Kommentar zu Crispr-Babys

Eine ethische Debatte ist dringend notwendig

Ein chinesischer Forscher hat die Geburt von genmanipulierten Babys verkündet.

Torsten Harmsen
4 Min
Ein Schritt des CRISPR/Cas9-Verfahrens ist in einem Labor am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in vielfacher Vergrößerung auf einem Monitor zu sehen.

Ein Schritt des CRISPR/Cas9-Verfahrens ist in einem Labor am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in vielfacher Vergrößerung auf einem Monitor zu sehen.

© Gregor Fischer/dpa

Man sollte nicht „auf sämtliche Knöpfe drücken, die eine schrankenlose Technik zur Verfügung stellt“, sagt einst der große Loriot in einer Rede vor Berliner Studenten. Anlass, wieder einmal daran zu denken, bot eine Nachricht dieser Woche.

Ein chinesischer Forscher hat die Geburt von Babys verkündet, deren Erbgut er manipuliert habe, um sie immun gegen das HI-Virus zu machen. Bisher gibt es keine unabhängige Bestätigung. Aber wenn es wirklich stimmt, dann wurde hier eine Tür aufgestoßen, die schnellstens wieder geschlossen werden sollte. China hat richtig reagiert, indem es dem Forscher jede weitere Aktivität untersagte. Nun muss eine weltweite ethische Diskussion folgen, die in klare Regeln mündet.

Eingriffe bisher nur in Gene einzelner Individuen

Die gegenwärtige Entwicklung ist zweischneidig. Einerseits bestehen heute medizinisch so gute Chancen wie nie zuvor, über Eingriffe in die Gene schwere Erbkrankheiten zu verhindern, zum Beispiel sogenannte monogen bedingte Leiden wie Mukoviszidose, Sichelzellanämie und Muskeldystrophie. Viele Menschen hoffen auf modernste gentechnische Therapiemethoden. Andererseits muss verhindert werden, dass Forschung im Übereifer irreversible Fakten schafft.

Worum geht es? Bisher greift der Mensch lediglich in die Gene einzelner Individuen ein. So ist es bei der künstlichen Befruchtung bereits möglich, das Erbgut von Embryos zu untersuchen, bevor man diese in die Gebärmutter einpflanzt. Menschen, die unter Erbkrankheiten leiden, können auf diese Weise gesunde Kinder zur Welt bringen.

Auch können Schwangere ihr Ungeborenes auf Krankheiten hin testen lassen – und notfalls die Schwangerschaft abbrechen. In der somatischen Gentherapie fügt man Erkrankten gezielt Gene ein oder schaltet fehlerhafte Gene aus, um das Leiden zu lindern.

Vererbbare Eingriffe ins menschliche Genom

Alle diese Methoden entwickeln sich und sind nicht aufzuhalten. Doch vor einer schrecken Forscher aller Welt noch zurück. Zu Recht. Es handelt sich um die sogenannte Keimbahntherapie, die der chinesische Forscher anwandte. Er zeugte künstlich Embryos, bei denen bereits in den Keimzellen – den Eizellen und Spermien – Gene verändert wurden. Diese pflanzte er in die Gebärmutter ein. Die Genveränderungen betreffen hier nicht mehr nur einzelne Individuen, sondern sie werden alle Nachkommen weitervererbt.

Hier spielt der Mensch wirklich Gott. Er könnte – wenn viele Forscher dem chinesischen Beispiel folgen – die Evolution tatsächlich auf bisher neue Weise beeinflussen: durch vererbbare Eingriffe ins menschliche Genom. Wie schlimm das wäre, kann man noch nicht sagen. Vielleicht gelingt es ja wirklich, punktgenau Gene zu verändern und manche Erbkrankheit zu besiegen. Vielleicht entstehen aber auch Mutationen und neue Krankheiten.

Fehlerquote ist noch hoch

Strikte Verbote der Keimbahn-Forschung an Embryos wie in Deutschland, Österreich und der Schweiz werden sich nicht ewig halten lassen. Denn die moderne Technik, die sogenannte Genschere Crispr-Cas9, ist so einfach zu handhaben und zielgenau, dass sie geradezu einlädt, sie umfassend zu nutzen.

Doch zugleich ist auch die Fehlerquote noch hoch. Gerade deshalb ist jetzt dringend eine breite ethische Debatte notwendig, wie sie gerade in Hongkong durch Teilnehmer eines internationalen Genomforscher-Gipfels gefordert wurde. Vielleicht steht ja am Ende das Ergebnis, dass man lieber ganz die Finger davon lassen sollte, vergleichbar mit dem Verbot des Klonens von Menschen.

Genetische Super-Babys

Es geht dabei auch um die Frage, in welcher Welt wir leben wollen. Stichwort: Designerbaby. In den USA ist die Reproduktionsmedizin schon jetzt ein Milliardenmarkt. Hier kann man sich für Hunderttausende Dollar ein Wunschbaby zusammenbasteln lassen – bisher noch nach einer Vorauswahl genetisch idealer Spender. Die Branche würde sich die Möglichkeit, in die Keimbahn einzugreifen, gewiss nicht entgehen lassen.

Die Zukunftsvision ist, dass sich reiche Menschen genetische Super-Babys kreieren lassen. Eine auch äußerlich erkennbare Elite entsteht, während andere weiter den natürlichen Weg des Kinderzeugens beschreiten, der zunehmend als „riskantes Würfelspiel“ gilt. Die Spaltung der Gesellschaft würde vertieft und genetisch untermauert.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema