Eine frühe Kindheitserinnerung geht auf den 13. August 1961 zurück. Wenige Tage vor meinem achten Geburtstag herrschte Aufregung bei uns zu Hause. Mitten am Sonntag lief der erst kürzlich angeschaffte Fernseher. Er zeigte befremdliche Bilder von Soldaten und Bauarbeitern in Berlin, wie meine Eltern erklärten. Meine Mutter sagte: „Jetzt kommen die Russen!“ Wir wohnten in einem östlichen Vorort von Hamburg, die sogenannte Zonengrenze war nur gut 20 Kilometer entfernt. Die Russen sind dann nicht gekommen, aber dies war das erste Mal, dass ich von einem anderen deutschen Staat hörte. Er sollte die kommenden fast dreißig prägenden Jahre meines Lebens präsent und auch selbstverständlich bleiben. Ich kannte es wie meine ganze Generation ja nicht anders: Es gab zwei deutsche Staaten.
Der andere spielte für uns aber erst einmal keine große Rolle mehr. Wir hatten dort keine Verwandten und Freunde. Nur zu Weihnachten ging es um die Brüder und Schwestern im Osten, wie man sie gern nannte. In der Schule packten wir Päckchen für die „drüben“. Hunderttausendfach geschah das in Westdeutschland. So sehr solche Päckchen im Osten vielleicht willkommen waren – sie waren oft eben auch eine herablassende Geste, ein wenig Krumen vom Tisch der Reichen wurden da verschickt.
1966 wurde dann Willy Brandt Außenminister und drei Jahre später Bundeskanzler, jetzt redeten alle von der neuen Ostpolitik, die so viele Menschen begeisterte, mich auch. Ich trat mit 16 in die SPD ein, und als zwischen BRD und DDR der „kleine Grenzverkehr“ für die Bewohner der auf beiden Seiten der Grenze liegenden Landkreise eingeführt wurde, beschlossen wir Jusos, das für eine Expedition in den Osten zu nutzen. Wir waren für den Sozialismus, drüben war Sozialismus, das mussten wir uns anschauen. Wir nahmen Kontakt zur FDJ in Güstrow auf, und tatsächlich erhielten wir eine Einladung für einen Besuch in dem mecklenburgischen Städtchen. Es war dann ein Kulturschock, aber ich fand den Blick in eine so andere Welt nur wenige Kilometer von meiner entfernt auch faszinierend. Ein Gefühl, das mich bis 1989 nicht mehr verlassen sollte. Und dazu führte, dass ich wesentlich mehr mit der DDR und den Deutschen dort zu tun haben sollte als die meisten Westdeutschen.
Es begann mit meinem Studium in West-Berlin. Nun fuhr ich häufiger auf der Transitstraße durch das andere Deutschland, und in West-Berlin traf ich auf Freunde, die öfter mal nach Ost-Berlin gingen. Ich kam mit. Der Grenzübertritt war mit dem westdeutschen Reisepass einfach. Wir gingen ins Berliner Ensemble, fuhren an den Müggelsee, kauften günstig schöne Ausgaben der Werke von Lion Feuchtwanger und Heinrich Mann. Und stellten fest, dass da ganz normale Menschen ein ganz normales Leben führten. Nur: Sie konnten nicht einfach ihren Pass nehmen und ihrer Wege jenseits der Mauer gehen.
Nach dem Studium wurde ich Journalist im West-Berliner Büro der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Als „Reisekorrespondent“ war ich auch für die Berichterstattung aus der DDR zuständig und genoss ein ungeheures Privileg. Mit dem Journalistenvisum konnte ich praktisch unkontrolliert jederzeit die Grenze passieren, von einer Welt in die andere wechseln und zurück. So bizarr diese Situation mit der Mauergrenze mitten durch die Stadt auch war, so selbstverständlich war sie über die Jahre geworden. Sicher, alles war deutsch. Aber die Vorstellung, dass es einmal zusammengehört hatte, eigentlich zusammengehören müsste, war sehr, sehr fern.
Die Spaltung Deutschlands hatte ja Gründe, sie ging auf die verbrecherische Politik der Nationalsozialisten im Namen dieses Deutschlands zurück. Ich hatte immer Sympathien für die DDR und ihren Anspruch, das bessere Deutschland zu sein. Mir war der großkotzige Alleinvertretungsanspruch der BRD zuwider. Ich fand es beklemmend, als ich 1989 mit Helmut Kohl an der Dresdener Frauenkirche vor einem Meer schwarz-rot-goldener Fahnen stand und die „Wir sind ein Volk“-Rufe hörte. Dass die neuen Bundesbürger aus dem Osten mit riesiger Mehrheit Helmut Kohl wählten und ihm sozusagen ein zweites politisches Leben verschafften, war für mich auch verstörend.
Ich habe dann einige Jahre viel weiter im Westen gelebt, als Korrespondent in den USA. Das relativierte die deutschen Verhältnisse. Als ich 2001 zurückkehrte, kam ich zur Berliner Zeitung und hatte erstmals tagtäglich mit Ostdeutschen zu tun: Sie waren meine Kollegen. Die größte Überraschung für mich war, dass ich anfangs gar nicht unterscheiden konnte, wer in dieser Redaktion woher stammte. Es spielte im Alltag auch keine Rolle. Die feinen Zwischentöne verstand ich erst mit der Zeit. Das Sagen hatten freilich die Westdeutschen. Dennoch, dies ist ein Platz, an dem sich beide Seiten erfolgreich zusammengerauft haben und schon lange gemeinsam für ein Projekt stehen.
Und natürlich ist dieses Land nun auch mein Land. Und wir alle dürfen das republikanische Symbol beider deutschen Staaten, die schwarz-rot-goldene Fahne der Demokraten des 19. Jahrhunderts, nicht den Rechtsradikalen und Nationalisten überlassen. Das habe ich inzwischen verstanden. Es sind die Farben, die seit fast 200 Jahren für das gute Deutschland stehen. Für mein Deutschland.
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