, Regelhaftigkeiten von Zufallsschwankungen zu unterscheiden und formale Modelle zu konstruieren. Diese Kompetenz verführt zu dem Glauben, dass Daten und Gleichungen auch die Gesundheitszustände erlebender Lebewesen, wie es Menschen sind, zutreffend beschreiben und verstehen lassen. Daher wurde, neben der Laborvirologie, beiden Disziplinen bei der Sars-CoV-2-Pandemie die Fähigkeit zugeordnet, der Bevölkerung die Infektionsdiagnose zu stellen. Einige medial präsentierte Akteure dieser nicht-medizinischen Fächer machten sogar Prognosen darüber, wie furchtbar sich der kollektive Gesundheitszustand weiterentwickelt, wenn man nicht ihre Therapievorschläge einhält. Dem schlossen sich sogar einige renommierte, aber offensichtlich medizinunkundige Soziologen öffentlich an.
Impfungen spielten eine Schlüsselrolle im weltweiten Kampf gegen die Corona-Pandemie.
© Sebastian Wells/OSTKREUZ
Allerdings stellte sich bereits bei den Infektionszahlen, den „Daten“, die zentrale Frage, woher sie stammen, wofür sie stehen und wie sie erhoben worden sind, mit welcher Technik und Qualität, mit welcher Begründung, bei welchen Menschen und so weiter. Trotz derartiger Zweifel an der Belastbarkeit der Daten, die vor allem die Medizin beantworten kann, verlautete aus diesem Expertenkreis immer wieder, dass man noch mehr Daten brauche, denn dann wisse und verstehe man auch mehr. Was aber heißt „wissen“ und „verstehen“? Jetzt wird es theoretisch!
Was heißt „wissen“ und „verstehen“?
Unser Wissen vom Wetter basiert auf Wettermodellen der Physik, die auf soliden Gleichungen zur Thermodynamik der Atmosphäre aufgebaut sind und mit einer Vielzahl von meteorologischen Daten konkretisiert werden. Die Modelle können auch Wetteränderungen vorhersagen.
Derartige „mechanistische“ Modelle fehlen allerdings für Epidemien, man hat sie noch nicht gut „verstanden“: Verläufe können zwar mathematisch gut beschrieben, aber nicht schlüssig „erklärt“ werden, und somit sind auch Veränderungsprognosen kaum möglich. So wurden zur Beschreibung der Pandemie-Dynamik vor allem die sogenannten SIR-Modelle verwendet, welche die Übergangsraten von Infizierbaren (Suszeptiblen) zu Infizierten und zu Gesundeten (Recovered) formal und quantitativ abbilden. Diese Beschreibungsmodelle sind datengetrieben, aber eignen sich mangels Fachtheorien nicht gut für inhaltliche Erklärungen oder gar Prognosen.
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Was Erklärungsmodelle angeht, bezog man sich implizit auf das einfachste Stimulus-Reaktions-Modell (S-R-Modell): „Sars-CoV-2 verursacht Covid-19.“ Insofern aus dieser deterministischen Sicht das Virus für die Erkrankung notwendig ist, muss es daran gehindert werden, die Menschen zu befallen, was durch sattsam bekannte Kontaktreduktionen beabsichtigt wurde, jedoch zu psychosozialen Kollateralproblemen geführt hat. Im Frühjahr 2020 zeigte sich allerdings bereits, dass nicht alle Infizierten krank wurden, und daher das Virus nicht hinreichend für eine Erkrankung ist. Für Mediziner nicht verwunderlich, beeinflusst nämlich die individuelle Vulnerabilität der betreffenden Personen, etwa eine Abwehrschwäche, das Erkrankungsrisiko. Deshalb muss das S-R-Modell durch den Organismus als individuelle Variable erweitert werden, und so ergibt sich das S-O-R-Modell, das das Weltbild der Physik überschreitet.
