Kolumne „Brutal Berlin“

Wer Kinder hat, ist selbst schuld

Omikron kann in Schulen und Kitas durchlaufen, ungehindert, als wären wir am Anfang der Pandemie. Für Politiker gilt: Familien und Kinder zuletzt.

7 Min
Corona, für Eltern ein Kreisverkehr aus Erschöpfung und Überforderung.

Corona, für Eltern ein Kreisverkehr aus Erschöpfung und Überforderung.

© ANIMATIONSERIES2000

Die Zweijährige hatte gerade erst das Baumscheibensystem verstanden, und irgendwie, weil die Beschissenheit der Dinge noch einen großzügigen Bogen um Kinder in ihrem Alter macht, schien sie sogar Spaß daran zu haben. Neue Maßnahme? Kann ja auch ein neues Spiel sein. Und das ging so: Jeden Morgen standen wir um kurz vor neun in der Schlange, bei Wind, im Regen, gemeinsam mit anderen Eltern und Kindern, um die Kita betreten zu dürfen. Vor dem Eingang ein Plastikeimer, darin fünf untertassengroße Baumscheiben, denn – so die Spielregeln – ohne Baumscheibe kein Einlass. Corona, der härteste Kitatürsteher der Stadt. Auf einem Aushang bedankte sich die Kitaleitung für unser Verständnis. Klar, haben wir. Schon wieder, immer noch. Verständnis ist für Eltern ja eine endlose Ressource.

An der Kitatür hängen auch die neuesten Warnmeldungen: „Wir haben zwei Fälle von Magen-Darm.“ Oder Hand-Fuß-Mund. Oder Läuse. Oder was auch immer Kinder so haben, bekommen, weitergeben. Gäbe es eine Straßenverkehrsordnung für Viren, Corona hätte nicht überall Vorfahrt. Vielleicht, dachte ich dann in der Warteschlange, während vor uns die Baumscheiben ihre Besitzer wechselten, wird hier ein Elternteil eines Tages aus Verzweiflung „Bingo!“ rufen, wenn das Kind alle Krankheiten durchgespielt hat. Corona ist der fieseste Endgegner bislang.

„Wo ist meine Baumscheibe?“, fragte die Zweijährige und streckte ihre Hände aus, als wir endlich an der Reihe waren. Später, nach dem Schälen aller Winterklamottenlagen, war sie manchmal nur schwer davon zu überzeugen, dass Papa das lustige Holzspielzeug wieder mitnehmen muss. Die Übergabe an die draußen wartenden Kinder war in ihren Augen ein Regelbruch im Baumscheibenspiel. Doch dieses war nach ein paar Tagen ohnehin schon wieder veraltet, das Update kam per Mail. Betreff: „53. Trägerinformation“, neueste Maßnahme: Seit dieser Woche dürfen wir Eltern gar nicht mehr die Kita betreten. Natürlich Verständnis.

Kindeswohl stand noch nie ganz oben auf der Prioritätenliste

Unsere Kinder geben wir jetzt vor der Tür an die Erzieherinnen ab. Wie Jacken an der Garderobe. Dreimal in der Woche mit einem negativen Testnachweis. Und immer mit einem schlechten Gewissen, das nicht mehr nagt, sondern schon an einem frisst. Die Zweijährige ist ungeimpft. Also muss sie ungeschützt in die Kita, damit wir arbeiten können. Das ist der Generationenvertrag zurzeit, einseitig unterschrieben.

Die nächste Stufe ist klar: Blick ins Postfach, „Verwaltung Kita“ als Absender, irgendwo das Wort „Schließung“. Hunderte Kitas und Schulen in Berlin sind bereits betroffen. Wir hatten wohl Glück bislang. Und können nicht mehr tun, als uns weiterhin darauf zu verlassen, während sich die vierte Welle immer höher auftürmt. Eine Durchseuchung der Kinder nennt Gesundheitsminister Karl Lauterbach zwar ein unethisches Experiment, er warnt regelmäßig vor Long Covid. Trotzdem darf Omikron durchlaufen, ungehindert, als wären wir am Anfang der Pandemie.

Kindeswohl stand noch nie ganz oben auf der Prioritätenliste. Unternehmen sind wichtig, die Selbstständigen müssen gerettet werden. Familien wurden mit 450 Euro Kinderbonus abgespeist und fragen sich, wann ihre Erziehungsarbeit endlich mal vom Gesetzgeber berücksichtigt wird. Dass Eltern verfassungswidrig vom Fiskus belastet werden, hat das oberste Gericht in Deutschland bereits vor über zwanzig Jahren festgestellt. Passiert ist seitdem fast nichts. Manchmal muss ich noch an die Flatterbänder denken, die Spielplätze versperrten, als es in der ersten Welle darum ging, die Alten zu schützen.

Seit über zwei Jahren fallen wir Eltern schon, und während wir fallen, wiederholen wir, um uns selbst zu beruhigen, immer wieder: „Bis hierher lief es noch ganz gut, bis hierher lief es noch ganz gut, bis hierher lief es noch ganz gut.“ Aber wichtig ist nicht der Fall, sondern die Landung. Oder: der Aufprall.

