Das große Murren

Vor der EM-Hauptrunde sind bei der deutschen Auswahl erste Risse zwischen Trainer und Team auszumachen

Michael Wilkening
4 Min
Lost in Ansprache: Bundestrainer Prokop und Rücksraumspieler Drux.

Lost in Ansprache: Bundestrainer Prokop und Rücksraumspieler Drux.

© dpa/Skolimowska

Das sagt im Augenblick niemand öffentlich, aber die Stimmungslage war gestern im Mannschaftshotel mit Händen zu greifen. Diese Lage gefährdet den Einzug ins Halbfinale weit mehr als die durchwachsene Ausbeute von 2:2-Punkten, mit der die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) heute in die Hauptrunde in Varazdin startet. Gegen Tschechien (18.15 Uhr, live im ZDF) geht es um sehr viel. Gelingt gegen den Außenseiter kein Sieg, dürften die Risse öffentlich wahrnehmbar werden.

Weber führt eigenen Plan aus

Christian Prokop redete viel, zeigte auf eine Taktiktafel, die er in der Hand hielt – und er sagte zu Linksaußen Uwe Gensheimer, er solle sich auf einen Wurf vorbereiten. Philipp Weber, der die Entscheidung treffen sollte, redete weniger und forderte Steffen Weinhold auf, einen Kempa-Trick anzutäuschen, der einen Gegenspieler auf sich ziehen sollte, damit Rechtsaußen Patrick Groetzki Platz für den letzten Wurf des Spiels hatte. Weber führte seinen Plan aus und nicht den des Trainers. „Wir spielen das zu undiszipliniert“, haderte Prokop später mit der Entscheidung seiner Akteure.

Beim glücklichen 25:25-Remis gegen Slowenien hatten die Abwehrspieler Hendrik Pekeler und Patrick Wiencek ohne Rücksprache mit dem Trainer entschieden, die Arbeit in der Defensive in der zweiten Halbzeit anders zu interpretieren. Gegen Mazedonien setzte sich Weber, einst Prokops Musterschüler beim SC DHfK Leipzig, über die Ansage des Bundestrainers hinweg. Es ist offensichtlich, dass zumindest einem Teil der Mannschaft das Vertrauen in Prokop fehlt.

„Der Trainer hat es nicht geschafft, den Spielern Sicherheit zu geben“, sagte Daniel Stephan. Dem früheren Welthandballer gibt in erster Linie das Angriffsspiel zu denken, und der Formverfall von Akteuren, die als Leistungsträger gedacht waren. „Da tauchen Fragen auf“, erklärte Stephan exemplarisch mit Blick auf die Situation von Julius Kühn. Der Melsunger war in der abgelaufenen Bundesliga-Hinrunde der herausragende Rückraumspieler, niemand hat mehr Feldtore als der Halblinke geworfen. In den ersten drei Partien spielte Kühn, eigentlich ein Mann mit überbordendem Selbstvertrauen, nur eine untergeordnete Rolle auf dem Feld. Gegen Mazedonien kam er nur in Überzahlsituation zum Zug und agierte – ohne Selbstbewusstsein – fehlerhaft. „Es ist ganz komisch. Es ist ja nicht nur bei mir so, dass es nicht läuft“, sagte Kühn.

Hanning nimmt Team in die Pflicht

Nicht nur Kühn wirkt verunsichert, auch der Halbrechte Kai Häfner (TSV Hannover-Burgdorf) war gegen Mazedonien von der Rolle und Steffen Fäth (Füchse Berlin) war anzumerken, dass ihm das Vertrauen fehlte, weil er in den ersten zwei Turnierspielen sowie in der Vorbereitung außen vor war. Drei herausragende Rückraumspieler der Bundesliga, die bei den vergangenen Turnieren zu den Leistungsträgern zählten, sind nicht auf der Höhe. Die vielen Wechsel von Prokop entzogen ihnen das Selbstvertrauen. Ständig erprobt der Coach neue Varianten im Rückraum, teilweise werden sie in jedem Angriff neu durcheinandergewürfelt. Das erschreckt die Spieler, das Murren wird vernehmbarer. Eine teaminterne Sitzung unmittelbar nach dem Mazedonien-Spiel sollte Abhilfe schaffen: „Wir haben über alle Dinge gesprochen, um auch die kleinsten Steine aus dem Weg zu räumen“, erklärte Kühn.

Beim SC DHfK Leipzig hat der Bundestrainer eindrucksvoll nachgewiesen, dass er seine Spieler besser machen kann, in seiner neuen Rolle werden sie im Moment schlechter. „Auch der Bundestrainer muss sich steigern“, bemerkte Stephan. Der ehemalige Profi wollte noch kein endgültiges Urteil über den Trainer fällen, erst am Ende des Turniers sei das möglich.

Drei Partien haben die Deutschen in der Hauptrunde zu absolvieren. Die wichtigste dürfte die gegen die Tschechen sein. Nicht weil sie die nächste ist, sondern weil nur ein Erfolg die atmosphärischen Störungen überlagern kann. „Wir müssen jetzt liefern, ohne Diskussion“, sagte Bob Hanning: „Wir müssen Tschechien schlagen. Das ist die Aufgabe der Mannschaft.“ Der DHB-Vizepräsident nahm ganz bewusst und ausdrücklich die Akteure in die Pflicht.

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