Original oder Fälschung? Sachverständige aus Potsdam und St. Petersburg sind sich einig, daß es sich bei dem am Dienstag in Bremen beschlagnahmten Mosaik um ein Teil des verschollenen Bernsteinzimmers handelt. "Auch ich bin davon überzeugt, daß es echt ist", sagt der Leitende Potsdamer Polizeidirektor Peter Schultheiß, dem der Fahndungserfolg gelungen ist.Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust, dessen Rechercheure der Polizei bei der Auffindung des Kunstwerkes ein bißchen behilflich waren, will sich lieber "sehr bedeckt halten". Er sei im Moment noch nicht hundertprozentig von der originalen Herkunft des Kunstwerkes überzeugt. Nach erstem Augenschein spräche allerdings "nichts dagegen, daß das Stück echt ist". Vorsicht mit Fälschungen!, denkt sich der Chefredakteur. Klarheit wird es erst in einigen Wochen geben, wenn ein naturwissenschaftliches Gutachten geklärt hat, aus welcher Zeit die Steine, das Klebemittel und das Holz des Rahmens stammen.Das Puzzle Seit 18 Jahren arbeiten zwei Dutzend russische Spezialisten in St. Petersburg an einer originalgetreuen Rekonstruktion des Bernsteinzimmers. Historische Beschreibungen und Abbildungen dienen ihnen als Vorlage für dieses außergewöhnliche Puzzlespiel. Bisher mußte jedes einzelne Teilchen des Kunstwerkes, jeder Mosaikstein eigens angefertigt werden. Nicht mal ein Splitter war in den vergangenen 52 Jahren von dem bei Kriegsende verschollenen Prunkstück zu finden gewesen.An 130 Orten wurde das als "Achtes Weltwunder" geschätzte Kunstwerk vermutet. "Experten" gaben immer wieder vor, über den Verbleib des Bersteinzimmers Auskunft geben zu können natürlich nur gegen ein entsprechendes Informationshonorar. Der Spuren gab es viele. Allein, sie führten ins Leere.Die Restauratoren von St. Petersburg blicken nicht mal mehr von ihren Tableaus mit dem Bernstein-Puzzle auf, wenn wieder eine "sensationelle neue Spur im Fall des verschwundenen Bernsteinzimmers" gefunden wird. Meldungen dieser Art kommen in jedem Jahr so sicher wie das Sommerloch. Die anschließenden Dementis auch. Bisher sahen die russischen Spezialisten keinen Grund, ihre Arbeiten am Duplikat des Kunstwerkes einzustellen. Bisher.Die Spur In Potsdam war es sehr heiß, als die Polizei gestern Einzelheiten über ihren Coup bekanntgab. Für die Sommerloch-verdächtige Großwetterlage können die Kriminalisten nichts. Zum ersten Mal scheinen sie tatsächlich ein Segment des legendären Bernsteinzimmers entdeckt zu haben, wenn auch nicht aus Bernstein, sondern aus Marmor und Halbedelsteinen. Bei dem sichergestellten Fundstück handelt es sich um ein Element, das erst 1755 in das 1711 geschaffene Bernsteinzimmer eingefügt wurde. Es ist auf einem Holzrükken gearbeitet und wurde dort mit Harz befestigt.Auf die Spur dieses 55 mal 70,5 Zentimeter großen florentinischen Mosaiks einer Gartenlandschaft waren die Fahnder bei ihrer Suche nach der aus dem Potsdamer Schloß Charlottenhof geraubten "Ansicht eines Hafens" von Caspar David Friedrich gekommen. Am 20. Januar war die Polizei auf einen Hehler aufmerksam geworden, der in einem Café in Berlin-Grunewald das Friedrich-Gemälde zum Kauf anbot. Teil des Deals sei auch das bewußte Marmor-Mosaik des Bernsteinzimmers und ein offensichtlich gefälschtes