Nun sind auch Merkmale der physischen Umwelt für das Auftreten des jeweiligen Pathogens relevant (Temperatur, Luftfeuchtigkeit) und darüber hinaus spielt die soziale Umwelt der Person eine wichtige Rolle: enge Wohnverhältnisse, wie sie für ärmere Bevölkerungsgruppen typisch sind, steigern das Ansteckungsrisiko. Also muss auch das S-O-R-Modell um den Faktor Umwelt erweitert werden, sodass in Hinblick auf die Reaktion R ein dreieckförmig zu denkendes Ursachenmodell in Form eines U-S-O-R-Modells entsteht. Dieses Modell gilt in der Infektionsepidemiologie als Standard. In diesem Modell bedarf noch das Konstrukt Organismus einer differenzierten Ausweitung zur Kollektivkategorie Bevölkerung. Aber auch die soziale Umwelt muss genauer definiert werden.
Leere Ampullen des Corona-Impfstoffes von Biontech und Pfizer, aufgenommen im Impfzentrum in Schönefeld im Januar 2021.
© Florian Gaertner/photothek.de/Imago
Die fachliche Zuständigkeit für die Erforschung von Bevölkerung und Gesellschaft als soziale Umwelt liegt bei den Sozialwissenschaften, insbesondere bei der Soziologie. Zum Thema Gesundheit (bzw. Krankheit) der Bevölkerung gibt es an medizinischen Fakultäten das Fach Medizinsoziologie (bzw. Epidemiologie). Diese Fächer nutzen methodisch die empirische Sozialforschung, welche die Bevölkerung grundlegend, aber statisch nach Alter, Geschlecht, Berufsstand, Bildungsstand, Familienstand und dergleichen gruppiert. Die reale Bevölkerung ist allerdings ein räumlich verteiltes, geschichtetes und fluktuierendes Zueinander von erlebenden, zielgerichtet handelnden Lebewesen. Dieses Handeln der Menschen ist vom Kultursystem und Milieus prägt, als Gefüge des Wissens, des Glaubens, der Werte und Normen. Kultur manifestiert sich so auch als Lebensstil, gemessen durch Tabakkonsum, Alkoholkonsum, Ernährungsform und so weiter.
Über Bevölkerungsgesundheit lernen Physiker und Mathematiker in ihrer Ausbildung kaum etwas
Im Gegensatz zu diesem differenzierten Bild haben die sozialphysikalischen Modellierer die Bevölkerung eher als eine Art Ansammlung von Billardkugeln in Boxen oder als Agenten in Planquadraten konzipiert, deren Verhalten sich nach einfachen physikalischen Variablen (Kontaktintensität, Bewegungsprofile) und Algorithmen beschreiben und verstehen lässt. Darauf aufbauend kollektive Hygienemaßnahmen anzuordnen, kann daher nur das Ziel verfehlen! Denn über Bevölkerungsgesundheit lernen Physiker und Mathematiker in ihrer Ausbildung kaum etwas. Warum sollten sie auch, wenn dies Aufgabe der Medizin ist?
Medizin-Studierende müssen über mehrere Jahre hindurch am Krankenbett ihr diagnostisches und therapeutisches Wissen zu verschiedensten Krankheiten aufbauen, assistiert durch sachdienliches Grundwissen aus (medizinischer) Physik, Chemie, (Mikro-)Biologie, Anatomie, Physiologie, Psychologie, Soziologie und Statistik, und daraus abgeleitet Radiologie und Pharmakologie. Darüber hinaus müssen sie Epidemiologie, Hygiene, Sozial- und Arbeitsmedizin lernen, um hier wenigstens einige wichtige Fächer anzuführen. Dieser Fächerkanon hilft beim Verstehen des Zentralfachs Pathologie, das wiederum die Grundlage für ein umfassendes und solides klinisches Wissen liefert.
Es ist daher sachdienlich, sich bei Infektionskrankheiten hauptsächlich bei der Infektionsmedizin, gestützt von Pathologie (Immunpathologie), Mikrobiologie (Virologie), Epidemiologie und der Hygiene Rat zu holen und nicht bei Modellierern. Allerdings hat die stark spezialisierte Medizin, die einen naturwissenschaftlichen Spin hat, selbst Schwachstellen, und zwar nicht nur im sozialwissenschaftlichen Bereich, sondern – wie alle Kranken wissen – auch was praktische und theoretische Brücken zwischen den Fächern betrifft.
