Plötzlich, kurz vor dem Times-Square, hält Manfred Sanke inne. Mäntel fliegen eilig an ihm vorbei, sperrige Macy s-Einkaufstüten knuffen ihn, der Geräuschbrei aus jaulenden Sirenen und nervösem Hupen dröhnt in seinen Ohren, und überall um ihn explodieren die Lichter der Musicalbühnen, Sexshops und Schmuddelkinos. Ein breites Nachrichtenband hetzt unheilverkündend um das New-York-Times-Gebäude, und auf dem gewaltigen Sony-Bildschirm tanzen wohlgeformte Mädchen in Lee-Jeans. Mitten in diesem wunderbaren Chaos, mitten im Herzen der Welt steht Manfred Sanke aus Prenzlauer Berg.Fassungslos scheinbar, überwältigt, um Ruhe ringend. Dann geht ein Ruck durch Manfred Sanke. Er stampft seinen rechten dunkelbraunen Halbschuh auf den Bürgersteig, als wolle er dessen Echtheit überprüfen. Keine Pappe. Kein Traum. New York. "Dit is der Broadway, Ingrid", ruft Manfred Sanke seiner Ehefrau zu und strahlt. ,ja, Männi. Is dit nich irre?" ruft Ingrid Sanke aufgeräumt zurück.Nach diesem kurzen Zwischenstopp lassen sich Sankes endgültig In die Stadt fallen, lassen sich willig von ihr durchprügeln und aussaugen. Ausruhen, das haben sie nun entschieden, können sie sich zu Hause, in der Grellstraße In Prenzlauer Berg. Manfred Sanke pflanzt sich die Videokamera aufs Auge. Ingrid SankeS Hände umklammern einen kleinen, automatischen Fotoapparat. Sie sind einsatzbereit. Denn eines Ist ebenfalls klar, dies hier ist eine Mission.Vor vierzig Jahren haben sie geheiratet. Es war die große Liebe, aber Ingrid Sanke war erst sechzehn, und alle rieten ab. Frau Sanke preßte ihrer Mutter die Sondergenehmigung zur vorzeitigen Hochzeit mit den Worten ab: "Wenn ick den Manfred nich krieje, geh, ick ins Wasser." Sie kriegte ihn, und alles war gut. Es blieb gut. Obwohl sie lange Jahre im gleichen Betrieb Im Backwarenkombinat an der Prenzlauer Allee arbeiteten. Immer zusammen.Herr Sanke Ist eher ruhig, Frau Sanke eher laut. Vielleicht liegt es daran. Sie bekamen drei Kinder. Gute Kinder wohl, denn sie schenkten ihren Eltern zum vierzigsten Hochzeitstag eine Drei-Tage-Reise nach New York.New York! Manfred Sankes Kameraauge fährt immer und immer wieder die endlosen, in den Himmel wachsenden Häuserwände entlang. Hoch und runter. "Mani, kiek doch mai, der Truck", schreit Frau Sanke aufgeregt. "Hab, ick druff", beruhigt sie ihr Gatte. Die Videokamera saugt eine blinkende, heulende Feuerwehr auf, die Billiguhrenverkäufer, das gelbe Taximeer, das durch die Straßen schwappt, eine Pferdekutsche, gläserne Fahrstühle im "A & S"-Warenhaus.Ingrid Sanke ruft immer wieder "is dit hoch", "is dit groß , "is dit irre" und prüft hier und da Weihnachtsbäume und Blumen in Foyers und Auslagen auf ihre Echtheit, schließlich sitzen die beiden in einem Steakhouse am Broadway vor zwei großen, dampfenden Barbecue-Bergen, trinken Heineken vom Faß und reden von Bako und der Grellstraße, in der es letzt vier Uhr nachts Ist, um zu begreifen, wo sie sind.Draußen vor dem Fenster tobt die Straße, Herr Sanke denkt einen Moment daran, jetzt sofort aufs Empire State Building zu klettern, was Ihm seine