Selbstporträt Hitlers gewesen, so Peter Schultheiß. Die Diebe des Hafen-Gemäldes wurden damals festgenommen, das Hitler-Bild habe man später in einer Garage entdeckt. Die Spur des Mosaiks wurde weiterverfolgt.Auftritt Spiegel. Die Fahndungsgeschichte des Nachrichtenmagazins im nächsten Heft detailliert und illustriert nachzulesen liest sich wie das Drehbuch eines neuen deutschen Fernsehkrimis. Die Stasi ist dabei, die Bonner Politik und sogar Boris Jelzin spielt einen kleinen Part. Wenn auch nur im Off.Mittelsmänner des Kunst-Deals, so berichtet der Spiegel in seiner nächsten Ausgabe, seien der Berliner "Projektentwickler" Peter Weber und seine beiden Geschäftspartner, die ehemaligen Kunstexperten der Stasi, Axel Hilpert und Hans-Otto Teuscher, gewesen. Diese dubiosen Drei hätten in Bonn sondiert, ob das Mosaik nicht dem russischen Präsidenten Boris Jelzin bei dessen Besuch in Baden-Baden übergeben werden könne.Die Geste des guten Willens in Sachen Beutekunst hätte Bonn runde 2,5 Millionen Dollar gekostet. Das war der Preis, den der eigentliche Besitzer des Mosaiks, ein geheimnisvoller "Mister X", herausschlagen wollte.Die Bescheidwisser Das Kanzleramt hat inzwischen dementiert, je in die Angelegenheit involviert gewesen zu sein.Der Krimi geht ohne Bonner Beteiligung weiter. "Da war eine Gruppe von Leuten, die wußten, welche Kontaktmänner es gab", sagt Aust am Tag nach der "Operation", wie er die Beschlagnahmung des Kunstwerkes in Bremen nennt. Der Spiegel gehörte zu dieser Gruppe der Bescheidwisser. Vor zirka zwei Wochen habe die Aktion "Bernsteinzimmer" konkrete Formen angenommen. Es sei laut Aust eine "schwierige Gemengelage" von Interessen und Personen gewesen. "Wir haben alle an einen Tisch geholt, mit ihnen geredet und dann die Operation gemeinsam mit Polizei und Staatsanwaltschaft durchgeführt."Der Fund Nun ist auch die Potsdamer Polizei wieder mit dabei. Im Zuge ihrer Ermittlungen war ihr ein Videoband zugespielt worden, auf dem das Marmor-Mosaik zu sehen ist. Polizeidirektor Schultheiß zeigte das Band Experten von der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg. Diese hielten es anhand von Vergleichen mit alten Fotografien für möglich, daß das gezeigte Mosaik wirklich jenes verschollene Kunstwerk sei. "Daraufhin haben wir Verbindung mit den Mittelsmännern aufgenommen", sagt der leitende Polizist Schultheiß.Schultheiß spielt bei der Aktion in Bremen die Hauptrolle. Er gibt den potenten Kunstinteressenten. In einer Anwaltskanzlei drei Stockwerke über einem Café präsentiert ihm der Notar Manhard Kaiser das von zwei Decken verhüllte Mosaik auf dem Fußboden seines Büros. "Die Männer knieten nieder", wird am Sonnabend im Spiegel zu lesen sein. Sie ziehen die Decken weg.Zum Vorschein kommt ein 55 mal 70 Zentimeter großes Bild aus Marmor und Onyx in einem Goldblechrahmen, der mit Halbedelsteinen besetzt ist. Die am Hintereingang des Cafés mit einem Peilwagen der Post wartenden Beamten erhalten das verabredete Signal und stürmen die Kanzlei. Dem verdutzten Notar bleibt nur noch eine förmliche Beschwerde. Das Mosaik ist er los.Sein Mandant im Alter "um die 60", in dessen Auftrag er das Bild verkaufen sollte, sei der rechtmäßige Eigentümer, argumentiert der Notar. Nach