Erwin Blumenfeld, 1897 geboren in Berlin, 1969 gestorben in New York, war einst einer der international gefragtesten Werbe- und Modefotografen in den führenden Zeitschriften "Vogue" und "Harper·s Baazar". Seine freien Arbeiten im Umkreis der künstlerischen Avantgarde indes werden erst jetzt gewürdigt. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz holt das anläßlich der Jüdischen Kulturtage in der Kunstbibliothek nach. Zu sehen sind die ab 1919 entstandenen frühen Zeichnungen und Collagen, in denen Blumenfeld über die Spießigkeit und Autoritätshörigkeit der Deutschen spottete. In einer als Dunkelkammer gestalteten Abteilung der Ausstellung werden seine frühen Amateur-Aufnahmen gezeigt. Den stärksten und wichtigsten Teil der Ausstellung aber bilden Porträtaufnahmen und Akte seit 1932. Lebenslang kreisten Blumenfelds Motive exzentrisch um sein Ich und um die Mysterien von Leiblichkeit und Eros. In seiner wortgewaltigen Autobiographie "Durch tausendjährige Zeit Einbildungsroman" gab er sich als "platonischer Erotomane" zu erkennen. Diese Selbsteinschätzung wird bestätigt am Beispiel komplizierter Inszenierungen unter Einsatz von Spiegeln, Schleiern und schimmerndem Glas. Blumenfeld hatte die ungewöhnliche Perspektive und die harten Anschnitte des "Neuen Sehens" der 20er Jahre adaptiert, öffnete sich dann in den 30er Jahren mehr der Bildwelt des Surrealismus mit irritierenden Verfremdungen. Eindrucksvoll belegt die Ausstellung seinen virtuosen Umgang mit Aufnahme- und Vergrößerungstechniken. Er hatte mit starken Lichtkontrasten, Verzerrungen und experimentellen Entwicklungstechniken wie Solarisation, Negativ-Druck und Mehrfachbelichtung gearbeitet. Eng war sein Kontakt zur Avantgarde: in Berlin zu Else Lasker-Schüler, Walter Mehring, Paul Citroen, Wieland und John Heartfield, Erwin Piscator und George Grosz, später, in Paris, zu Man Ray. 1917 wurde Blumenfeld als Sanitäter in den Krieg befohlen: Das Grauen des Krieges trieb ihm den letzten Respekt vor einer obrigkeitlich verfaßten Ordnung aus. Blumenfeld ging 1919 nach Holland, heiratete eine Cousine seines Künstlerfreundes Citroen. Sein beruflicher Status blieb hingegen anhaltend kläglich. Nach mehreren gescheiterten Versuchen gründete er ein Geschäft für Lederwaren, das ihn und die wachsende Familie 15 Jahre lang mehr schlecht als recht ernährte. Daneben verlief sein zweites, eigentliches Leben als Künstler. Blumenfeld gründete zusammen mit Citroen die imaginäre Zweigstelle Amsterdam der Dada-Bewegung. Aus dieser Zeit zeigt die Ausstellung dadaistische Fotocollagen und Zeichnungen, in denen der "Dadaist-Chaplinist" seine beißend ironische Sicht auf die bürgerliche Gesellschaft ausdrückte.In seinen Geschäftsräumen hatte Blumenfeld eine komplett ausgestattete Dunkelkammer entdeckt, die sogleich zum Laboratorium für seine Experimente wurde. Hier entstand 1933 jene Fotomontage, die ein Porträt Adolf Hitlers mit einem Totenschädel vereint. Zehn Jahre später hatte sich die düstere Prophezeiung erfüllt: die US-Luftwaffe warf Abzüge dieses Originals millionenfach über deutschen Städten ab. Der Bankrott der Firma erlöste Blumenfeld aus seiner kleinbürgerlichen Existenz: 1936 ging er nach Paris und wurde über Nacht erfolgreich durch "Vogue". Dann aber entgingen er und seine Familie nur mit knapper Not den deutschen Besatzern. 1941 gelang die Flucht nach New York. Dort bestimmte er fast zwei Jahrzehnte lang die Entwicklung der internationalen Modefotografie, freie Arbeiten kreisten erneut um das Weibliche. Blumenfelds Fotografie ist eine Kunst des Spiels mit dem Verbergen und Andeuten: In seinen späten Aktfotografien lösen sich Raum und Körper zunehmend in die Immaterialität des Lichtes auf. Kunstbibliothek Berlin, Matthäikirchplatz, Kulturforum, bis 1. 2. 1998. Di-So 12-20 Uhr.
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