Das wichtigste geisteswissenschaftliche Sachbuch in diesem Herbst ist eine Enzyklopädie, die "Enzyklopädie Philosophie". Dieses dreibändige, großformatige Nachschlagewerk in hellgrünem Leinen versammelt gut 650 Artikel, verfasst von 350 Fachautoren. Aber das sagt nicht viel.Aufschlussreicher ist, dass diese Enzyklopädie laut Vorbemerkungen unter Philosophie nicht "die Chiffre für abholbares fertiges Wissen über eine fertige Welt, sondern einen Weg zum besseren Argumentieren, zum nachhaltigeren Begründen, zum klareren Denken" versteht. Sie ist eine Einladung zum Philosophieren im besten Sinne: "Alles Philosophieren ist als Oppositionsdenken aus Krisen zuvor ungeprüfter Überzeugungen und ins Wanken geratenen Meinens entstanden."Der 70-jährige Herausgeber Hans Jörg Sandkühler, zuletzt Professor für Menschenrechte und Kulturen auf dem Unesco-Lehrstuhl in Bremen, und seine Mitarbeiter Dagmar Borchers, Arnim Regenbogen, Volker Schürmann und Pirmin Stekeler-Weithofer sind also keine bloß fleißigen Arbeiter im Weinberg der Begriffsgeschichte. Sie entwerfen mit ihrer enzyklopädischen Philosophie "denk-mögliche Welt-Versionen". Es war schon immer der Philosophie Bestes, dem scheinbar Unverrückbaren andere Wirklichkeitsentwürfe gegenüberzustellen. Insofern ist diese Enzyklopädie beste praktische Philosophie: Die einzelnen Begriffe werden hier in ihrer Geschichtlichkeit und damit Veränderbarkeit kenntlich. Man lese, was etwa Hans. G. Kippenberg über "Religion" oder Bettina Nüsse über "das Tragische" schreiben - es sind exemplarische Fälle eines ausgewogenen, sorgfältig argumentierenden Philosophierens.Wie alle Artikel folgen sie drei Prämissen, die den prekären Charakter aller Philosophie betonen. Es gibt, erstens, nicht nur eine Kultur und niemand kennt, zweitens, das Ganze der natürlichen und geschichtlichen Welt, was, drittens, vor allem heißt: "Wir kommen nicht von Nirgendwo." Das ist ein Plädoyer für einen historisch aufgeklärten Pluralismus, der nicht die Zerstörung eines ehemals Guten meint.Gewiss ließe sich naserümpfend anführen, was alles in dieser Enzyklopädie fehlt. Kein Eintrag zu den Begriffen "Dialog" und "Werk" etwa. Und wäre es nicht sinnvoll gewesen, neben der Religion auch der Theologie einen Artikel zu widmen? Ist derjenige zur Neurophilosophie angesichts ihrer enorm steigenden Bedeutung nicht zu knapp ausgefallen? Das aber hieße kleinkrämerisch die Erbsen zu zählen, zumal es auch Artikel gibt, die man in einer philosophischen Enzyklopädie sonst vergebens sucht, zur Sterbehilfe oder zu Migration etwa. Entscheidend ist, dass sie alle aus Überzeugungskrisen entstanden sind, aus philosophisch gewordenem Zweifel.Das war nicht immer so. Als Sandkühler 1999 erstmals die "Enzyklopädie Philosophie" herausgab, sprach er zwar auch damals schon von Pluralismus und der Notwendigkeit, die 1990 erschienene "Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften" auf die Philosophie zu konzentrieren. "Es haben sich neue Perspektiven ergeben und neue Gegenstandsbereiche wurden zu Problemen", hieß es seinerzeit. Elf Jahre später schlägt die Neuausgabe der Enzyklopädie dagegen alarmistische Töne an: "Die ,Enzyklopädie' versucht eine Rettung der Begriffe." Eine Rettung auch des Humanismus: "Heute sind nach den Normen der Menschenrechte