Hamburg Der heilige Paulus ist sein Namensgeber, doch der 2,4 Quadratkilometer große Hamburger Stadtteil mit seinen 28000 Einwohnern und 20 Millionen Besuchern im Jahr verdankt seine Berühmtheit seit jeher eher der Lasterhaftigkeit denn der Frömmigkeit. Im Sankt Pauli Museum, das seit Sonnabend mitten im Kiez, in der Davidstraße 17, seinen Sitz hat, wird das Amüsement nun ernsthaft betrachtet."Eigentlich müssten wir direkt in die Davidswache rein, dann machen wir die Polizisten zu Museumswärtern", frotzelt Günter Zint bei der Eröffnung. Er stellte Tausende Bilder und Dokumente zur Verfügung. Geld kam von der privaten Sponsoren und der Hamburger Bürgerschaft - aus einem Investitionsfonds, nicht dem knappen Kulturhaushalt. Der heute bei Worpswede lebende Fotograf begleitete nicht nur die Starclub-Ära der Beatles, sondern gründete 1968 die St. Pauli Nachrichten. Das Erotik-Blatt ging damals mit Redakteuren wie Henryk M. Broder und Stefan Aust als linkes Boulevardmagazin an den Start. Bis der Besucher am Ende der 170 Quadratmeter Ausstellungsfläche einige frühe Ausgaben der St. Pauli Nachrichten auf einer Litfaßsäule betrachten kann, wird er auf eine Zeitreise mitgenommen, die mit der Schlacht bei Bornhöved im Jahr 1227 und einer Klostergründung beginnt und die mit den Bildern des "Rubens von St. Pauli" Erwin Ross, der Würdigung von Szenegrößen wie der Hure Domenica und der Dragqueen Lilo Wanders und dem Zuhälterkrieg der Nutellabande sehr bunt ist.Der Geschäftsführer Christian Homfeldt erhofft sich einen positiven Einfluss auf den Stadtteil: "Das Museum werden wir als offene Institution verwirklichen, so dass Kultur, Wandel und Alltag St. Paulis in die Ausstellung einfließen". Tausende von Fotos und Texten sollen deshalb noch archiviert und digitalisiert werden.Im Mittelpunkt der Ausstellung steht natürlich der Amüsierbetrieb von St. Pauli. Wir erfahren, dass sich das für das Steueraufkommen der Hansestadt so wichtige Vergnügungsgewerbe wegen der an den heutigen Landungsbrücken ankommenden Dampfschiffe etablierte. 1848 waren bereits 19 Bordelle zugelassen. Die Matrosen sollen sich aufgeführt haben wie die Cowboys im Wilden Westen, Schlägereien und Schießereien gehörten zum Alltag. In den Clubs wurden nicht nur Nackttänzerinnen, sondern auch wilde Tiere vorgeführt. Wir erfahren von polizeilich überwachten Freudenhäusern, lernen, dass Prostituierte der Weimarer Republik in Theatern nur in den letzten Reihen sitzen und sich in der Öffentlichkeit nicht mit ihren Kindern zeigen durften. Während schon das Prostitutionsverbot in St. Pauli nicht durchgesetzt werden konnte, leistete das Viertel offenbar auch musikalischen Widerstand gegen die Nazis, weil die Swingkids die geächteten amerikanischen Klänge tapfer weiter aufführten.Dem Hype um den "Starclub" widmet sich das Museum nur am Rande: Zint wollte nicht der wenige hundert Meter entfernten "Beatlemania" Konkurrenz machen. Der 69-jährige Fotograf hat etliche Prostituierte kennengelernt. Sein Buch "Die rote Lola" berichtet von einer Domina aus St. Pauli, die ihre Stammkunden zu Hause ankettete. Er behauptet: "Es gibt nichts Moralischeres als eine Nutte nach Feierabend."------------------------------Foto: Der Sammler Günter Zint
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