Frau ausredet. Später, am Ende der ersten New Yorker Nacht seines Lebens, steht Manfred Sanke im Schlafanzug am offenen Hotelfenster, schaut auf einen kleinen Zipfel 32. Straße mit Drugstore, Wendy s und Sexshop und muß, komisch eigentlich, an Erich Honecker denken. "Hundert Jahre, hat er gesagt, soll die Mauer stehen", murmelt Manfred Sanke. Und geht zufrieden Ins Bett.In den letzten Monaten, als die ganzen Wendeserien im Fernsehen liefen, da mußten Sankes oft daran denken, wie es bei ihnen war vor fünf Jahren. Am 24. Juli 1989 floh ihr Sohn Carsten über Ungarn In den Westen, im August folgte ihm seln jüngerer Bruder Bernd mit Frau und Kind. Sankes saßen erstarrt und traurig in Ost-Berlin.Zwei Kinder, eine Schwiegertochter und ein Enkel weg, die zweite Schwiegertochter hatte für sich und zwei weitere Enkel gerade die Ausreise beantragt. Sankes waren sich sicher, daß sie sie jahrelang nicht wiedersehen würden, und bei Bako warf ihnen die Betriebsleitung vor: "Ihr habt eure Kinder falsch erzogen!" Eine Lösung, zumindest eine, die im Ermessen von Ingrid und Manfred Sanke lag, gab es nicht, weil sie nicht aus der Grellstraße ausreisen wollten. Aber Frau Sanke, Ingrid Sanke, gibt nie auf.Sie stellte einen Besuchsantrag zum Geburtstag von Onkel Willi aus dem Westerwald. Onkel Willi war zwar gar nicht ihr Onkel, aber der alte Mann spielte mit, lud Sankes ein, und die staatlichen Organe, weiß der Teufel warum, stempelten alles ab. Im Oktober 1989 sahen Sankes ihre beiden Söhne wieder. Doch der Abschied am 27. Oktober auf dem Bahnhof Zoo erschien Ingrid Sanke nun wirklich wie ein Abschied für immer. "Ick hab, nischt mehr gesehen, bis wir zu Hause in der Wohnstube saßen. Ick hab, nur Jeheult." Manfred Sanke dachte kurz an den Rat vom alten, kriegserfahrenen Onkel Willi: "Ihr müßt die Kommunisten stürzen. Ihr braucht Waffen!", verwarf den Gedanken aber schnell.Weil New York nie schläft, konnten auch Sankes nicht so richtig schlafen. "Vier Stunden höchstens", erklärt Ingrid Sanke, aufgemöbelt durch ein 1 8-Dollar-Frühstück. "Aber an den Betten hat s nich gelegen. Die sind Ja traumhaft. Dit sind praktisch doppelte Matratzen mit einer Zwischendecke zwischen. Da könnten noch mal zwee Leute druif schlafen. Wenn wir dir jewußt hätten, hätten wir ja jemanden mitjenommen. Aber dit weeß ja keener Sie verläßt ihren Mann kurz, um zu überprüfen, ob die Blumen in der Hotellobby "echte" sind, und dann kommt auch ihr Reiseleiter Franz, ein schwuler holländischer Schauspieler und Sänger, der seit zwanzig Jahren im Greenwich Village auf den Durchbruch wartet und von Ingrid Sanke konsequent Karl genannt wird. Frau Sanke ist als erste im Sightseeing-Bus.Franz erzählt Anekdoten von Woody Allen, John Lennon. Ivana Trump, macht sich über Schwarzeneggers und Stallones "Planet Hollywood" lustig, lobt den Russian Tea Room und das Apollo Theater, Herr Sanke fulmt durchs Busfenster geduldig die ausgebrannten Fassaden Harlems und die glitzernden Geschäfte der Fifth Avenue, Elizabeth Arden, Tiffany s und Gucci. Für die Grellstraße.Nach einem Hellkopterflug