Curling in Sotschi

In Opas Namen

John Jahr, der Skip der deutschen Curling-Mannschaft, ist zweifellos eine der schillerndsten Figuren der Olympischen Spiele in Sotschi.

Karin Bühler
5 Min
Verleger-Enkel, Millionär und ältester deutscher Olympia-Teilnehmer in Sotschi: John Jahr, 48.

Verleger-Enkel, Millionär und ältester deutscher Olympia-Teilnehmer in Sotschi: John Jahr, 48.

© REUTERS Lizenz

Bump nennt es sich, wenn beim Curling ein Stein auf den anderen stößt, um ihn aus der Position zu bringen. Es ist ein dumpfer Ton. Er klingt mehr nach Klock als nach Bump in dieser beinahe beschaulichen Olympiahalle mit dem Namen Ice Cube. Es ist Freitagmorgen, kurz vor zehn, und John Jahr, der Skip des deutschen Curlingteams, hat gerade einen Bump versucht. Aber das Team USA liegt immer noch vorn.

Es ist warm in der Halle. Das Eis wird nicht von oben, sondern von unten gekühlt. Deshalb hat John Jahr die Jacke seines Trainingsanzugs ausgezogen und im kurzärmeligen Poloshirt gespielt. Er ist der Kapitän. Er legt die Taktik fest, auch wenn Felix Schulze in jedem Durchgang den letzten Stein spielt. Und wenn Jahr sich abstößt, sich beugt, das volle Körpergewicht auf dem rechten Knie, das linke Bein nach hinten gestreckt, um mit dem Stein in der Hand auf dem Eis dahinzugleiten, sieht das trotz seines winzigen Bauchansatzes elegant aus.

Das Schach auf dem Eis

Nach vier Niederlagen in den ersten vier Spielen will John Jahr mit seinem Hamburger Team jetzt gewinnen. Aber das ist nicht einfach. Curling ist eine Präzisionssportart. Manche nennen sie Schach auf Eis. Im deutschen Team fehlt die Strategie an diesem Morgen. Da nützt es auch nichts, wenn John Jahr mit dem Besenende verärgert auf den türkisblauen Laufsteg klopft. Er sagt: „Da haben wir vier Steine hintereinander einfach verduddelt.“

Er ist ja schon vor Olympia in den Mittelpunkt gerückt. Es war noch keine Partie gespielt, da wussten alle, dass er 48 Jahre alt und damit der älteste Sportler der deutschen Olympiamannschaft ist. Und darüber hinaus: Verleger-Enkel und Millionär. Sein Großvater schuf einst die Grundlagen für das Imperium von Gruner+Jahr, an dem John Jahr Anteile hält. Außerdem gründete er eine Immobilienfirma und ist Gesellschafter zweier Kasinos.

Aber nach Sotschi ist er als Sportler gekommen. Nicht als Geschäftsmann. Nicht als Familienmensch, auch wenn die Bildzeitung gerade mit seiner Frau Maike im Ice Cube saß, um sie zu fragen, ob Johnny auch zu Hause manchmal mit dem Besen über den Fußboden schrubben würde. „Keine Sorge“, antwortete Maike Jahr unerschrocken, ihr Mann würde zu Hause eher den Staubsauger nehmen.

Die Enttäuschung nach dem 5:8 gegen die USA hat John Jahr am Freitagmorgen mit in die Mixed-Zone genommen. „Wenn man wie ein Anfänger spielt, kann man nicht gewinnen“, grummelte der Skip. „Furchtbar war das, furchtbar.“ Er fuhr mit der Hand durch sein kinnlanges, blond-graues Haar und gab zu: „Ich persönlich habe hier noch nie so schlecht gespielt. Wir hatten uns viel mehr vorgenommen.“

Zwei Stunden später holt er sich auf dem Platz neben dem Athletendorf erst mal Kaffee, dann fummelt er eine Zigarette aus der Schachtel. Schon in den Achtzigerjahren hatte John Jahr zu den besten deutschen Curlern gehört, einen EM-Titel und eine WM-Silbermedaille gewonnen und sein Team noch einige Jahre auf hohem Niveau angeführt. Um die Jahrtausendwende hörte er mit seinem Sport auf, „weil wir kein Team mehr in Hamburg hatten, das wettbewerbsfähig war“.

Vor vier Jahren hat John Jahr, dessen Vater einst den Hamburger Curling Club gründete, dann doch wieder mit dem Sport angefangen. „Da habe ich mir den Luxus gegönnt, noch mal zu sehen: Was kannst du eigentlich auf einem Gebiet, wo weder der Name noch das Geld etwas zählt.“ Vorigen Sommer begann die Vorbereitung auf Olympia.

Der größte Erfolg ist die Qualifikation

John Jahr ist nach dem Mittagessen mit dem Fahrrad aus dem Athletendorf herübergeradelt zum Café. Ein paar Stunden sind es zu diesem Zeitpunkt nur noch bis zum zweiten Spiel des Tages, das dann auch den ersten Sieg bringen sollte: 8:7 gewannen Jahr und Kollegen gegen die Schweiz. Doch so sehr geht es dem Skip gar nicht mehr um Sieg oder Niederlage. Weil er herausstellt, dass der größte Erfolg ja schon längst errungen ist: nämlich die Qualifikation für Olympia.

Dem einzigen Hamburger Wintersportteam war es gelungen, sich vor die Konkurrenz aus Füssen zu schieben, die als deutsches Nationalteam in die Weltgruppe B abgestiegen war. Also stand für die Hamburger erst mal der Wiederaufstieg in die erste Weltgruppe an. Und dann die Qualifikation für Olympia. „Wir sind froh, weil es gar nicht so einfach war, Deutschland wieder unter die zehn besten Nationen dieser Welt zu qualifizieren“, sagt John Jahr. „Deswegen gräme ich mich jetzt nicht, wenn es hier nicht so läuft.“ Er schaut sich um, sagt: „Dieses Dorf und diese Atmosphäre, schon dafür hat sich das ganze Training doch gelohnt.“

Eigentlich spielt John Jahr gern risikoreich. „Ich bin der, der eher die Drawsteine gerne hat, als dieses sehr harte Spiel. Also lieber ein bisschen Tiki-Taka wenn man das vom Fußball so übertragen kann.“ Tiki-Taka hat am Freitagmorgen nicht so geklappt. Dafür am Abend. Nach dem Sieg gegen die Schweiz stehen für Deutschland noch drei weitere Spiele an. Sie können keine Medaille mehr gewinnen. Aber sie wollen so viele Punkte, wie möglich.

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