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Für ein sachgerechtes Erkennen und Handeln bei kollektiven Gesundheitskrisen sind in der Medizin naturwissenschaftliche, geisteswissenschaftliche und sozialwissenschaftliche Methoden und Wissensbestände vorhanden, die allerdings einer umfassenden interdisziplinären Wissensintegration bedürfen. Bei solchen Synopsen sind nicht nur verschiedene Fachperspektiven, sondern von vorneherein auch Problembetroffene zu berücksichtigen: die Erkrankten (beziehungsweise Infizierten), deren Angehörige und selbstverständlich die in der Versorgung Tätigen, nämlich die Heilberufe. Diese Form des problembezogenen Analysierens und Handelns, nennt man in den Umweltwissenschaften „Transdisziplinarität“. Mit dieser breiten Sicht hätte man bereits im Sommer 2020 über Post-Covid und Long-Covid mehr gewusst, weil man der Stimme der Betroffenen intensiver zugehört hätte.
Hätte man mit „Transdisziplinarität“ bereits im Sommer 2020 über Post-Covid und Long-Covid mehr gewusst?
© Westend61/imago
Für eine darauf aufbauende theoretische, aber praxisrelevante Wissensintegration ist die Systemwissenschaft hilfreich, denn sie bietet zwei wichtige Verständnisoptionen:
Einerseits weil es sich bei einer Epi-/Pandemie um Störungen eines vielschichtigen, dynamischen Sozialsystemkomplexes handelt, der aus einem Gefüge von Gruppen interagierender Personen besteht, die ihre gruppeninternen Beziehungen und jene zu ihrer (sozialen) Umwelt auf dynamische psychosoziale Gleichgewichte hin ausrichten, etwa durch Ausgrenzung der irritierenden „Ungeimpften“.
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Andererseits ermöglicht das systemische Denken zugleich, das Krisen-Management in einem die Wissenschaft übergreifenden Regelkreis abzubilden, bei dem die Wissenschaft als Sensor, die Gesundheitspolitik als Regler, der Staat als Operator und die Bevölkerung als – auch in Krisen demokratisch – zu regulierendes System modelliert werden kann: Politische Regulation und Selbstorganisation der Epi-/Pandemie überlagern sich und bestimmten den Outcome für die öffentliche Gesundheit (Public Health).
Für zukünftige Gesundheitskrisen ist daher eine Expertise gefragt, die grundlegend von fachlich zuständigen Medizinern gestellt wird, koordiniert mit einem breiten Fächerkanon, den das „Haus der Medizin“ im Prinzip bereitstellt, aber mit gleichzeitiger Einbeziehung der Psychologie und Soziologie. Grundlegend erscheint für alle Beteiligten die Kompetenz im Systemdenken, also dem Denken in fachübergreifenden Wirkungszusammenhängen, auf allen Ebenen einer daraus resultierenden Modellierung nützlich zu sein.
Letztlich: Die Einbindung von Fachphilosophen zu Fragen der Qualität der Erkenntnisse (Wissenschaftsphilosophie) wie auch der philosophischen Ethik zur Frage der Selbstbegrenzung und Verantwortung der Wissenschaften erscheint in diesem Rahmen immer wieder sinnvoll zu sein. Auch hierzu gibt es übrigens Lehrstühle in medizinischen Fakultäten.
Prof. Dr. med., Dr. rer. pol. Dr. phil. Felix Tretter ist ehemaliger Klinikleiter, Nervenarzt, Suchtmediziner, Systemforscher und Vizepräsident des Bertalanffy Centers for the Study of Systems Science (Wien) sowie Past-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Humanökologie (Berlin/Augsburg). Sein Buch „Wissensgesellschaft im Krisenstress. Corona & Co.“ erschien 2022 im Verlag Pabst, Lengerich.
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