über Manhattan telefoniert Manfred Sinke mit seiner alten Schwiegermutter in Berlin, die sich Immer Sorgen macht. Er steht an dem Automaten eines leeren Chinarestaurants auf der Lower East Side, er hat die phantastischen Luftbilder von Manhattan In Kamera und Blut, er will irgendwie und so schnell es geht zusammenfassen, was er empfindet. "Ick bin s". sagt er, "Manfred aus New York. Wir kommen gerade vom Hubschrauber. Wahnsinn. Wir sehen uns dann Freitag." Frau Sinke entdeckt auf einem Tisch einen Salzstreuer, wie sie ihn "orjinal" In Berlin gesehen hat. "Dit jibt s doch jarnich."Für das Broadway-Musical "Miss Saigon" hat sich Ingrid Sinke noch schnell einen Ondulierstab bei Woolworth s in der 34. Straße gekauft, Manfred Sinke steckt In seinem besten Anzug, in dessen Jacketttasche er zwei abgerissene Karten eines Ku damm-Stücks mit Harald Juhnke findet, das sie vor anderthalb Jahren sahen. Er trägt den Anzug ja nicht oft. Der Mann, der sich neben ihn setzt, sagt freundlich "Good evening", Manfred Sinke erwidert "Good evening", später stellen sie fest, daß sie beide aus Berlin sind. "Miss Salgon" Ist traurig und feierlich, ach, und da sind die roten Seidensitze, der glimmernde Vorhang, das Licht, die vielen gutgekleideten Leute, der Gin Tonic in der Pause, all das. Kurz bevor sich der Vorhang zum zweiten Akt öffnet, stöhnt Manfred Sanke: "Mensch, übermorgen sitzen wa wieder zu Hause. Und allet is wie immer."Am 30. Juni 1990 wurden Sankes bei Bako entlassen. Alle beide. Manfred Sinke hatte 35 Jahre lang für das Kombinat gearbeitet, die meiste Zelt fuhr er nachts Brot aus. 8 000 Mark Abfindung hat er dafür bekommen. Sie haben sich davon ihr Wohnzimmer neu eingerichtet und sind mit einem Holiday-Rus an die Cote d'Azur gefahren. Sechs Tage für 299 Mark. Als sie wieder da waren, hat Frau Sanke zu ihrem Mann gesagt: "Mach dir mal keene Sorgen, Männi. Du bist 28 Jahre lang jede Nacht um eins uffjestanden, jetzt ruhste dich erst mai ,n halbet Jahr aus. Dit haste verdient." Inzwischen sind es viereinhalb Jahre geworden. Und Manfred Sanke hat die " Befürchtung, dit die gar nicht mehr runterkommen von den Arbeitslosenzahlen". "Nee Männi", bestätigt seine Frau, "dit steckt so drin im Kapitalismus. Kiek dich doch um."Ingrid und Manfred Sanke demonstrieren ihre Begeisterung jetzt auch äußerlich. Als sie am dritten Tag das Hotel Pennsylvania verlassen, stecken beide in frisch erworbenen New-York-T-Shirts aus dem Hotelshop. Frau Sanke wählte die schrille Goldschrift, Herr Sinke dezentes Blau.Die Hetzjagd geht weiter. Mit dem Boot nach Ellis und Liberty Island, zu Fuß durch die Wallstreet. Stock exchange, Part 17, China town und Greenwich Village. Fotos vor der Freiheitsstatue, Fotos vor der Skyline, Fotos vor George Washington. Den riesigen Weihnachtsbaum auf dem Rockefeller Plaza filmt Manfred Sanke quer, damit er Ihn in ganzer Länge draufbekommt, die Bitte des Guides im UN-Gebäude, nur ohne Ton zu filmen, boykottiert Ingrid Sanke, indem sie ihrem Mann zuflüstert: "Dit merkt doch sowieso keener, ob dit Mikro an Ist, Männi." Und in