verantwortbare menschenmögliche Welten für morgen zu sichern."Dieses Sicherungsunternehmen hat sich der Felix Meiner Verlag gut 100000 Euro kosten lassen; seit vier Jahren arbeitete das Herausgeberteam an der Enzyklopädie, die Auflage beträgt 2000 Stück; die zweibändige Vorläufer-Ausgabe konnte noch in einer doppelt so hohen Auflage verkauft werden.Natürlich stellt sich im Zeitalter des Internet die Frage, ob es ein so teures Wörterbuch in gedruckter Form überhaupt braucht und wer es außer Bibliotheken kaufen soll. Aber das ist einseitig, verabsolutierend gefragt. Alles deutet darauf hin, dass weder das E-Book noch die Wissens- und Philosophieportale im Netz das Buch verdrängen werden; es wird, wie immer in der Mediengeschichte, zur weiteren Ausdifferenzierung kommen. Der "Enzyklopädie" ist jetzt deshalb auch eine CD-Rom beigelegt, einfach, weil sie sich für manche Zwecke, die Stichwortsuche zum Beispiel, besser eignet als das gedruckte Buch. Zum Studieren und Anstreichen, zum konzentrierten Lesen sind Druckseiten für viele aber nach wie vor geeigneter. Und nach wie vor gibt es an solchen aufwendigen, vertrauenswürdigen Nachschlagewerken auch großes Publikumsinteresse.Rettung der BegriffeAus diesem Grund hat sich der Metzler Verlag dazu entschlossen, pünktlich zur Buchmesse die "Ästhetischen Grundbegriffe" in einer siebenbändigen Studienausgabe neu aufzulegen. Von 2000 bis 2005 ist dieses "historische Wörterbuch", herausgegeben unter der Leitung von Karlheinz Barck, erschienen; über Kosten und Auflage will der Verlag keine Angaben machen. Wie alle verlegerischen Großprojekte dieser Art wird auch dieses mit enormen Risiko verbunden sein.Den "Ästhetischen Grundbegriffen" geht es um eine "Bilanz der Geschichte ästhetischen Denkens im Spiegel seiner Begrifflichkeit". Der gegenwärtige Ästhetikhorizont erfordere dabei, so die Herausgeber, einen "aktuellen Einstieg, der die vergangene Entwicklung aus der gegenwärtigen Konstellation erhellt." Die 170, teilweise enorm ausführlichen Lemmata gehen nicht von einem "hypothetischen geschichtlichen Beginn", sonderm vom heutigen Erkenntnisinteresse aus, um so "begriffliche Abweichungen", die Sprünge und Diskontinuitäten innerhalb der Begriffs- und Ästhetikgeschichte nicht auszugrenzen. Dieses Wörterbuch "nimmt damit für sich in Anspruch, eine neue Form lexikalischer Repräsentation und Wissensvermittlung zu bieten". Er wurde durchweg eingelöst: Dass dieses epochemachende Wörterbuch nun vergleichsweise preiswert zu erwerben ist, macht zum wichtigsten geisteswissenschaftlichen Sachbuch im Taschenbuchbereich.Auch das aber ist einer philosophischen Rettung der Begriffe verpflichtet - sie vor mundgerechter Vereindeutigung zu bewahren. Begriffsgeschichte verweist, wie alle Geschichte, immer auf ihren eigenen, prekären Verlaufscharakter. Allein deshalb sind diese beiden Nachschlagewerke unverzichtbar.-----------------------Enzyklopädie Philosophie Hg. von Hans Jörg Sandkühler. Felix Meiner Verlag, Hamburg 2010. 3 Bände, 3247 S., 278 EuroÄsthetische Grundbegriffe Hg. von Karlheinz Barck. Metzler, Stuttgart 2010. 7 Bände, 5890 S., 199,95 Euro------------------------------Foto: Wo viele Bücher sind, braucht es die ordnende Hand: das Wörterbuch.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de