Das Ende Kleopatras

Warum das antike Ägypten unterging

Forscher behaupten: Atmosphärische Folgen beschleunigten den Niedergang des Reiches.

Susanne Zahn
5 Min
Kitsch und Erotik prägen spätere Darstellungen von Kleopatras Tod. Zu den bekanntesten gehört das Gemälde „The Death of Cleopatra“ (1874) von Jean-Andrè Rixens.

Kitsch und Erotik prägen spätere Darstellungen von Kleopatras Tod. Zu den bekanntesten gehört das Gemälde „The Death of Cleopatra“ (1874) von Jean-Andrè Rixens.

© akg-images / De Agostini Picture

Der Untergang des Alten Ägypten unter Kleopatra könnte zu großen Teilen auf Vulkanausbrüche zurückzuführen sein. Das vermuten Forscher um Francis Ludlow vom Trinity College in Dublin. Ihrer These zufolge trugen die Ausbrüche dazu bei, dass das jährliche Nilhochwasser ausblieb. Dies beeinflusste maßgeblich die gesellschaftlichen Entwicklungen in der sogenannten ptolemäischen Epoche in den Jahren 305-30 v. Chr.

Anhand von Aufzeichnungen aus dieser Zeit konnten die Forscher zeigen, dass nach Vulkanausbrüchen in weit entfernten Regionen überdurchschnittlich häufig soziale Unruhen begannen. Der Wohlstand des antiken Ägyptens hing direkt mit dem Fluss Nil zusammen. Regenfälle im äthiopischen Hochland verursachten jährlich zwischen Mai und August Hochwasser, Nilschwemme oder Nilflut genannt, die für die Landwirtschaft im Niltal lebenswichtig waren. Ausführliche Berichte aus dieser Zeit deuten auf einen Zusammenhang zwischen dem Ausbleiben der Nilschwemme und sozialen Unruhen hin. Die Ursache für das Ausbleiben des Hochwassers war bisher ungeklärt.

Schwefelgase und Nilflut

Francis Ludlow hat einen möglichen Zusammenhang zwischen Vulkanausbrüchen und Nilflut untersucht. In seiner im Fachblatt Nature Communications veröffentlichten Studie zeigt er, dass die schwächeren Regenfälle und das dadurch ausbleibende Hochwasser mit Vulkanausbrüchen zusammenhängen könnten, und brachte dies mit bislang ungeklärten Phasen des gesellschaftlichen Umbruchs in Verbindung. Wie jedoch hängen weit entfernte Vulkanausbrüche mit Hochwasser und Regen zusammen?


Das Finale

Das Ende von Kleopatra hing mit einer Reihe von Entwicklungen zusammen. Während ihrer Herrschaft in Ägypten kam es zu Seuchen, Hungersnöten und Unruhen, Folge der ungenügenden Nilschwemmen in den Jahren 43 und 42 v. Chr. Entscheidender war aber offenbar der Machtkampf in Rom.

Um ihre Macht zu behaupten, ging Kleopatra ein Bündnis – und eine Liebesaffäre – mit dem römischen Herrscher Antonius ein. Nach dessen Niederlage im Krieg gegen die Parther 36 v. Chr. spitzte sich der Machtkampf zwischen Antonius und seinem römischen Gegenspieler Octavian um die Alleinherrschaft zu.

Im Endkampf zwischen den Rivalen brach 33 v. Chr. ein offener Krieg aus. Octavian siegte. Nach der Einnahme Alexandrias 30 v. Chr. verübte Antonius Suizid. Kleopatra starb wenige Tage später.

Bereits längere Zeit zuvor hatte Kleopatra an Verbrechern Gifte ausprobiert und angeblich festgestellt, dass der Kobrabiss den schmerzlosesten Tod brachte. Doch die Ursache ihres eigenen Todes ist umstritten. Theorien reichen von Schlangenbiss, über vergiftete Haarnadel, Einnahme von Gift bis hin zum Verdacht, sie sei heimlich auf Befehl Octavians ermordet worden.