Über diese Langzeitfolgen sollten wir sprechen

Wir sind die #coronaeltern, lesen Sie mal rein, es hört ja nicht auf. Da sind wütende Väter, die aus allen Wolken fallen, wenn Kitas oder Schulen ganz oder teilweise schließen müssen, Restaurants und Stadien aber geöffnet bleiben. Da sind müde Mütter, die durch das Raster fallen, weil die Politik sie systematisch ignoriert und vergisst, sie in die Eigenverantwortung entlässt, statt sich zu kümmern. Der Arbeitgeber wird schon Verständnis haben. Die Kinderkrankentage werden schon reichen. Wer braucht dann noch Urlaub bei so viel gemeinsamer Familienzeit?

Ein gibt dieses Wort, „mütend“, das alle verstehen, die zu müde sind, um wütend sein zu können. Oder umgekehrt. Mütend sind vor allem die, die Kinder haben. Kinder, die Launen und Bedürfnisse nach Hause bringen, aber keinen ökonomischen Nutzen. Die angeblich das größte Kapital unserer Gesellschaft sind, aber von keiner Lobby vertreten werden. Pandemieerkenntnis: Wer Kinder hat, ist selbst schuld. Einer aktuellen Studie zufolge gaben zwanzig Prozent der befragten Eltern an, dass sie keine Kinder mehr bekommen wollten, wenn sie sich heute noch einmal entscheiden könnten. Über diese Langzeitfolgen sollten wir sprechen. Aber hey, bisher lief es noch ganz gut.

Es gibt jetzt keine Quarantänepflicht mehr in den Kitas, keine Präsenzpflicht mehr an den Schulen. Okay, Verständnis, die Gesundheitsämter müssen entlastet werden. Klar, es stehen immer noch keine Luftfilter in den Klassenzimmern, es gibt immer noch keine digitalen Unterrichtskonzepte, ihr macht das schon, siehe Eigenverantwortung – und jetzt? Einfach weiterfallen in der Hoffnung, dass die Kleine sich schon nicht anstecken wird und die Große sich bald wieder selbst beschulen oder wenigstens selbst beschäftigen kann, während man zwischen Einkaufen, Kochen und Wäschewaschen Mails und Anrufe beantworten muss und sich privilegiert fühlen darf, weil das Homeoffice keine Schließzeiten hat? Zu erkennen sind Eltern an zwei Pandemieaugenringen. Auf die Gegenwart schauen sie wie durch Milchglas.

Verschwommen sind auch die Erinnerungen an die Zeit, die noch Übergänge kannte zwischen Job, Erziehung und - haha! - Freizeit. Eine Zeit, die mehr war als eine Aneinanderreihung von Vorsicht und Verzicht. Wann waren wir das letzte Mal im Kindertheater? Wann im Kino? In der Absicht, den Kindern einen einigermaßen strukturierten Tagesablauf zu geben, haben einige längst die eigene Struktur verloren. Verständnis ist wohl doch nicht endlos. Und wenn Eltern das auch ihre Kinder spüren lassen, sie vor Bildschirmen parken, schnell genervt sind, dann ist das kein Ausdruck von Lieblosigkeit, sondern Folge einer galoppierenden Überforderung. Diese ist vielleicht nicht gewollt von der Politik, aber eingepreist, das wird sie.

Eine gravierende Geringschätzung pädagogischer Arbeit

Wir sind im dritten Coronajahr, und im Koalitionsvertrag der Ampelparteien steht immerhin die Absicht, Kinderrechte im Grundgesetz zu verankern. So wie es die Vereinten Nationen seit Jahren von deutschen Regierungen fordern. Wie das klingt: „Bei allen Maßnahmen, die Kinder betreffen, gleich viel ob sie von öffentlichen oder privaten Einrichtungen der sozialen Fürsorge, Gerichten, Verwaltungsbehörden oder Gesetzgebungsorganen getroffen werden, ist das Wohl des Kindes ein Gesichtspunkt, der vorrangig zu berücksichtigen ist.“ Das klingt jedenfalls nicht nach Realität. Die ist so: Fast jedes dritte Kind in Deutschland leidet inzwischen an emotionalen Problemen oder Hyperaktivität. Aber bisher lief es noch ganz gut.

In all den Maßnahmen und Vorschlägen, die der Politik so eingefallen sind in den vergangenen zwei Jahren, steckt zudem eine gravierende Geringschätzung pädagogischer Arbeit. Von Eltern wird erwartet, parallel zu ihrer Arbeit auch die Arbeit der Erzieherinnen oder Lehrer zu übernehmen, als wären diese austauschbar. Als wären Kitas und Schulen lässliche Bildungsoptionen. In der 53. Trägerinformation schlägt die Senatsverwaltung für Jugend, Bildung und Familie vor, „Nicht-Fachkräfte zur Überbrückung dringender Personalengpässe“ einzusetzen. Die Vorlage eines erweiterten Führungszeugnisses ist nicht nötig, Eigenauskunft reicht.

Manchmal frage ich mich, wo wir wohl stünden heute, wenn die Politik alle Pandemiebekämpfungskonzepte am Kindeswohl und an den Bedürfnissen der Eltern ausgerichtet hätte? Vielleicht nicht im Spagat zwischen Erziehung und Arbeit. Vielleicht nicht in einer Warteschlange vor der Kita.

„Wo ist meine Baumscheibe?“, fragte die Zweijährige Anfang der Woche, nachdem sich die Spielregeln geändert hatten. Vor der Kitatür befand sich nur noch ein leerer Eimer. Auf dem Aushang keine neuen Warnmeldungen.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

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