Weit abgelegen ist der Dry Tortugas Nationalpark im Golf von Mexiko – und weil man ihn nur per Boot oder Wasserflugzeug erreicht, zählt er auch zu den am wenigsten besuchten Nationalparks der USA. Doch der Ausflug lohnt sich: wegen der paradiesischen Strände, der Vögel und Fische, vor allem aber wegen des mächtigen Bauwerks Fort Jefferson.
Die Fähre befindet sich nach mehr als zweistündiger Fahrt zwar schon mittendrin. Trotzdem ist vom Ziel des Tagesausflugs, dem Dry Tortugas Nationalpark, noch nichts zu sehen – also nichts, bis auf ein weites, dunkles Blau im Golf von Mexiko. 99,86 Prozent des Parks liegen schließlich unter Wasser. Das heißt allerdings nicht, dass das, was man über Wasser entdecken kann, nicht weniger spannend ist. Insgesamt sieben Inseln mit traumhaften Stränden sind es, die es mühelos mit der Karibik aufnehmen können. Die Hauptattraktion steht allerdings auf Garden Key: Fort Jefferson.
Abgelegen aber wunderschön
Das schiebt sich in der Ferne zunächst flach und wenig imposant ins Blickfeld. Doch dann kommt die Fähre immer näher und es wird einem klar, was für ein wuchtiges Bauwerk das ist. Im Nirgendwo mitten im Meer! Vom Festland ist es weit entfernt. „Es ist der abgelegenste Nationalpark der USA“, erklärt Guide John Hollywood an Bord der „Yankee Freedom“: Rund 113 Kilometer sind es, westlich von Key West. Die Dry Tortugas liegen damit näher an Kuba als an Miami. Weil sie nur über Boot und Wasserflugzeug so begrenzt erreichbar sind, gehören sie zu den am wenigsten besuchten Nationalparks der USA. Das bedeutet aber nicht, dass sich der Ausflug nicht lohnt – im Gegenteil.
Dass ausgerechnet an dieser Stelle das Fort gebaut wurde, verwundert zunächst. Doch die Lage hatte strategisch einen enormen Vorteil. Das massige Sechseck, an dem zwischen 1846 und 1875 gebaut wurde, liegt mitten an der Florida-Straße, einer wichtigen Wasserstraße, die quer durch den Golf bis in die Karibik reicht. „Das Riff hier bricht die Wellen und die Gewässer sind ruhiger, so dass die Schiffe vor Anker gehen konnten“, erklärt der Ranger Michael Wydysh bei einem Rundgang. Auch schon die spanische Flotte segelte früher mit ihren voll beladenen Schiffen vorbei – was wiederum Piraten in die Gewässer lockte.
Ranger Michael Wydysh ist einer von zehn Angestellten im US-Nationalpark, der Schildkröten und Vögeln ein Refugium ist.
© Rettig
„Das Fort war so geplant, dass es einer einjährigen Belagerung standhalten konnte“, sagt der 39-Jährige, dem man die Begeisterung für diesen außergewöhnlichen Ort sofort anmerkt. Dafür verteilte man einst 420 mächtige Kanonen auf der Insel. Die meisten von ihnen wurden mittlerweile eingeschmolzen. Um eine Handvoll kann man aber nach wie vor herumschleichen. Dabei sieht man im Innenhof des Forts auch die Ausmaße des mächtigen Hexagons mit zwei Etagen.
Woher aber kamen all die Millionen roten Backsteine? Sie wurden erst aus Florida und während des Bürgerkriegs sogar aus Maine in Neuengland herangeschafft. „Anfangs zwang man Sklaven zur Arbeit an dem Bau, bis nach dem Bürgerkrieg neue Arbeitskräfte benötigt wurden“, sagt Wydysh. Also wandelte man das Fort in ein Militärgefängnis um und ließ die Insassen weiterbauen. Dazu gehörten im 19. Jahrhundert auch einige Männer, die am Lincoln-Attentat beteiligt waren.
Entdeckt wurde das Archipel aber bereits 300 Jahre vorher: 1513 von Ponce de Leon und seiner Crew. Der ist auch für eine Hälfte des Namens verantwortlich: „Tortugas“ verweist auf die zahlreichen Meeresschildkröten, die die Männer damals hier vorfanden. Das „Dry“, hingegen war als Hinweis für Seefahrer gedacht und sollte sie warnen, dass es dort kein Trinkwasser gibt. Weil eine Wasserquelle fehlte, musste später im Fort der Regen aufgefangen werden. Dafür gab es unter anderem 109 Zisternen mit einer Kapazität von über fünfeinhalb Millionen Litern.
Fertiggestellt wurde das Bollwerk allerdings nie. Stattdessen wurde die Arbeit nach rund drei Jahrzehnten gestoppt und das Gefängnis aufgegeben. Die einzigen, die heutzutage hier leben, sind die zehn Angestellten des Nationalpark-Teams. So wie Wydysh, der im Wechsel zehn Tage auf der Insel bleibt und anschließend vier Tage frei hat. Mit dem Wasserflugzeug oder der Fähre geht es dann nach Key West, wo er ein Haus hat. Auf den Dry Tortugas könne es zwar etwas einsam werden, sagt er, „aber ich liebe es“. Es sei so friedvoll, ohne Verkehr und nachts sei der Himmel fantastisch.
Schnorchel- und Tauchparadies
Außerdem fischt und taucht Wydysh gern. „Das Meer in der Umgebung ist voller Schiffwracks, mehr als 400“, erklärt der Ranger. Hinzu kommen Korallenriffe. „Wir haben viele seltene Korallen und die höchste Korallendichte der nördlichen Hemisphäre.“ Beim Tagesausflug bleibt zumindest ein bisschen Zeit zum Schnorcheln. Das Wasser ist verführerisch, wie es nahe dem Ufer in Türkis und Hellblau schon fast klischeeparadiesisch leuchtet. Also: Flossen an, Taucherbrille auf, Schnorchel in den Mund und Fischchen beobachten. Vor allem am alten Mauerwerk direkt am Fort schwirren sie umher, bunt und schillernd. Mehr als 470 Fischarten sollen es in dem Gebiet sein.
Außerdem unzählige Vögel, die in Schwärmen durch den blauen Himmel treiben. „Hier ist der einzige Ort in den USA, wo die Rußseeschwalbe brütet“, berichtet Wydysh. Sie kämen jedes Jahr aus West-Afrika, zwischen 20.000 und 80.000. Gerade segeln aber vor allem Fregattvögel über dem Fort. Mit rund zwei Metern haben sie eine große Spannweite, wiegen aber kaum mehr als ein Kilo und sehen mit ihren schwarzen Flügeln von unten wie gigantische Fledermäuse aus. Während man so im feinen, weißen Sand sitzt und in den Himmel schaut, könnte man ihnen ewig zuschauen. Wie sie im Wind gleiten und gleiten und gleiten. Doch es ist Zeit, zurück an Bord zu gehen. Die Fähre legt bald ab – und die nächste kommt erst morgen wieder.
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