Das größte Problem des Krisenklubs Schalke 04 ist, dass kaum einer weiß, wie er mit der Situation Abstiegskampf umgehen soll

Die Anfänger

Daniel Theweleit
4 Min

Gelsenkirchen Der Trainer Felix Magath hat mal wieder Glück, oder vielleicht sollte man besser sagen, er hat geschickt vorgesorgt. Unter normalen Umständen hätten seine Vorgesetzten sich nämlich am gestrigen Sonntag zusammensetzen müssen, um zu diskutieren, ob der Trainer noch zu dieser Mannschaft passt. Denn ein Mann, der derart weit hinter den eigenen Erwartungen zurückbleibt, dessen Arbeit wird üblicherweise einer kritischen Prüfung unterzogen. Durch das 0:1 (0:0) gegen Bayer Leverkusen stürzten die Schalker auf einen direkten Abstiegsplatz, sie sind weiterhin ohne Heimsieg in dieser Bundesligasaison, die ursprünglichen Saisonziele sind längst außer Reichweite. Doch Magath wird von niemandem hinterfragt. Es gibt keine Opposition, er ist sein eigener Vorgesetzter im Revier. Und kaum ein Schalker zweifelte an diesem ernüchternden Herbstwochenende daran, dass das gut ist.Denn der Klub liegt zwar sportlich am Boden, doch die Neigung zur Selbstzerstörung, die zum Wesen des Gelsenkirchener Fußballs gehört, haben Magath und seine Spieler ausnahmsweise im Griff. Die Fans pfiffen zwar, doch gepöbelt wurde kaum. Vor allem jedoch tauchen keine Funktionäre vor irgendwelchen Kameras auf und stammeln unüberlegte Dinge in die Mikrofone. Allgegenwärtig ist nur Magath, und der sagte: "Wenn wir oben stehen würden, würde ich so früh in der Saison nicht von der Meisterschaft reden, also rede ich jetzt auch nicht vom Abstieg."Das klingt gelassen, vor den typischen Unannehmlichkeiten der Erfolglosigkeit schützt diese Form der Ignoranz aber nicht. Längst werden die Schalker von jenem hinterlistigen Pech verfolgt, das es liebt, seine Opfer im unteren Tabellendrittel ausfindig zu machen. "Wir waren nicht besser", räumte Leverkusens Trainer Jupp Heynckes ein, zwei Mal hatte Schalkes Klaas-Jan Huntelaar die Latte getroffen. "Wenn wir hier in Rückstand geraten, dann wird es ganz schwer", sagte Heynckes. Aber der Ball ging eben nicht ins Tor, so ist das dort unten, wo die Schalker immer noch wirken wie Fremdkörper.Zwar sagte Verteidiger Christoph Metzelder, der Klub müsse "langsam akzeptieren, dass das jetzt Abstiegskampf ist". Wie mit dieser Situation umzugehen ist, weiß aber kaum jemand. Metzelders Abwehrkollege Benedikt Höwedes musste einige Momente nachdenken, bis ihm ein Mitspieler einfiel, der die Dynamiken des Tabellenkellers kennt. "Peer Kluge hat das schon erlebt, aber ansonsten fallen mir nicht viele Spieler ein", sagte Höwedes. Das empfindet auch Magath als Problem: "Meine Spieler sind es nicht gewohnt, da unten zu stehen."Verlorene SaisonAls Manager hat Magath eine Mannschaft zusammengestellt, die um den Titel mitspielen und in der Champions League mithalten soll, als Trainer muss er die Stars aus Madrid und Mailand nun auf ein Jahr der Entbehrungen einschwören. Das ist eine Herausforderung, der er bislang nicht gewachsen ist. "Vielleicht fehlt uns in den entscheidenden Momenten der nötige Biss und Wille", sagte Keeper Manuel Neuer, nachdem das Gegentor von Sidney Sam (65.) gereicht hatte, dem Team den Glauben zu nehmen. Und vielleicht auch die Lust an diesem Spiel. Denn es gab kein Aufbäumen, keine Signale des Widerstands, Schalke ergab sich einfach. Selbst der Trainermanager, der sonst energisch an der Außenlinie herumtobt, saß in seinem Trainersessel und ließ das Grauen reglos über sich ergehen wie ein erfahrener Horrorfilmkenner den neuesten Slasher-Streifen. "Das war vom Einsatz her nicht so, wie es die die Tabellensituation verlangt wird", sagte Magath: "Natürlich mache ich mir Sorgen darüber, dass wir die Kurve in der Bundesliga nicht gekriegt haben." Diese Aussage klingt schon ziemlich endgültig.Gefühlt ist diese Saison für die Schalker schon fast verloren, denn das obere Tabellendrittel ist außer Reichweite. Und niemand kann sich vorstellen, dass diese prominent besetzte Mannschaft, die morgen in Tel Aviv einen entscheidenden Schritt Richtung Champions-League-Achtelfinale machen kann, wirklich absteigen wird. Magath tröstet sich immer noch mit den Erfolgen in der Königsklasse und mit den spielerischen Momenten, die seine Millioneneinkäufe hin und wieder hervorzaubern. "Doch diese spielerischen Mittel reichen im Moment nicht", hat er festgestellt. Körperliche Überlegenheit, Willenskraft und Kampfbereitschaft, die Tugenden alter Schalker Erfolge, sind verflogen - Magaths Umbau fehlt nach wie vor die Ausgewogenheit.------------------------------Foto: Der Spanier Raúl ist zu Schalke gewechselt. Das hat er jetzt davon.

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