der Börse surrt Manfred Sankes Videokamera dann sogar, obwohl dort Aufnahmen völlig verboten sind.Ingrid und Manfred Sanke haben längst das Schrittmaß eines vielbeschäftigten downtown-Yuppies angenommen. Nahrung nehmen sie nur in Form flüchtig verschlungener Frankfurter zu sich, die Ingrid Sanke liebevoll "Wurscht mit Sauerkraut" nennt. Als Schlaftrunk holen sie sich nach Mitternacht zwei Buchsen Bier Im Drugstore neben ihrem Hotel.Sie schonen sich nicht. in der letzten Nacht steht Manfred Sanke bei Eiseskälte auf dem Empire State Bullding und filmt das Lichtermeer der,. Stadt. Völlig durchgefroren kommt er von der Plattform in den Andenkenshop zurück, wo seine Frau gerade das Preis-Leistung-Verhältnis einer zwanzig Zentimeter hohen und 20 Dollar teuren Freiheitsstatue überschlägt. "Ick kann nich anders", bibbert Manfred Sanke. " Ick muß noch mal raus, Ingrid."Sankes erobern die Welt. Zaghaft zunächst wagten sie 1990 ihre erste Busreise, doch seit diesem Jahr starten sie durch. Im Frühling waren sie mit dem Bus in Paris. Versaille, Notre-Dame, Lichterfahrt auf der Seine, Eiffelturm. "War ooch jut", sagt Frau Sanke. "Bißchen stressig, weil wir ja nur einen Tag hatten. Aber jut." "Nur dit Centre Pompidou war irgendwie enttäuschend. Wie ein Kraftwerk", schränkt ihr Mann ein, Im Sommer führen sie mit dem Auto nach Ungarn und jetzt eben New York. Was für ein Leben.Nur manchmal ertappt sich Manfred Sanke bei einem sehnsuchtsvollen Blick zurück In die DDR. Wie es war, als er noch Arbeit hatte und niemandem "uff der Tasche" lag wie heute. Aber dann fallen ihm auch gleich wieder die bescheuerten Parteifunktionäre bei Bako ein, seine Jungs, die nach Ungarn flüchteten, Onkel Willi aus dem Westerwald und die Feier zu ihrem 30. Hochzeitstag vor zehn Jahren.Ein halbes Jahr im voraus hatten sie im "Jade", dem asiatischen Restaurant Im Palasthotel, einen Tisch bestellt. Und dann kam nach zwei Stunden, als sie gerade mit dem Essen fertig waren, der Kellner und bat sie, zum Ende zu kommen, weil draußen Gäste warten würden. "Den Kaffee könnten wir doch ooch woanders trinken. hat er gesagt", erinnert sich Manfred Sanke. "Nee danke. Dit war dit allerletzte. Und jetzt zum 40. sind wir hier in New York. Wat soll ick mir denn da zurückwünschen?" "Wir sind glücklich", faßt Ingrid Sanke zusammen. RUnd nächstet Mal machen wir London. Dit is och so ,n Traum."Ingrid und Manfred Sinke donnern mit der Subway über die Williamsburg-Bridge nach Brooklyn. Frau Sinke sitzt neben einem dicken Neger, in dessen Kopfhörern Bässe toben. Manfred Sinke hockt auf der Bank gegenüber und filmt das Glitzern der Nachmittagssonne auf dem East-River. Dann dreht er sich um, legt die Kamera in den Schoß und lehnt sich zurück. "Wat machst n du in New York, Männi?" ruft Frau Sinke quer durch die U-Bahn. "Rumtreiben", antwortet Herr Sanke.Ingrid und Manfred Sinke auf Sightseeing-Tour in New York. Foto: Osang"Dit is der Broadway, Ingrid." Im Schlafanzug muß er an Honecker denken. Anekdoten von Woody Allen und John Lennon.
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