seiner Darstellung ist "Mister X" der Sohn eines ehemaligen Wehrmachtsangehörigen, der im Zweiten Weltkrieg einen Sanitäts-Lastwagen gefahren habe, in dem Teile des Bernsteinzimmers von Zarskoje Selo bei St. Petersburg nach Königsberg transportiert worden waren. Unter Beschuß habe der Soldat das Mosaik an sich genommen, später nach Deutschland gebracht und in seiner Wohnung aufgehängt.Nach dem Tod des Soldaten im Jahre 1978 habe sein Sohn das Bild auf dem Dachboden entdeckt und es sich übers Sofa gehängt. Seit einem Fernsehbericht über das Bernsteinzimmer vor sechs Jahren habe er geahnt, was das Mosaik wert sein könnte. Jetzt habe sein Mandant Geld gebraucht und wollte das Kunstwerk verkaufen. Sagt der Notar. Für ihn ist die Rechtslage eindeutig.Laut Paragraph 937 des Bürgerlichen Gesetzbuches geht auch fremdes Eigentum nach zehnjährigem Besitz in das Eigentum des neuen Besitzers über, sofern dieser es in "gutem Glauben" erwarb. Der Sohn des Soldaten, so es ihn gibt, könnte sich das Eigentumsrecht "gutgläubig ersessen" haben, wie der Notar es nennt, denn als Erbe wäre er ja rechtmäßig in den Besitz des Bildes gelangt.Die Rechtslage Angenommen, das Bild ist echt, steht eine juristische Auseinandersetzung um dessen Verbleib bevor. Für den Saarbrücker Staats- und Völkerrechtler Wilfried Fiedler ist die Rechtslage nämlich ebenfalls eindeutig. Nur ganz anders, als der Bremer Notar Kaiser sie0 sieht.Die Bundesrepublik habe sich durch Verträge verpflichtet, so Fiedler, russische Kulturgüter zurückzugeben. Anderenfalls hätte niemand das Recht, bei den Russen auf die Herausgabe der verlagerten Kunstschätze aus deutschen Museen zu pochen, sagt er. Der russische Ministerpräsident Viktor Tschernomyrdin hat prophylaktisch schon mal die Bonner Bereitschaft zur Rückgabe des Mosaiks begrüßt.Was Tschernomyrdin vermutlich nicht weiß: Für die Bundesregierung ist das Mosaik zur Zeit offiziell "kein Thema". Zunächst müsse die abschließende Expertise über die Echtheit des Kunstwerkes abgewartet werden, erklärte das Auswärtige Amt. Erst wenn sich das Mosaik wirklich als Original herausstellen sollte, könne es zum Gegenstand der Gespräche zwischen Deutschland und Rußland über die in Moskau lagernde sogenannte Beutekunst aus dem Zweiten Weltkrieg werden.Laut Spiegel-Chef Aust haben seine Leute bereits "mit russischen Regierungsstellen gesprochen" und Moskau zugesagt, sich für eine Rückgabe des Mosaiks stark zu machen. "Jegliche Beutekunst sollte in die Länder zurück, wo sie herkommt", meint Aust. In der nächsten Woche ist er in St. Petersburg, um sich vor Ort über die Arbeit der Restauratoren zu informieren.Ob es nun echt ist oder nur eine geniale Fälschung: Einen Hinweis auf das verschollene Bernsteinzimmer liefert das in Bremen konfiszierte Mosaik nicht. Der Spiegel hat eine Story, die Potsdamer Polizei hat ein Erfolgserlebnis, Juristen und Kunstsachverständige haben viel zu tun und ein Bremer Notar hat jede Menge Probleme. Soweit das Ergebnis der "Operation Bernsteinzimmer."Die Restauratoren in St. Petersburg müssen keine Angst um ihren Job haben. Im Jahr 2000 wollen sie mit dem Bernsteinzimmer fertig sein. Ganz egal, wie oft es bis dahin noch gefunden wird.
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