„Die Vulkane, um die es sich handelt, stehen in den Tropen, also beispielsweise in Indonesien“, erklärt Ulrich Cubasch, Klimatologe an der Freien Universität Berlin. „Wenn sie ausbrechen, gelangen Schwefelgase in Atmosphärenschichten in über zehn Kilometern Höhe. Dort reagieren sie zu Schwefelaerosolen und reflektieren die Sonneneinstrahlung, sodass die Temperatur auf der Erde sinkt. Weil kalte Luft weniger Wasser aufnehmen kann, regnet es auch weniger.“

Nach zwei bis drei Jahren würden diese Rückstände abgebaut und gelangten als feiner Staub auf die Erde zurück, führt der Klimatologe aus. In den Eisschichten an Nord- und Südpol würden diese Staubschichten über Jahrtausende konserviert. Wissenschaftler könnten deshalb heute bis auf Jahre genau bestimmen, wann Vulkanausbrüche in der Vergangenheit stattgefunden haben und wie heftig sie waren.

Die Forscher um Ludlow griffen für ihre Studie auch auf Daten zum Wasserstand des Nils seit 600 nach Christus zurück. So konnten sie sehr genau bestimmen, dass in Jahren mit Vulkanausbrüchen der Nilpegel durchschnittlich 22 Zentimeter niedriger war als sonst. Anschließend verglichen sie die Daten mit den Berichten, die über die ptolemäische Zeit vorliegen.

Sie kamen zu dem Ergebnis, dass Vulkanausbrüche häufig mit dem Beginn von sozialen Umbrüchen einhergingen. Die fehlende Nilschwemme könnte Missernten verursacht haben, die wiederum Hungersnöte und gesellschaftliche Veränderungen hervorriefen. Außerdem endeten viele Kriege mit den Nachbarländern in dieser Zeit – möglicherweise, weil die Herrscher gezwungen waren, sich um die Unruhen und die Ernährung der Bevölkerung zu kümmern.

So unterlag 30 v. Chr. Königin Kleopatra endgültig den Römern, nachdem Ägypten ein Jahrzehnt von wiederholtem Niedrigwasser, Hungersnöten, Seuchen, Inflation, Korruption und Landflucht durchgemacht hatte, wie Ludlow und sein Team schreiben. Kurz zuvor (in den Jahren 44 und 46 v. Chr.) habe es zwei Vulkanausbrüche gegeben, darunter den größten Vulkanausbruch der vergangenen 2500 Jahre. Nach ihrem Sturz kam Kleopatra ums Leben – unter ungeklärten Umständen.

Kleopatra und Horus auf einem Wandrelief am Tempel der Hathor.

Kleopatra und Horus auf einem Wandrelief am Tempel der Hathor.

© imago/robertharding

Ein Mosaiksteinchen

Aber es gibt auch Widerspruch. „Um Kleopatras Ende wurde schon viel spekuliert. Von allen möglichen Gründen würde ich einen Vulkanausbruch nicht an erster Stelle sehen“, sagt der Althistoriker Holger Sonnabend von der Universität Stuttgart. Die Schwierigkeiten der ptolemäischen Herrschaft in Ägypten könne man auch ohne die Vulkanausbrüche erklären: etwa mit einer hohen Steuerlast und sozialen Unterschieden zwischen den Landbewohnern und der Bevölkerung florierender Städte wie Alexandria.

Die Wissenschaftler um Ludlow hätten vorwiegend statistische Verbindungen hergestellt, sagt Sonnabend. Um einen Zusammenhang nachweisen zu können, müsse man genauer hinsehen und beispielsweise für einen konkreten Vulkanausbruch auch in Ägyptens Nachbarstaaten nach Hinweisen suchen. In einem sind sich Historiker Sonnabend und Klimatologe Cubasch einig: Die Vulkanausbrüche seien höchstens ein Mosaiksteinchen, um Vorgänge in der ptolemäischen Epoche zu erklären – wenn auch ein sehr interessantes. (mit dpa)

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